„Toni Erdmann“ am Staatstheater: Nackedei als neue Challenge

Karlsruhe (cl) – Das Badische Staatstheater feiert Saisonauftakt mit einer turbulenten Bühnenfassung von Maren Ades Erfolgsfilm „Toni Erdmann“: Die Businesswelt landet im Ufo auf dem Theater.

Als der Hund stirbt, hat der Vater Zeit für die Tochter: Timo Tank in der Rolle von „Toni Erdmann“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe mit seinem toten Willi.  Foto: Felix Grünschloss

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Als der Hund stirbt, hat der Vater Zeit für die Tochter: Timo Tank in der Rolle von „Toni Erdmann“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe mit seinem toten Willi. Foto: Felix Grünschloss

Der Musiklehrer in Rente mit ausgeprägtem Hang zum Scherzen ist in Maren Ades sorgsam inszeniertem Vater-Tochter-Drama „Toni Erdmann“ mit dem österreichischen Schauspieler Peter Simonischek samt hässlichem Überbiss und Zottelhaar längst zu einer Buffofigur der jüngeren Kinogeschichte geworden. Als Gegenpol reüssierte Sandra Hüller in der Rolle der extrem fokussierten Tochter, die in einer aalglatt durchorganisierten Business-Welt ganz oben mitmischen will.

Mit dem Kinofilm ist der in Karlsruhe aufgewachsenen Regisseurin Ade eine der besten deutschen Filmkomödien seit Langem gelungen. Sie feierte beim Filmfestival von Cannes 2016 Premiere, erhielt den Europäischen Filmpreis und eine Oscar-Nominierung. Und ist doch im Grunde auch ein Kammerspiel, das zum Saisonauftakt am Badischen Staatstheater Karlsruhe nun ein turbulentes neues Leben auf der Bühne gestartet hat.

Die Berliner Gast-Regisseurin Maria Viktoria Linke ist sich der Schwierigkeit der Aufgabe bewusst. Der Vergleich mit der Verfilmung wiegt schwer, er ist in den Köpfen hinterlegt. Remakes sind selbst im Kino fast nie besser als das Original. Am Theater Baden-Baden ist das gewagte Unterfangen mit „Sugar“ („Manche mögen’s heiß“) einmal gelungen. Und das lag insbesondere an der Idealbesetzung, die aus dem eigenen Ensemble möglich war.

Leise Komik des Films wechselt auf der Bühne in laute Farce


Bei der Karlsruher Inszenierung von „Toni Erdmann“ lässt Bühnenbildnerin Julia Kurzweg diese aalglatte Business-Welt wie ein Ufo in unserer Welt landen. Die Business-Leute der Finanzwelt wirken in silbrigen Anzügen und ihren Glashelmen wie Außerirdische, agieren hektisch mit viel Gewese, als würden sie irgendetwas bewegen, und leben im Grunde doch in ihrer Finanzblase. Dieses Bühnenbild, das gebaut ist wie ein Ufo, ist die Umsetzung der vielen Locations mit den Mitteln des Theaters, vor deren Hintergrund sich das Stück abspielt.

Es sind insgesamt acht Schauspieler auf der Bühne, die sechs Darsteller der Nebenrollen tragen das Stück im fliegenden Wechsel mit; der Haupterzählstrang ist der Konflikt von Vater („Erdmann“) und Tochter.

Die Tochter ist aus der familiären Enge, in der sie nicht atmen kann und deren Vorstellungen sie nicht entsprechen will, geflohen, um Karriere zu machen und ein vermeintlich unabhängiges, eigenes Leben zu führen.

Der Vater ist Musiklehrer, geht auf die Rente zu, ist in der Midlife-Krise, auch desillusioniert, was den kleinen Alltag betrifft, reist jetzt der Tochter hinterher. Nachdem der Hund gestorben ist, interessiert er sich in dieser Lebensphase dafür, was aus der Tochter geworden ist, um Versäumtes vielleicht nachzuholen.

Er ist das Gegenstück zu dieser Business-Welt. Auch in dieser Inszenierung hat Toni Erdmann den Überbiss, den Schalk im Nacken und das Yeti-Kostüm an. Die Versuchsanordnung ist, wie man sie kennt.

Timo Tank spielt Toni Erdmann. Mit seiner Ernsthaftigkeit und dem freundlichen, leicht absurden Humor ist der seit Jahren in vielen Hauptrollen am Staatstheater erfolgreiche Schauspieler prädestiniert für diese Rolle.

Lucie Emons hat ihre Tochter-Rolle eng angelehnt an die zielstrebige, aber auch leicht melancholische Art, wie Sandra Hüller die Business-Frau im Film spielt. Die Karlsruher Schauspielerin trägt diese bedrückende, aus dem Ruder laufende Vater-Tochter-Geschichte glaubhaft mit.

Indem er sich selbst nicht so ernst nimmt, bringt Vater Erdmann das ganze System, in dem die Tochter lebt, immer ein bisschen in Unruhe. Er legt die Schwächen dieser Welt offen, gleichzeitig ist es ein Versuch, den Schlüssel zu dieser verschlossenen Welt der Tochter zu finden.

Lebenskluge Botschaft für mehr Menschlichkeit


Eine der Schlüsselszenen in all diesen Kumulierungen und Situationen ist ein Meeting, das die Tochter bei sich zu Hause gibt – es ist der Kipp-Punkt auf der Bühne. Als sie angesichts der kompletten Überforderung, der beruflichen Anforderungen und der zusätzlichen Belastungen durch den Vater, der das Ganze konterkariert, unter Zeitdruck nicht in ihr enges Business-Kleid hineinfindet – zieht sie es entnervt aus. Das ist die Stelle, an der sie sich selbst nicht mehr so ernst nimmt – und geht nackt zur Tür. Ist das eine Challenge? Die Kollegen reagieren wie in einem Assessment-Center. Nur ein Test, um zu schauen, über welche Grenzen wir bereit sind zu gehen, wenn es später heißt, Arbeitsplätze zu vernichten und Profite zu machen? Und das ist der Moment, wo die Nomenklatura dieser Anzug-Träger-Welt für einen Moment zur Erdmannschen Karikatur wird. Wie sie da so nackig dastehen. Das hat etwas von Grimms Märchen bei „Des Kaisers neue Kleider“. Eine erst beklemmende, peinliche, dann für den Betrachter in ihrer Komik befreiende Situation. Am Ende umarmt die Tochter dieses zottelige Wesen, das zu ihrer Party gekommen ist, hinter dem ihr Vater steckt. Ein anrührender Schluss.

In Ades Drehbuch steckt doch sehr viel Lebensklugheit drin und präzise beobachtete Alltagswirklichkeit von vielen, ohne, dass das ein wirkliches Happy-Ending gewesen wäre. Bei der Frage, was wirklich wichtig im Leben wäre, gibt es keine abschließende Antwort.

Regisseurin Linke hat die Geschichte mit erprobten Theaterversatzstücken, Maskentheater und Goldflitterregen, innerhalb eines kurzweiligen zweistündigen Theaterabends gut umgesetzt – und den Stoff durchmoderiert. Was soll man auch anderes machen? Am Perfekten kann man nicht herumdoktern. Ein lohnenswerter Theaterabend zum Neustart.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
21. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. September 2021, 22:33 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 35sec

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