Torjäger Hacalar verlässt Fußballbezirk

Baden-Baden/Bühl (moe) – Verteidiger im Bezirk atmen auf: Isa Hacalar verlässt die mittelbadische Fußballbühne nach 20 torreichen Jahren.

Ein König im Fünfmeterraum: Isa Hacalar (links) zieht den Ball förmlich an. Foto: Frank Seiter

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Ein König im Fünfmeterraum: Isa Hacalar (links) zieht den Ball förmlich an. Foto: Frank Seiter

Immer wieder dieser Fuß. Der Stollenschuh am unteren Ende dieses langen, vergleichsweise dünnes Beins, das, wenn der Ball eigentlich längst verloren scheint, Isa Hacalar ausfahren kann, als hätte er eine Teleskopvorrichtung in seiner Extremität verbaut. Der Stürmer stochert nach der Kugel, schnappt sich das Spielgerät – und versenkt es wenige Augenblicke später im Tor. Hundertfach hat sich diese Szene so oder so ähnlich in den Strafräumen Mittelbadens abgespielt, Hacalar avancierte zu einem der – wenn nicht dem – erfolgreichsten Angreifer der vergangenen zwei Jahrzehnte. In dieser Woche hat er den Fußballbezirk Baden-Baden verlassen, genau 20 Jahre nach seinem Debüt im Seniorenbereich.

„Ich muss zu meiner Frau und meiner kleinen Tochter“, sagt der 39-Jährige. Seit viereinhalb Jahren pendelt der Fußballer zwischen Mittelbaden und Mönchengladbach: Hacalar wohnt in Bühl, arbeitet bei Daimler in Kuppenheim und sieht seine Frau, die aus Mönchengladbach stammt, und die sechs Monate alte Elif Emsal höchstens am Wochenende. „Das ist hart“, sagt Hacalar. Aber damit ist jetzt Schluss: Firmenintern konnte der Mann aus Prizren im Kosovo seine Arbeitsstelle tauschen und wechselt ins Düsseldorfer Daimler-Werk – und damit logischerweise auch den Wohnsitz.

Natürlich freut sich Hacalar auf mehr Zeit mit seiner kleinen Familie, brüchig wird seine Stimme aber, wenn er über seinen Bruder Sener spricht, der morgen seinen 37. Geburtstag feiert. Als die Eltern der beiden Torjäger – Sener ist mittlerweile Spielertrainer beim SV Neusatz – vor 17 Jahren in den Kosovo abgeschoben wurden, durften die Brüder bleiben, schlugen sich gemeinsam durch. „Die Trennung jetzt schmerzt“, sagt Isa, „sehr!“

„Geile Jungs“ beim FC Lichtental

Nicht nur seinen Bruder wird er vermissen, sondern auch seine Teamkollegen beim FC Lichtental, seine fußballerische Familie. „Das sind geile Jungs, die werden mir fehlen!“ Dass er sich coronabedingt nicht gebührend verabschieden konnte – mit jeder Menge Tore –, schmerzt kaum. Schließlich ist es ja nicht so, dass er in den vergangenen Jahren mit Treffern gegeizt hätte: Bereits in seiner ersten Saison bei den Senioren, im Jahr 2000 beim VfB Bühl, ließ er das Netz wackeln: stolze 26 Mal. 20 Tore waren es in der ersten Mannschaft in der Landesliga. Ein Jahr später erzielte er dort gar 28 Volltreffer. Mit einer damals neuen Rekordmarke katapultierte sich Hacalar an die Spitze der Torjägerwertung – nicht zum letzten Mal.

Die Treffer des damals noch jungen Stürmers blieben nicht unbeobachtet, zwei türkische Erstligisten klopften an, aber Hacalar wollte nicht weg. Auch beim KSC spielte er zur Probe vor. „Ich war gut dabei,“ versichert der Angreifer. Ede Becker, damals Jugend- und Co-Trainer bei den Badenern, meinte, „ich solle die Vorrunde erst einmal in Rastatt beweisen, dass ich noch besser werde“, erinnert sich Hacalar, der nach zwei Jahren beim VfB zum damaligen Bezirksprimus FC 04 ins Münchfeld gewechselt war. Dort lief es nicht ganz so erfolgreich, weshalb der Goalgetter in sein angestammtes Habitat im Hägenich zurückkehrte – und dort weitermachte, wo er ein Jahr zuvor aufgehört hatte: beim Toreschießen. Gemeinsam mit Christian Coratella, mit dem er neben Größen wie Gökhan Bilici und Taner Sengül – und einem gewissen Moritz Hirn – in der VfB-Jugend reüssierte, lehrte Hacalar erst die Landesliga- und nach dem Aufstieg 2004 die Verbandsligaverteidiger das Fürchten.

Lob von Marko Kesch

„Isa ist ein unheimlicher Torjäger“, sagt Marko Kesch. Der ehemalige VfB-Kapitän und aktuelle Trainer des VfB Unzhurst weiß das genau. Schließlich musste sich der damalige Bühler Abwehrchef nicht nur in unzähligen Zweikämpfen in Trainingsspielen mit dem Goalgetter rumärgern, sondern später auch als Gegner auf dem Platz, etwa als Hacalar in die Oberliga zum SV Linx wechselte, wo er in drei Jahren einen Ab-, aber auch einen Aufstieg miterlebte. „Er war nicht immer der Trainingsfleißigste, aber ein echtes Schlitzohr“, erinnert sich Kesch und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Sein Spitzname ,Magnet‘ war ganz bezeichnend. Mit seinen langen Gräten hat er sich immer durchgewurschtelt, der Ball ist immer irgendwie in seine Richtung gesprungen.“ Und danach oft ins Tor.

Besonders häufig war das in den Jahren 2009 und 2010 der Fall. Der König des Fünfmeterraums wechselte von der Ober- in die Kreisliga A zum TC Fatihspor Baden-Baden. „Das war ein Fehler“, sagt Hacalar mit Blick auf seine sportliche Entwicklung. Zumindest profitierte sein Torkonto: Nach 32 Einschlägen im ersten und aberwitzigen 57 Treffern im zweiten Jahr durfte er sich zweimal in Folge die BT-Torjägertrophäe in die ohnehin schon prall gefüllte Vitrine stellen. Seine Marke aus dem Jahr 2010 ist nach wie vor der Bestwert. „Ich verfolge jedes Jahr genau, ob jemand den Rekord knackt. Ich würde mich sogar freuen, wenn es einer schafft. Das würde mir nichts ausmachen“, betont Hacalar gönnerhaft, der seine Kickschuhe stets eine Nummer größer trägt als eigentlich notwendig.

Nicht immer geräuschlose Wechsel

Vielleicht auch, weil er selbst schon so viele Tore geschossen hat, dass er gar nicht mehr weiß, wie viele es genau waren. Derbytreffer für den VfB Bühl gegen den SV Bühlertal – manche reichten zum Sieg – oder ein Tor für Linx gegen den SSV Ulm in der Oberliga vor großer Kulisse sind ihm besonders in Erinnerung. „Und natürlich die acht Tore in einem Spiel gegen Rastatt 04“. Diese markierte Hacalar für Lichtental, das der 39-Jährige – neben seinem Herzensverein VfB Bühl – als „zweites Zuhause“ bezeichnet. Wie auch seinen Förderern beim VfB – Jürgen Bender, Alexander Hassenstein und Stefan Voppichler – habe er den FCL-Verantwortlichen Lars Kunz, Christian Joos und Thomas Filomeno viel zu verdanken. Die acht Buden im letzten Saisonspiel übrigens verhalfen ihm zum vierten Gewinn der BT-Torjägerkanone.

Neben Rekorden und Pokalen sammelte Hacalar, der zuletzt mit einem Zweitspielrecht für Blau-Weiß Meer am Niederrhein auf den Kasten zielte und Sonntagmorgens schon mal um 8 Uhr ins Auto stieg, um auch noch im Haimbachtal auf die Pirsch zu gehen, in den vergangenen Jahren auch jede Menge Vereine. Nach den torwütigen Jahren bei Fatihspor heuerte der Stürmer beim VfR Achern an, kehrte wieder zu Fatihspor zurück, ehe er ein drittes Mal das Trikot des VfB Bühl überstreifte. FC Lichtental, SV Michelbach und erneut Lichtental lauteten die weiteren Stationen. Nicht immer liefen die Wechsel geräuschlos ab – dafür stets torreich.

„Dass er immer noch spielt, spricht für ihn“, findet Marko Kesch: „Ich wünsche ihm alles Gute und dass er mit seiner Familie glücklich wird. Es ist schade, dass er die Region verlässt, auch menschlich.“ Eine Hintertür lässt sich Hacalar aber offen: „Mein Spielerpass bleibt in Lichtental!“ Die mittelbadischen Verteidiger werden das nicht gerne hören.


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