Total verhunzt, aber so richtig

Gernsbach (dk) – Es sind die kleinen Momentaufnahmen des Lebens: Kurioses, Schönes, Ärgerliches. „Lebensnah“ schreibt Daniela Körner diese Woche über die Kunst des Haareschneidens.

Momentaufnahmen aus dem Alltag der BT-Redakteure sind unter der Rubrik „Lebensnah“ zu finden. Grafik: stock.adobe.com/Badisches Tagblatt

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Momentaufnahmen aus dem Alltag der BT-Redakteure sind unter der Rubrik „Lebensnah“ zu finden. Grafik: stock.adobe.com/Badisches Tagblatt

Wenn ich so schreiben würde, wie ich Haare schneide, müsste ich mich wohl nach einem neuen Job umschauen. Ich muss ja nicht alles können – aber im Moment irgendwie schon, zumindest, wenn ein bis zwei Familienmitglieder schwer unter der Corona-Pandemie leiden. Also nicht unter dem Virus direkt, sondern darunter, dass die Friseure seit einer halben Ewigkeit geschlossen haben und die Matte wächst und wächst. Auch mein Schopf könnte frische Farbe gebrauchen. In Sachen Alterungsprozess muss ich den Tatsachen ins Auge blicken. Da bin ich nicht die Einzige, und ich halte tapfer durch. Aber Solidarität hin oder her – den Männern reißt der Geduldsfaden. „Das muss jetzt weg – und wenn ich mir den Kopf kahl schere“: Dieser Satz wird immer vehementer.

Selbst zur Schere zu greifen, hatte ich mir immer verboten

Ich denke an die 70er-Jahre-Fotos mit Kindern mit schiefen Ponys und Topfschnitten und an eines meiner daraus abgeleiteten Prinzipien: Meine Kinder müssen niemals so herumlaufen, die Haare sind für mich tabu. Unser Sohn greift aber beherzt nach dem Rasierer und schneidet meinem Mann schon mal die Haare. Er hat seinem Friseur wohl schon öfter genau auf die Finger geschaut und setzt das perfekt um. Jetzt bin ich an der Reihe – Prinzipien gelten in Corona-Zeiten nicht.

Ein Tutorial soll mir die Kniffe für einen Boxerschnitt verraten, den mein Sohn gerne trägt. Doch dafür fehlt mir die Geduld: Ich höre nur: „Neun Millimeter“, „Ansatz“, „null Millimeter“. Mir schwirrt der Kopf. Ich schalte den Haarschneider ein. Oh nein: Der Ansatz ist an der falschen Stelle angesetzt. Und Macken hat er auch. Mein Sohn schaut in den Spiegel, sagt erst einmal gar nichts. Ich weiß: Ich habe ihm die Frisur verhunzt. Total. Er schimpft nicht, gibt sich zuversichtlich. „Beim nächsten Mal kriegst du es bestimmt besser hin.“ Finde ich echt stark von ihm; ich sehe doch, wie er die Mütze aufzieht, als er mal kurz an die frische Luft geht.

Aber ich wünsche mir so sehr, dass es kein nächstes Mal mehr gibt. Ich darf aufatmen: Ab 1. März darf man sich wieder professionell frisieren lassen.

Vor zwei Wochen hat Fiona Herdrich in dieser Kolumne über ihren Corona-Winterschlaf geschrieben.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Daniela Körner

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Erstellt:
21. Februar 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 10sec

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