„Toxische Beziehung“ zur Ex-Partnerin

Rastatt (as) – Ein 55-Jähriger will reinen Tisch machen und zeigt sich wegen mehrerer Vergewaltigungen seiner Ex-Partnerin an. Das Schöffengericht verurteilte ihn zu zwei Jahren auf Bewährung.

Das Schöffengericht des Amtsgerichts Rastatt hat einen 55-Jährigen wegen Vergewaltigung in fünf Fällen zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Foto: Uli Deck/Archiv

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Das Schöffengericht des Amtsgerichts Rastatt hat einen 55-Jährigen wegen Vergewaltigung in fünf Fällen zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Foto: Uli Deck/Archiv

Die beiden führten eine sogenannte On-Off-Beziehung, die nun sogar die Justiz beschäftigte: Wegen Vergewaltigung in sieben Fällen musste sich gestern ein 55-Jähriger vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Rastatt verantworten. Angezeigt hatte er sich 2019 selbst. Das Gericht verurteilte ihn wegen fünf Vergewaltigungen zu zwei Jahren auf Bewährung und 10.000 Euro Geldstrafe, zu zahlen in 500-Euro-Raten an eine Einrichtung für Frauen in schwierigen Lagen.

Beziehung mit vielen Trennungsphasen

Bei dem Opfer handelt es sich um die frühere Lebensgefährtin des Mannes. Die beiden lernten sich in einem psychiatrischen Fachkrankenhaus kennen, wo beide in Behandlung waren. Sie hätten zwischen 2011 und 2017 eine „toxische Beziehung“ mit vielen Trennungsphasen geführt, wie es Richterin Angelika Binder formulierte. Die Taten sollen zwischen Oktober 2012 und März 2017 in der Wohnung der Frau in Iffezheim begangen worden sein. Sie selbst soll sich bei mehreren Taten in einem komatösen Zustand befunden haben und wurde erst durch (nicht mehr auffindbare) Aufnahmen auf die Vorfälle aufmerksam, die sie beim Angeklagten entdeckte.

„Gewaltsamer Sex war an der Tagesordnung“

Opfer und Täter sind beide psychisch krank. Dem 55-Jährigen attestierte die psychiatrische Gutachterin eine bipolare affektive Störung mit manischen sowie wiederholten depressiven Episoden. Es sei daher nicht auszuschließen, „dass seine Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt war“, erklärte sie. Das Krankheitsbild würden Probleme mit der Hemmschwelle und zeitweiser Verlust der Impulskontrolle sowie depressive Phasen kennzeichnen, erläuterte sie weiter.

Die stark sexuell geprägte Beziehung habe der Angeklagte selbst als „Ritt auf der Kanonenkugel“ beschrieben, so die Gutachterin. „Gewaltsamer Sex war an der Tagesordnung“, erklärte die Richterin, das habe die Geschädigte selbst eingeräumt. Intime Details wurden auf Antrag der Verteidigung und der Anwältin des Opfers, das als Nebenklägerin auftrat, unter Ausschluss der Öffentlichkeit besprochen. Das Opfer litt unter Depressionen und ist alkoholkrank, wie sich aus den Ausführungen von Gutachterin und Richterin schließen ließ.

Freispruch in zwei Fällen

Weil in einem Fall Zweifel an der Vergewaltigung bestanden und in einem anderen das Tatdatum nicht mehr genau festgestellt werden konnte, erfolgte in beiden Fällen Freispruch. Das bedeute jedoch nicht, dass das Gericht von „wahrheitswidrigen Angaben der Geschädigten“ ausgeht, betonte die Richterin mehrfach.

Zugunsten des nicht vorbestraften Industriemechanikers wertete das Gericht seine Selbstanzeige. Damit habe er reinen Tisch machen und dem Opfer bei der Bewältigung der Vorfälle helfen wollen, wie er bei der Polizei ausgesagt hatte. Denn die erste Vergewaltigung von 2012 hatte die Frau bereits 2015 angezeigt. Das Verfahren wurde aber eingestellt. Damit sei das Opfer nicht fertig geworden. Die Richterin sprach von „gravierenden Auswirkungen für die Geschädigte“ durch die oralen und vaginalen Vergewaltigungen, wobei ihr Trauma insgesamt auch auf vorherige Gewalterfahrungen in der Kindheit und in früheren Beziehungen zurückzuführen sei.

Positive Prognose für den Angeklagten

Weil die toxische Beziehung mittlerweile gelöst sei und es auch keinen Kontakt mehr gebe, sprach die Richterin von einer positiven Prognose für den Angeklagten. Dennoch appellierte sie eindringlich an ihn, in der langen, dreijährigen Bewährungszeit die angeordnete Unterstützung durch den Bewährungshelfer zu nutzen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Anja Groß

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Erstellt:
20. Juli 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 33sec

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