Träumen ohne Grenzen

Bühl (km) – Eine starke Mutter trotzt Hindernissen: Die 27-jährige Isabel V. aus Bühl meistert ihren Alltag als alleinerziehende Mama mit Lernbehinderung mit Bravour.

Unbeschwerte Momente für ein eingespieltes Mutter-Kind-Gespann. Foto: Marcus Führer/dpa

© picture alliance / dpa

Unbeschwerte Momente für ein eingespieltes Mutter-Kind-Gespann. Foto: Marcus Führer/dpa

„Für Ben soll es keine Grenzen geben im Leben“, sagt Isabel V. nachdrücklich, „er kann alles erreichen, was er sich wünscht. Das sage ich ihm, so oft es geht.“ Selbstbewusst, mit wachem Blick und einem offenen Lächeln sitzt die junge Frau am Küchentisch ihrer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung und spricht über eine mögliche Zukunft ihres vierjährigen Sohns.

Grenzen. Für die alleinerziehende Mutter gab es diese schon immer – und davon reichlich. Auch wenn es ihr im Gespräch kaum anzumerken ist, so attestiert ein Ausweis der 27-Jährigen einen Behinderungsgrad von 60 Prozent. Entwicklungsverzögerung – mit dieser Beschreibung ihrer geistigen Fähigkeiten wird Isabel V. seit frühester Kindheit konfrontiert.

Als Tochter einer seh- und hörbehinderten Mutter und eines Vaters, der Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat, war die Förderung und Ansprache im Kleinkindalter – nicht zuletzt bedingt durch die Trennung der Eltern – für Isabel und ihren nur ein Jahr jüngeren Bruder so gut wie nicht existent. „Wir durften als Kinder bei unserer Mutter zu Hause nicht sprechen“, erinnert sich die junge Frau, „eigentlich lief den ganzen Tag der Fernseher, und mein Bruder und ich waren für uns.“ Ihre Worte habe sie eigentlich immer runtergeschluckt – oder im Geheimen mit sich selbst gesprochen.

Ein normaler Umgang mit Sprache, dass Kinder unverblümt erzählen und plappern, ohne dafür gerügt zu werden, begegnete den Geschwistern erstmals auf der Förderschule in Ottersweier. „Ich habe die Mooslandschule geliebt“, schwelgt Isabel V. in Erinnerungen an eine für sie prägende und vor allem schöne Zeit, „ich wollte eigentlich nie nach Hause“. Erst in der Schule habe sie erkannt, was in ihr steckt, konnte Freundschaften schließen und hatte regelmäßigen Kontakt zu Kindern außerhalb ihrer Familie. „Ich habe heimlich unterm Bett gelesen damals.“

Im Rahmen eines Praktikums hat sie gegen Ende ihrer Schulzeit zu dem Job gefunden, den sie bis heute ausführt – und auf den sie mächtig stolz ist. Täglich vier Stunden unterstützt die Bühlerin eine Tagespflegeeinrichtung in Steinbach als Küchenhilfe. Finanziell zumindest teilweise auf eigenen Beinen zu stehen, sei sehr bedeutend für die alleinerziehende Mutter, die unterstützend Arbeitslosengeld II und Wohngeld bezieht und bei den Mietkosten ihrer Wohnung von der Lebenshilfe unterstützt wird.

Struktur im Alltag als roter Faden

Bis zum Ende der Schwangerschaft habe sie in einer betreuten Wohngemeinschaft gewohnt, seit einigen Jahren leben Mutter und Sohn alleine. „Zweimal in der Woche kommt eine Betreuerin vorbei“, erzählt sie, um ihr in Situationen, die der 27-Jährigen durch ihre Beeinträchtigung im Alltag schwerfallen, unter die Arme zu greifen. Eine weitere, rechtliche Betreuerin, helfe bei Bedarf beim Schriftverkehr mit Behörden oder Austausch mit Banken, bei Verträgen und wichtigen Formularen, die auszufüllen sind, oder begleite die kleine Familie auch mal zum Arzt.

Ihren Alltag mit Ben schultert die Bühlerin eigenständig. „Wir sind ein gutes Team, würde ich sagen. Und klar hatte ich anfangs Angst, ob ich das alles alleine schaffe – Arbeit, Kind, Haushalt, einfach das Leben“, offenbart die junge Frau. Oft genug habe ihr familiäres Umfeld mit Sätzen wie „Das schaffst du doch nie“, „Wie soll das denn gehen“ um sich geworfen. Entmutigt hat Isabel V. das nicht. Eher noch bestärkt. Bestärkt, an sich selbst zu glauben. Und sie hat ihre Zweifler eines Besseren belehrt.

Wie ein roter Faden, der der kleinen Familie Sicherheit und Struktur schenkt, zieht sich die Routine durch den Alltag des Mutter-Sohn-Gespanns: Aufstehen, Ben zum Kindergarten bringen, zur Arbeit gehen, nach Feierabend noch etwas einkaufen, Ben nachmittags abholen, noch etwas Zeit zusammen verbringen und Abendessen, bevor Schlafenszeit ist. Ein normaler, nicht wirklich aufregender Tagesablauf. Doch die Bühlerin kostet dieser zeitweise Mühe und Energie. „Ich bin nicht immer gleichermaßen belastungsfähig, da ich auch unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leide, da komme ich schon manchmal an meine Grenzen.“

Ben als selbstbewusste Mutter begleiten

Daher sind zwei kinderfreie Wochenenden im Monat, wenn Ben bei seinem Vater oder den Großeltern ist, für Isabel V. sehr wichtig. „Da kann ich mich ausruhen und auch mal Dinge nur für mich tun – so wie das jede Mama manchmal braucht.“

Umso mehr genießt sie nach verdienten Pausen wieder ihre freie Zeit mit Ben – ob im Karlsruher Zoo, Schwimmbad oder bei einer Wanderung auf dem Baden-Badener Merkur.

Als Mama will sie einiges anders machen, als es ihre eigene Mutter tat: „Meinem Kind Liebe und Zuneigung zu geben, mit ihm zu kuscheln, viel zu sprechen und Ben zu fragen, wie es ihm wirklich geht, das ist mir wichtig“, betont die junge Frau. „Ich wurde das nicht gefragt.“

Trotz ihrer auch traurigen Erinnerungen hegt Isabel V. keinen Groll gegen ihre Eltern. Ihrem Vater stehe sie oft helfend zur Seite, da er weder lesen noch schreiben kann, das Verhältnis zur Mutter sei mittlerweile gut. Dass ihr Lebensweg hätte anders verlaufen können, darüber macht sich die Alleinerziehende keine Gedanken. Natürlich habe auch sie mal Träume gehabt – Französisch lernen, da ein Teil ihrer Familie aus Frankreich stammt, die Welt bereisen, Erzieherin werden oder den Führerschein machen. Aber traurig darüber, dass es anders gekommen ist, sei sie heute nicht.

Dafür habe sie mit Ben ganz unverhofft etwas anderes in ihrem Leben bekommen: „Auch wenn es nicht geplant war, Mama zu werden, ist mein Sohn für mich eine Chance, vieles in meinem Leben anders zu machen. Selbstbewusst und stark zu sein und ihn zu begleiten und zu bestärken, sich seine großen und kleinen Träume im Leben zu erfüllen – ganz ohne Grenzen.“

Zum Artikel

Erstellt:
8. Mai 2022, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 52sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.