Traktor aus Gaggenau wirft Fragen auf

Gaggenau (tom) – Was für ein Traktor ist es, der als „Bergmann Gaggenau“ eine neue Sonderbriefmarke ziert? Diese Frage beschäftigt Experten.

Der Historie des „Bergmann-Traktors“ reicht in die Gaggenauer Automobilfabrikation des Jahres 1906 zurück. Foto: Werner Schmeing

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Der Historie des „Bergmann-Traktors“ reicht in die Gaggenauer Automobilfabrikation des Jahres 1906 zurück. Foto: Werner Schmeing

Die Diskussion weist tief in die Industriegeschichte des Murgtals.

Seit 5. August sind die Sonderpostwertzeichen „Historische Fahrzeuge“ aus der Serie „Für die Jugend“ im Verkauf. Herausgeber ist das Bundesministerium der Finanzen.

Die offizielle Begründung belegt: Das Unikum ist ein Unikat: „Der 1906 gebaute Bergmann wurde 1988 in einer Scheune in Bayern entdeckt. Eine Flachriemenscheibe zum Antrieb eines Mähwerks und ein Zugmaul wiesen den Scheunenfund als Traktor aus. Der Rahmen und der große Benz-Vierzylinder-Motor mit 6,8 Litern Hubraum stammen aus der Pkw-Fertigung der Bergmann-Industriewerke Gaggenau.“ Mit über 30 PS, einem Getriebe mit drei Vorwärtsgängen und einem Rückwärtsgang habe Bergmann die Entwicklung von Kleintraktoren vorweggenommen. Werner Schmeing aus Gaggenau hingegen meint gegenüber dem Badischen Tagblatt: „Ganz so einfach ist die Sache nicht.“

Hinweise auf einen Umbau

Zwar weise das Typenschild auf Bergmann Gaggenau hin. Aufgrund der dort mit 19 Steuer-PS angegebenen Motorleistung wurde als Baujahr 1906 angenommen.

Aber: Es handele es sich um einen Umbau von zwei gebrauchten Pkw zu einem Mähtraktor, vermutlich in den 1920er Jahren. Eine Reihe von Merkmalen führt Schmeing an, um seine These zu untermauern.

Der Gaggenauer ist Mitverfasser des Buches über die „Traktoren der Daimler AG“ sowie ehrenamtlicher Mitarbeiter des Unimog-Museums, in dem der Bergmann-Traktor 2011/2012 über neun Monate ausgestellt war. In dieser Zeit fanden auch seine Recherchen statt.

„Eine spannende Geschichte“

Schmeing führt unter anderem aus: Um 1906 sei ein Pkw der damaligen Süddeutschen Automobilfabrik gebaut worden. „Circa 20 Jahre später wurde dieses Auto mit einem weiteren gebrauchten Pkw der Marke Fabrique National de Guerre in Belgien zu einem Mäh-Traktor umgebaut.“ Unklar sei, wann und von wem der Umbau erfolgte.

Schmeings Fazit: „Der Bergmann-Traktor ist durchaus ein historisch interessantes Einzelstück, insbesondere auch für Gaggenau wegen des Antriebsstrangs und des Chassis aus alter Gaggenauer Produktion. (...) Doch in einer Reihe so legendärer Traktormarken wie Porsche, Lanz und manch anderer der über 70 Traktormarken, die es in Deutschland gab und dessen landtechnische Entwicklung prägten und erst ermöglichten, gehört er nicht hinein.“

Die Vorauswahl für die Markenserie traf allerdings kein Laie, sondern mit Hubert Flaig ebenfalls ein anerkannter Experte der Szene: Flaig ist Geschäftsführer des Bundesverbands Historische Landtechnik Deutschland (BHLD).

Die Sondermarken „Historische Nutzfahrzeuge“ zur Unterstützung der Stiftung Deutsche Jugendmarke sind seit 5. August im Verkauf. Foto: Finanzministerium

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Die Sondermarken „Historische Nutzfahrzeuge“ zur Unterstützung der Stiftung Deutsche Jugendmarke sind seit 5. August im Verkauf. Foto: Finanzministerium

Er hatte der „Stiftung Deutsche Jugendmarke“ 70 Traktorentypen zur Auswahl geschickt. Eine unabhängige Kommission habe letztlich den Bergmann ausgewählt – als historisches Einzelstück. Flaig: „Dabei bestand durchaus die Absicht, eben auch weniger bekannte Marken und Modelle, und damit die Vielfältigkeit des deutschen Traktorbaus zu zeigen.“ Dass es noch offene Fragen zu dem Fahrzeug gebe, mindere nicht dessen historische Bedeutung: „Wie Herr Schmeing bereits berichtet, ist auf dem Traktor ein Typenschild von Bergmann Gaggenau angebracht, weshalb er direkt nach dem spektakulären Scheunenfund 1988 als ,Bergmann-Traktor‘ in die Oldtimertraktor-Szene einging.“

Neben dem Typenschild seien unter anderem die stilisierten Prägungen des Firmenzeichens der Süddeutschen Automobilfabrik SAFG Gaggenau wichtig, die sich auf dem Brems- und Kupplungspedal befinden. Die wichtigsten Bauteile des Traktors, wie der Motor, das Getriebe, das Lenkgetriebe, die Vorder- und Hinterachse sowie der Rahmen, wurden auch für den Bau von Pkw und Lkw von der SAFG verwendet. Dass die SAFG 1905 aus den Bergmann-Industriewerken hervorging und bereits zwei Jahre später von Benz & Cie, Mannheim übernommen wurde, legt also den Schluss nahe, eine Datierung für das Fahrzeug für das Jahr 1906 anzunehmen.

Flaig jedenfalls nimmt Schmeings Aufforderung zur gemeinsamen weiteren Recherche gerne auf: „Vielleicht war ja die Wahl des Bergmann-Traktors deshalb eine gute, weil jedes historische Fahrzeug eine eigene, spannende Geschichte erzählt, die in diesem Fall wohl noch nicht abgeschlossen scheint.“

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