Trauer um Bernhard Friedmann

Ottersweier(jo) – Der Ottersweierer Ehrenbürger Bernhard Friedmann ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Sein Vermächtnis: eine wohltätige Stiftung.

Politiker und Wohltäter: Der frühere EU-Rechnungshofpräsident Bernhard Friedmann ist am Dienstag im Alter von 89 Jahren gestorben. Foto: privat

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Politiker und Wohltäter: Der frühere EU-Rechnungshofpräsident Bernhard Friedmann ist am Dienstag im Alter von 89 Jahren gestorben. Foto: privat

Das Land verliert einen großen Europäer. Ottersweier trauert um seinen Ehrenbürger: Professor Dr. Bernhard Friedmann ist am Dienstagabend nach kurzer Krankheit in einem Klinikum in Karlsruhe verstorben. Der frühere Präsident des Europäischen Rechnungshofs wurde 89 Jahre alt.

Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich am Mittwoch wie ein Lauffeuer. In der Zeit nach seinem Abschied aus Luxemburg hat sich Friedmann in seinen Heimatort als Wohltäter hervorgetan. „Mit ihm verlieren wir einen großen Sohn unserer Gemeinde, der in allen politischen Ämtern, die er begleitet hat, immer bodenständig und einer von uns geblieben ist“, erklärte Bürgermeister Jürgen Pfetzer. Der Ehrenbürger habe mit seiner 2003 gegründeten Stiftung ein „bleibendes Denkmal geschaffen, das dem Wohl der Bürger in unserer Heimat dient.“ Gefördert werden soziale und kulturelle Initiativen – jedes Jahr mit rund 20.000 Euro.

Das Stiftungskapital hat Friedmann all die Jahre sukzessive erhöht, sodass die gemeinnützige Arbeit auch nach seinem Tod weitergehen kann. Damit drückt sich die große Wertschätzung aus, die er Ottersweier entgegenbrachte und wo er – trotz steiler Karriere – immer seinen Hauptwohnsitz behielt. Ohne sein Engagement und das seiner Ehefrau Gertrud hätte die Dorfgemeinschaft das Projekt Heimatmuseum nicht stemmen können. Ohne ihn sähe auch das Schulleben der Maria-Victoria-Schule und der Unzhurster Grundschule ärmer aus, um drei Beispiele zu nennen.

Visionäre Thesen über die Wiedervereinigung

Zeitlebens verbunden blieb Friedmann auch der Heimschule Lender in Sasbach, wo er sein Abitur ablegte. Nach einer Verwaltungsausbildung bei der Bundespost studierte er Wirtschaftswissenschaften und promovierte 1960 an der Uni Freiburg, die ihm 1995 die Honorarprofessur verlieh. Als Diplom-Volkswirt stieg er bis zum Ministerialrat der Bundesverwaltung auf. 1976 kandidierte er mit Erfolg für den Bundestag, dem er 14 Jahre lang als Abgeordneter angehörte. Der Familienvater zweier Töchter und eines Sohns war Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Haushaltsausschuss, leitete den Rechnungsprüfungsausschuss und den Bewilligungsausschuss für Verteidigungsfragen. Legendär ist seine Auseinandersetzung mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Der mächtige Parteikollege tat Friedmanns visionäre Thesen im Buch „Einheit statt Raketen“ lapidar als „blühenden Unsinn“ ab. Doch der Mann aus Ottersweier, der zu Verhandlungen mit der Sowjetunion geraten hatte, irrte nicht: Nur zwei Jahre später kam es zur Wiedervereinigung.

Im neuen Europa wartete auf Friedmann eine neue Berufung: 1990 wurde er deutsches Mitglied des Europäischen Rechnungshofs und rückte letztlich bis an dessen Spitze auf. Das Wirtschafts-Magazin „Capital“ adelte seine Amtsführung, die keinen Klüngel duldete, mit dem Titel: „Der Unbestechliche“. Sein unbestrittenes Wissen um geordnete Staatsfinanzen machte ihn zu einem vielfach gefragten Experten auch im Ruhestand. Friedmann engagierte sich in Wissenschaft und Wirtschaft und bekleidete verschiedene Ehrenämter. Das politische Geschehen hielt ihn geistig fit bis ins hohe Alter: Er las mehrere Tageszeitungen und korrespondierte mit früheren Weggenossen wie aktuellen Entscheidungsträgern. Sein Rat war bis zuletzt gefragt.

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Erstellt:
19. Mai 2021, 13:42 Uhr
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