Trauer um geliebte Seejungfrau

Achern (jo) – Das BT begibt sich auf einen Spaziergang. In der vierten Folge vom „Kunstspaziergang in Achern“ geht es um den Brunnen-Philipp.

Kunstspaziergang in Achern: Stoisch hockt der Brunnen-Philipp auf einem Granitblock. Foto: Joachim Eiermann

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Kunstspaziergang in Achern: Stoisch hockt der Brunnen-Philipp auf einem Granitblock. Foto: Joachim Eiermann

Stoisch hockt der Brunnen-Philipp auf einem Granitblock und stiert vor sich hin. Die wohl bekannteste Skulptur der Hornisgrindestadt steht dort, wo sich einst der geografische Mittelpunkt des Großherzogtum Badens befand: auf dem Adlerplatz. Entstanden 1908, zur Zeit Friedrichs II., als Achern 100 Jahre Stadtrecht feierte.

Mit Hilfe von Spenden einheimischer und ausgewanderter Bürger wurde der Künstler Konrad Johann Taucher (1873-1950) für den Jubiläumsbrunnen engagiert. Der gebürtige Nürnberger hatte an der Kunstgewerbeschule seiner Heimatstadt studiert und arbeitete seit drei Jahren als freischaffender Bildhauer in Karlsruhe. Seine Referenzen in Form zweier Jünglings-Brunnen in der Fächerstadt und in Freiburg dürften ihm zum Auftrag in Achern verholfen haben. In Karlsruhe war dies die Figur des „wasserschöpfenden Knabens“ vor der Kleinen Kirche unweit des Marktplatzes. In der Breisgau-Metropole schuf er den Schneckenreiterbrunnen im Colombipark: ein Junge sitzt auf einer riesigen Weinbergschnecke. Beide Wasserspiele sind bis heute erhalten.

Denkende Pose

Tauchers Brunnen-Philipp nimmt eine Denkerpose ein, das Kinn auf die Faust der rechten Hand gestützt. Über was der junge, nackte Mann mit dem Hirtenstab grübelt, bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen. Dem war jedoch nicht immer so, denn ursprünglich zierte ein Majolika-Fries mit Nixen die Rückwand, einer Kulisse gleich; und das Wasser sprudelte aus Mündern von Faun-Gesichtern.

Diese Elemente der Brunnenanlage haben die Zeit nicht überdauert, sind jedoch wichtig, um den Zusammenhang herstellen zu können. Das einstige Ensemble inszenierte die Mummelsee-Sage vom trauernden Hirtenjungen, der mit einer Seejungfrau die Nacht durch tanzte, was ihr Todesurteil bedeutete.

Rätsel um Namen

Der Brunnen resultiert aus einer Zeit, als die Menschen den Schwarzwald als Ausflugsziel entdeckten; nur zwei Jahre nach dem Brunnenbau errichtete der Schwarzwaldverein den Hornisgrinde-Aussichtsturm. Es lohnt sich, die perfekt gearbeitete Bronzefigur von Kopf bis Fuß im Detail zu betrachten. Könnte der Brunnen-Philipp reden, wüsste er sicherlich viel über die Acherner und sich zu erzählen. So aber wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, wie er zu seinem Namen kam.

In der nächsten Folge der Serie „Kunstspaziergang in Achern“ geht es um den Alisi-Brunnen auf dem Marktplatz.

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Erstellt:
26. Mai 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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