Traum und Trauma im Rastatter Schloss

Rastatt (sl) – Die Staatlichen Schlösser und Gärten wollen im Themenjahr Exotik auch befremdliche Kapitel der Geschichte näher beleuchten. Aktuelle Diskussionen verändern die Wahrnehmung.

Besiegt, gefangen, verschleppt und gedemütigt: Die „Beutetürken“ im Rastatter Schloss können einem leidtun. Und es gab sie nicht nur aus Stuck. Foto: Sebastian Linkenheil

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Besiegt, gefangen, verschleppt und gedemütigt: Die „Beutetürken“ im Rastatter Schloss können einem leidtun. Und es gab sie nicht nur aus Stuck. Foto: Sebastian Linkenheil

Nach vielen Monaten Corona-Pandemie empfinden viele Zeitgenossen das Fernweh gerade besonders schmerzlich. Das Fremde übte indes schon auf die Menschen früherer Epochen eine Faszination aus. Es reizte aber auch zur Abwehr. In der Rastatter Residenz und in Schloss Favorite zeigt sich das besonders eindrucksvoll. Mit dem Themenjahr Exotik wollen die Staatlichen Schlösser und Gärten auch diesen Zwiespalt näher in den Blick nehmen.

„Stehen nicht nur für Kleider und Perücken“

„Wir stehen nicht nur für prächtige Kleider und Perücken“, wehrt sich Frank Krawczyk gegen ein mögliches Vorurteil gegenüber den barocken Monumenten, sondern auch für Traum und Trauma des Hungers nach Exotik. Der Pressesprecher der Staatlichen Schlösser und Gärten nimmt aktuelle gesellschaftspolitische Diskussionen auf: „Der Blick auf Kolonialismus, Sklaverei und ökonomische Zusammenhänge in früheren Epochen hat bei allen Beteiligten die Wahrnehmung verändert.“

Ein Beispiel: Besuchern des Rastatter Schlosses bleiben, neben den prunkvollen Räumen an sich, oftmals die gefesselten Osmanen in Erinnerung. Die gedemütigten Kriegsgefangenen verkörpern das Fremde schlechthin und sind ein Sinnbild seiner Abwehr. Mit ihren Rücken scheinen sie die hohen Decken der Festsäle zu stützen – und sie könnten einem fast leidtun, wenn sie nicht aus Stuck wären. Doch es gab diese sogenannten „Beutetürken“ tatsächlich. In den Kriegen gegen das Osmanische Reich um die Wende zum 18. Jahrhundert wurden Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen auf beiden Seiten gefangen und verschleppt, weiß Cem Alaçam, Konservator und Projektmanager für die Themenjahre. Was aus ihnen wurde, liegt aber weitgehend im Dunkeln. Ihr Schicksal will man jetzt erforschen. „Wir lernen in jedem Themenjahr selbst dazu“, freut sich Frank Krawczyk.

Neue Erkenntnisse zu erwarten

Cem Alaçam gibt zu, dass ihn das Thema aufgrund seiner eigenen Herkunft besonders interessiert. Die Menschen, die wir heute als Türken bezeichnen, seien aber nicht gleichzusetzen mit den Bewohnern des historischen Osmanischen Reichs, das viele Völker und Kulturen umschloss. Nicht nur „Beutetürken“ gab es, sondern auch „Kammermohren“ – alles historische Bezeichnungen, die man heute nur noch in Gänsefüßchen setzen kann. Dafür stamme der Name „Türkenlouis“ gar nicht aus den Lebzeiten des Feldherrn, badischen Markgrafen und Erbauers des Rastatter Schlosses, sondern sei erst im 19. Jahrhundert aufgekommen, mehr als 100 Jahre nach dessen Tod. Auch nicht alle Gegenstände der sogenannten „Türkenbeute“, die einst in der Rastatter Residenz und heute im Badischen Landesmuseum Karlsruhe gezeigt wird, seien eigentlich türkischen Ursprungs. Es sind also durchaus neue Erkenntnisse rund um das Rastatter Schloss zu erwarten. Cem Alaçam ist indes kein anderes Schloss bekannt, in dem das vermeintlich Türkische und die Kriege gegen das Osmanische Reich eine derart große Rolle spielen wie in Rastatt.

In Schloss Favorite vor den Toren der Barockstadt ist es dagegen die Begeisterung für den Fernen Osten, der sich in Porzellansammlung und Raumdekoren widerspiegelt. Chinesischem und Japanischem kann man dort begegnen, sei es nun auf Vasen und Schalen oder auf Tapeten und Deckengemälden.

Von Schloss Favorite indes ist derzeit nur das Erdgeschoss zu besichtigen, die Beletage ist coronabedingt gesperrt. Dort wären die gebotenen Sicherheitsabstände bei Führungen nicht einzuhalten, erklärt die Leiterin der Schlossverwaltung, Magda Ritter.

„Noch abhängig von Inzidenzwerten“

Corona ist auch der Grund, warum sich das vielfältige Thema Exotik vorerst nicht, wie die früheren Themenjahre, in einem Sonderführungsprogramm niederschlägt. „Noch sind wir abhängig von Inzidenzwerten“, bedauert Krawczyk. Daher werde das Themenjahr vorerst in Standardführungen berücksichtigt, außerdem gibt es einen zwölfseitigen Kurzführer, der die Rastatter Schlösser unter dem Aspekt der Exotik vorstellt. Wenn die Themenführungen irgendwann wieder möglich sein sollten, habe man jede Menge Ideen im Köcher, hofft Krawczyk auf die kommenden Monate. Und Alaçam kündigt für den 18. November ein Online-Werkstattgespräch mit Experten zum Thema an – dann vielleicht schon mit neuesten Erkenntnissen zu „Beutetürken“ und „Kammermohren“.

Konservator Cem Alaçam (links) und Pressesprecher Frank Krawczyk präsentieren im Ahnensaal Werbematerialien zum Themenjahr der Staatlichen Schlösser und Gärten. Foto: Sebastian Linkenheil

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Konservator Cem Alaçam (links) und Pressesprecher Frank Krawczyk präsentieren im Ahnensaal Werbematerialien zum Themenjahr der Staatlichen Schlösser und Gärten. Foto: Sebastian Linkenheil

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BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

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Erstellt:
6. Juli 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 57sec

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