Traum von erster Olympia-Medaille

Triberg (mi) – Der 2. August soll der krönende Abschluss in der Ringer-Karriere von Aline Rotter-Focken werden. Die Weltmeisterin von 2014 hofft auf die erste Olympia-Medaille fürs Frauen-Ringen.

Freut sich nach dem Sieg im kleinen Finale in Warschau: Aline Rotter-Focken. Foto: Caliskan/dpa

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Freut sich nach dem Sieg im kleinen Finale in Warschau: Aline Rotter-Focken. Foto: Caliskan/dpa

Nach dem jahrzehntelangen Kampf um die Anerkennung für ihre Leidenschaft, der Belohnung für all die Trainingsfron in Form von Medaillen, von denen sie mittlerweile eine ganze Sammlung wie Schuhe besitzt, steht für Aline Rotter-Focken jetzt noch die ultimative Herausforderung vor der sportlichen Rente an: Die Besteigung des Olymps. Ganze zwölf Wochen trennen Deutschlands stärkste und erfolgreichste Ringerin vor dem Höhepunkt des Jahres und zugleich ihrer langen Karriere.
An den ersten beiden August-Tagen geht es auf die olympischen Matten, wobei für die seit Montag 30-Jährige natürlich nur der 2. August rot angestrichen ist, wenn es um die Medaillen im großen und kleinen Finale geht.

Kürzlich hat sie den Kampf um die Bronzemedaille bei der EM in Warschau gegen die belarussische Titelverteidigerin Vasilisa Marsaljuk mit 4:0 Punkten gewonnen. Nicht eingeplant war zuvor die Viertelfinal-Niederlage gegen die Russin Natalija Worobewa. „Ich habe nach 1:2-Rückstand erst zwei Zehntel nach Kampfende gepunktet. Das hat mich schon geärgert. Ich hatte eine ganz andere Taktik vor, also ein offenes Gefecht, und habe mir dann ihren Stil aufdrängen lassen. Die Niederlage stachelt mich jetzt umso mehr an“, sagte die Krefelderin, die seit vier Jahren in Triberg mit ihrem Ehemann Jan lebt, selbst früher ein deutscher Spitzenringer

Bronze bei EM

.Besser in Warschau knapp am Sieg vorbei als in Tokio. Die zehnmalige Medaillengewinnerin bei Europa- und Weltmeisterschaften will ihre stolze Karriere mit ihrer ersten Olympia-Plakette – es wäre überhaupt die erste fürs deutsche Frauenringen – krönen. Dafür fließt derzeit der Schweiß in Strömen. Zuletzt im Leistungszentrum auf dem Herzogenhorn am Feldberg, wo die Französinnen gemeinsam mittrainierten, und danach im Olympia-Stützpunkt in Freiburg. „Alles wurde streng getestet. Die Maßnahmen waren aber wichtig, da wir internationale Trainingspartner brauchen.“

Bei Olympia wird eine besondere Atmosphäre herrschen – aber anders als sonst üblich, die Corona-Pandemie, die gerade in Japan noch ihr Unwesen treibt, drückt auf die Stimmung. Gut möglich, dass die stark familienbezogene Aline Rotter-Focken in einer leeren Halle ihre Freistilkämpfe bestreitet. „Meine Familie kann nicht nach Fernost kommen, das hat mich schon getroffen, auch Jan wird nicht dabei sein. Ich brauche natürlich mein Trainerteam um Bundestrainer Patrick Loes, mehr aber auch nicht“, hat sich die Weltmeisterin von 2014 an Wettkämpfe unter Ausschluss der Öffentlichkeit mittlerweile gewöhnt.

Vor dem großen Showdown soll im Juni ein letzter internationaler Härtetest erneut in Warschau über die Bühne gehen. In Tokio kämpfen dann in der Gewichtsklasse bis 76 Kilogramm 16 Athletinnen um olympische Weihen. „Acht davon können Gold gewinnen“, sagt die erfahrene Vorzeigekämpferin, die sich deshalb „auch nicht verrückt macht wegen der Pool-Auslosung. Kreuzvergleiche anzustellen, macht keinen Sinn.“ Worobewa kennt sie nun bestens, auch die physisch starke US-Weltmeisterin Adeline Gray, gegen die sie bei der WM im September 2019 mit 2:5 Punkten unterlag. Damals verließ sie ebenso mit Bronze die Halle.

Aus Fehlern gelernt

Olympia ist schon für viele Favoriten zur Falle geworden. Die deutsche Ausnahmekämpferin hat es in Rio de Janeiro, als sie in der tieferen Gewichtsklasse sechseinhalb Kilo in fünf Tagen abkochen musste, am eigenen Leib erlebt. Platz neun hinterließ Spuren, zwei bis drei Jahre lang hatte sie daran zu knabbern. Dabei haben Niederlagen ihre Karriere von kleinauf begleitet, jede einzelne hat sie letztlich nur noch stärker gemacht. „Seit 2014 arbeite ich mit einem Sportpsychologen zusammen, dazu mit einer Mentaltrainerin, die aus dem Schwimmen kommt. Jede Woche mache ich mentale Visualisierungsübungen. Das gibt mir Ruhe.“

Das Land des Lächelns will die Gesundheits-Managerin Anfang August mit strahlenden Augen verlassen. Nichts wird dem Zufall überlassen für den Tag X, der für sie die Welt bedeuten könnte. Für die gesamte ringsportbegeisterte Familie. Opa, Vater, Mutter, Bruder, Cousin, Sparringspartner Jan – alle werden vor dem Fernseher und im Internet mitfiebern und sie anfeuern, auch wenn sie auf der Matte davon nichts mitbekommt. Mit dem Herzen ringen sie alle Tausende Kilometer entfernt mit.

Der stärksten deutschen Frau wird auch Herkules Frank Stäbler kräftig die Daumen drücken. Die beiden Teammitglieder sind dick befreundet, mit ihren jeweiligen Partnern haben sie schon mehrfach zusammen Urlaube verbracht. Aline Rotter-Focken ist „zu hundert Prozent“ überzeugt davon, dass der dreimalige Greco-Weltmeister trotz körperlicher Probleme und der letztmaligen Tortur des Abkochens beim ebenso finalen Wettkampf der Karriere mit einer Medaille nach Hause kommt. „Je mehr bei Frank schief läuft, desto besser kommt er zurück. Er ist ein spezieller Mensch. Das frühzeitige EM-Aus wirft ihn nicht aus der Bahn.“

Vorzeigemann Stäbler zieht ebenso den Hut vor der bärenstarken Medaillenhamsterin, wie er kürzlich dem FAZ Magazin bekannte: „Auch ich habe sie anfangs belächelt, aber sie hat mich des Gegenteils belehrt. Sie hat sich durchgesetzt gegen viele Widerstände. Das nötigt mir unglaublich viel Respekt ab, weil sie so auch viel fürs Frauenringen erreicht hat.“ Schon deshalb wäre es nur gerecht, wenn die laut dem französischen Nationaltrainer Thierry Boudin „vielleicht charmanteste und bestaussehende Ringerin in der Weltspitze“ als goldiges Schwarzwald-Mädel aus Japan zurückkehrt.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
11. Mai 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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