Trennung vom einstigen Retter

Baden-Baden (BNN) – Das Festspielhaus setzt die Zusammenarbeit mit Stardirigent Valery Gergiev aus. Und Anna Netrebko sagt Konzerte ab. Ob sie im April in Baden-Baden auftritt ist noch offen.

Gemeinsam auf der Bühne: Starsopranistin Anna Netrebko und Dirigent Valery Gergiev (r) beim Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker 2018. Foto: Herbert P. Oczeret/APA/dpa

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Gemeinsam auf der Bühne: Starsopranistin Anna Netrebko und Dirigent Valery Gergiev (r) beim Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker 2018. Foto: Herbert P. Oczeret/APA/dpa

Sicher ist in diesen Tagen nichts. Auch nicht die Planung von Konzerten. Gerade noch hatte das Festspielhaus Baden-Baden am Dienstag zur Mittagszeit mitgeteilt, dass es vor dem Konzert der Sängerin Anna Netrebko am 13. April das Gespräch mit der Starsopranistin suchen werde. Keine zwei Stunden später schienen alle Überlegungen hierzu bereits hinfällig: Um 13.55 Uhr vermeldete die Deutsche Presse-Agentur, Netrebko habe „alle Konzerte für die kommenden Monate“ abgesagt.

Konkret genannt wurde hier allerdings nur der bereits für den 2. März geplante Auftritt in der Elbphilharmonie Hamburg, der nun im September nachgeholt werden soll. Dem Festspielhaus hingegen lag bis zum Dienstagabend die Information vor, es seien nur alle Auftritte bis Ende März abgesagt, sagte Sprecher Rüdiger Beermann auf Anfrage dieser Zeitung. Daher suche man für das Konzert am 13. April im Rahmen der Osterfestspiele, das Netrebko gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern gestalten soll, weiterhin das Gespräch mit der Sängerin.

Foto mit prorussischem Separatisten

Heikel ist die Situation aufgrund Netrebkos Vorgeschichte im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Zwar hatte sie Wochenende öffentlich erklärt, sie wolle, „dass dieser Krieg aufhört und die Menschen in Frieden leben können. Das erhoffe ich mir, und dafür bete ich.“ Ausdrücklich erklärte Netrebko, sie sei „keine politische Person“. Doch ihr Ruf in dieser Hinsicht ist beeinträchtigt von einem Foto, für das die weltberühmte Sängerin im Dezember 2014 posierte, nach der russischen Annexion der Krim: mit einem prorussischen Separatisten in der Ostukraine und dessen Flagge.

Auch an diesem Bild mag sich die aktuelle Kritik an Netrebko entzündet haben, die etwa das Opernhaus Zürich verzeichnete, wo Netrebko Ende März in zwei Opernvorstellungen als Lady Macbeth auftreten sollte. Die Partie ist nun umbesetzt worden. Man sei mit Forderungen einer sofortigen Ausladung konfrontiert gewesen, habe der Sängerin aber bewusst Zeit geben wollen, um sich zu äußern, so die Mitteilung. Grundsätzlich halte man es „nicht für angemessen, aus der Perspektive einer westeuropäischen Demokratie die Entscheidungen und Handlungen von Bürgerinnen und Bürgern repressiver Regime zu beurteilen“.

Viele Engagements verloren

Eine Entscheidung war auch von Netrebkos Landsmann und Entdecker Valery Gergiev gefordert worden. Anders als Netrebko hat dieser von sich aus keine Engagements abgesagt, nun aber viele verloren – den festen Posten als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker wohl auf immer. Und noch während die Frist lief, die ihm der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) für eine Distanzierung von Putin und dessen Angriffskrieg gesetzt hatte, trennte sich Gergievs Münchner Künstleragentur von ihm und erklärte hierzu: „Vor dem Hintergrund des verbrecherischen Krieges“ sei es ihr „unmöglich und unlieb geworden, die Interessen von Maestro Gergiev zu vertreten.“

Auch die Mailänder Scala, wo Gergiev erst am vergangenen Mittwoch die Premiere der Oper „Pique Dame“ dirgierte, hat die Zusammenarbeit mit Gergiev beendet. Das Musikfestival „Lucerne Festival“ in der Schweiz sagte geplante Konzerte mit dem Mariinsky-Orchester ebenso ab wie die Pariser Philharmonie und die Elbphilharmonie Hamburg. Schließlich erfolgte der Entschluss des Festspielhauses Baden-Baden, die Zusammenarbeit mit Gergiev auszusetzen. Für den 68-jährigen Maestro, der weltweit zu den bedeutendsten Dirigenten gehört, scheint es außerhalb von Putins Machtbereich derzeit keinen Platz am Pult mehr zu geben.

Dass man diesen Schritt in Baden-Baden nicht als erste der betroffenen Institutionen machte, mag an der langen gemeinsamen Geschichte mit Gergiev liegen. Diese beginnt schon mit dem Eröffnungskonzert im April 1998, als Gergiev kurzfristig für den verstorbenen Sir Georg Solti einsprang. Und sie wurde außerordentlich gefestigt im August 1998, als das Opernhaus schon wenige Monate nach der Eröffnung vor der Pleite stand.

Der kurzfristig eingesprungene Intendant Andreas Mölich-Zebhauser kam damals an Bord, um zu retten, was noch zu retten war. Und der künstlerische Protagonist dieser Rettung war Gergiev, der mit dem von ihm geleiteten Mariinsky-Theater St. Petersburg dem Festspielhaus eine „russische Woche“ bescherte. Die Tickets wurden als Freikarten herausgegeben, für deren Finanzierung Gergiev auch noch den Kontakt zu dem amerikanischen Mäzen Alberto Vilar hergestellt hatte.

Einschnitt für das Festspielhaus

Ohne Gergiev also hätte das Festspielhaus möglicherweise das erste Jahr gar nicht überstanden, nachdem die Riege um den Gründungsintendanten Wolfgang Gönnenwein den Einstand gründlich vermasselt hatte. Aus der glücklichen Erfahrung der damaligen Rettung wuchs eine sehr lange und sehr intensive Partnerschaft, bei der das Mariinsky-Theater regelmäßig für eine „Residenz“ in Baden-Baden zu Gast war. Die Zahl der Konzerte und Opernaufführungen, die Gergiev im Festspielhaus dirigiert hat, dürfte längst dreistellig sein – und auch die häufige Präsenz russischer Opernstars an der Oos, allen voran seiner Entdeckung Netrebko, wurzelt in dieser Zusammenarbeit.

Bedenkt man dies, dann lässt sich ermessen, was für einen Einschnitt es für das mit 2.500 Plätzen größte Opernhaus Deutschlands bedeutet, sich von dem musikalisch unumstrittenen Maestro loszusagen – auch wenn dies, wie es in der Mitteilung heißt, zunächst nur „bis auf weiteres“ erfolgt. Zumal es Gergiev noch bis vor kurzem im Westen trotz mancher Debatten kaum geschadet hatte, dass er Putins Politik ausdrücklich unterstützte und beispielsweise einen offenen Brief unterzeichnete, der die Annexion der Krim 2014 befürwortete. Doch der russische Einmarsch in die Ukraine hat die Situation grundlegend geändert.

Offen ist allerdings, welche Optionen Gergiev tatsächlich hätte, sich zu äußern. Denn seine Rolle in der Außen- wie auch Innendarstellung von Putins Russland ist deutlich gewichtiger als die von Anna Netrebko, auch wenn diese international sicher die höhere Promi-Strahlkraft hat. Bereits seit 1978 dirigiert er an dem äußerst traditionsreichen Mariinsky-Theater, das er seit 1996 leitet und seitdem kontinuierlich ausgebaut hat. Auf seiner Homepage zitiert das Theater zu Gergiev einen Bericht der „New York Times“ von 1998, in dem es sinngemäß heißt, er sei „in Russland so etwas wie ein Nationalheld“ aufgrund seiner Leistung, das Mariinsky-Theater nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion am Leben erhalten zu haben. Diese Position gibt ihm einerseits reiche Pfründe und andererseits Verantwortung für eine beachtliche Zahl an Mitarbeitern. Inwieweit sie ihm auch Macht gibt, ist aus der Ferne schwer zu beurteilen.

Kommentar

Aufkündigen alternativlos

Von Andreas Jüttner

Ein Dirigent ist ein Klangkünstler, der selber keinen Ton von sich gibt. Insofern könnte man sagen, dass Valery Gergiev auch jenseits der Bühne konsequent bleibt: Der russische Stardirigent hat sich bislang nicht geäußert, wie er zum russischen Angriff auf die Ukraine steht. Das ist immerhin weniger Putin-treu als noch vor acht Jahren, als er einen offenen Brief unterzeichnete, der die damalige Annexion der Krim befürwortete. Es ist aber zu wenig, um weiterhin den Posten als Chefdirigent eines deutschen Orchesters zu bekleiden, dessen Salär durch Steuergelder mitfinanziert wird. Und auch zu wenig, um sich auf großen Bühnen in demokratischen Ländern feiern zu lassen und ebenfalls nicht geringe Honorare einzustreichen.

Insofern ist das Aufkündigen seiner Engagements derzeit alternativlos, auch wenn der Grund für Gergievs Schweigen von hier aus nicht beurteilt werden kann. Damit ist nicht nur die Gefahr für Leib und Leben gemeint, die man in Russland mit Kritik am Kreml-Herrscher riskiert. Denn Gergiev ist in einer Position, in der er nicht allein für sich sprechen kann. Als Kopf des traditionsreichen Mariinsky-Theaters St. Petersburg ist er eines der wichtigsten kulturellen Aushängeschilder für Putins Russland. Sogar Fußballfans kennen sein Gesicht aus den Gazprom-Werbeblöcken bei Champions-League-Übertragungen.

Sicher: Für eine Kultur der progressiven Denkanstöße, wie sie hierzulande gern vertreten wird, ist er nicht bekannt. Nicht zufällig wird auf der Mariinsky-Homepage hervorgehoben, dass Gergiev den 100., 125. oder 150. Geburtstag russischer Komponisten wie Mussorgsky, Tschaikowsky oder Rimsky-Korsakov gern mit Festivals würdigt. Und diese restaurative Ausrichtung ist auch bei westlichen Gastspielen des Theaters bislang stets begeistert gefeiert worden. Doch die Vorstellung, dass Traditionspflege und Bewahrung ganz unpolitisch allein der Kunst dienen, war schon immer eine Illusion, von der man sich freilich ähnlich gern hat täuschen lassen wie vom Glauben an ein Ende der militärischen Kriege.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Andreas Jüttner

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Erstellt:
2. März 2022, 07:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 15sec

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