Triathlet Straßburger fährt auf Mount Everest

Baden-Baden/Sinzheim (moe) – Dirk Straßburger liebt Extreme. Jüngst hat der Triathlet 41-mal den Fremersberg erklommen. Am Stück. 8.848 Höhenmeter hat er absolviert – so viele wie zum Mount Everest.

Vor allem die letzten Anstiege „ziehen sich wie Kaugummi“: Irgendwann werden bei Dirk Straßburger nicht nur die Beine schwer, sondern auch der „Kopf leer“. Foto: Frank Seiter

© toto

Vor allem die letzten Anstiege „ziehen sich wie Kaugummi“: Irgendwann werden bei Dirk Straßburger nicht nur die Beine schwer, sondern auch der „Kopf leer“. Foto: Frank Seiter

Eigentlich wollte Dirk Straßburger in Richtung Schweizer Grenze und wieder zurück nach Stollhofen radeln. Geschafft hat er es allerdings nur nach Sinzheim. Auf den Fremersberg. Zugegeben, das ist eine ziemlich verkürzte Beschreibung. Zum einen wäre der Trip gen Süden kein gemütlicher Ausflug geworden, sondern ein knallharter Nonstop-Dauertrip über 400, vielleicht sogar 500 Kilometer. Und zum anderen war auch sein Trip auf den Sinzheimer Hausberg alles andere als eine Spazierfahrt, sondern ein Kraftakt, bei dem normalsterbliche (Rad)Sportler nur den Kopf schütteln können.

Denn der 47-Jährige ist nicht einmal, nicht zweimal und auch nicht dreimal die Serpentinen von der Abzweigung an der L84a in Richtung Turm nach oben gefahren, sondern sage und schreibe 41-mal. Dabei hat Straßburger insgesamt 8.848 Höhenmeter absolviert, so viele wie zum höchsten Gipfel der Erde, dem Mount Everest. „Ich mache eher die extremen Sachen“, erklärt Straßburger und fügt verschmitzt hinzu: „Das macht mir mehr Spaß!“

Die Parameter der ungewöhnlichen Schinderei klingen indes nüchtern betrachtet nach wenig Freude, zumindest nicht für Beine und Hintern. 220 Höhenmeter verteilt auf 2,4 Kilometer pro Fahrt Richtung Turm. Summiert hat Straßburger dabei exakt 192,6 Kilometer abgespult, die reine Fahrzeit im Sattel betrug quälend lange 13 Stunden und zwölf Minuten. Ab und an hat sich der Extremsportler kleine Essens- und Trinkpausen gegönnt.

Die 8.848 Höhenmeter kamen nicht von ungefähr. In der Extremsportler-Szene kennt man derlei Plackerei unter dem Begriff „Everesting“. „Dabei muss man einen Berg so lange hochfahren, bis man die Höhenmeter vom Mount Everest erklommen hat“, erklärt Straßburger und fügt hinzu: „Dabei gibt es klare Regularien.“ Unter anderem gilt: „Immer der gleiche Berg, immer die gleiche Steigung.“

Straßburger hatte für seinen Ritt auch noch andere Gipfel ausgeguckt, etwa hoch zur Yburg. Oder die Strecke vom Forsthaus Auerhahn in Hinterlangenbach zum Seibelseckle. Und die Kurven von der Forellenzucht in Oberbeuern zur Roten Lache. Länge, Steigung, geringe Verkehrsfrequenz – letztlich passte der Fremersberg am besten ins Profil. Und das hatte es in sich: Durchschnittlich neun Prozent Steigung galt es zu überwinden. 41-mal rauf, 41-mal runter.

Vor allem die Psyche wird malträtiert

„Geht’s noch?“ Mit dieser Frage wurde Straßburger dennoch nicht konfrontiert. „Eigentlich war niemand erstaunt.“ Freunde und Bekannte „wissen, dass ich so komisches Zeug mache“, sagt der Konstrukteur bei einem großen Automobilzulieferer. Zusammen mit seinen Kumpels ist er auch schon an den Bodensee gefahren. Einmal drumherum und wieder zurück nach Stollhofen. „Nonstop. Das waren ungefähr 560 Kilometer.“ Doch Straßburger sitzt nicht nur auf dem Rennrad. Als Triathlet der SG Stern Gaggenau läuft er regelmäßig und schwimmt lange Distanzen. Gerne auch mal quer durch den Wörthersee, also rund neun Kilometer.

Als Mitglied des „#blackforest_tri“-Teams“ hat er auch schon mehrere Ironman-Wettbewerbe absolviert, seine Bestzeit für die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einen abschließenden Marathon hat er in Roth aufgestellt. 10:22 Stunden hat er gebraucht. Am Sonntag vor zwei Wochen war er noch drei Stunden länger unterwegs, wie meistens bei seinen Trips waren seine Teamkollegen Michael Heck aus Gaggenau, Herrmann Weil aus Rastatt und Kai Schröder aus Bietigheim mit am Start. Teamwork war freilich nicht angesagt, aufgrund der geltenden Corona-Verordnung war das schlichtweg nicht erlaubt. „Jeder ist sein eigenes Tempo gefahren“, berichtet Straßburger.

Das hat die ohnehin schon schwere Aufgabe nicht leichter gemacht. Denn neben der zweifelsfrei großen körperlichen Anstrengung – „Die Beine waren okay, auch beim Sitzen hatte ich keine Beschwerden. Dafür waren an beiden Händen der kleine sowie der Ringfinger irgendwann taub. Das war krass“, erinnert sich Straßburger – wurde in erster Linie die Psyche malträtiert. Immer wieder dieselben sieben Kehren. „Irgendwann kennt man jeden Stein: Jetzt kommt die Ecke, dann dieses Schlagloch“, sagt Straßburger, „da war irgendwann der Kopf leer.“

„Aus der kalten Hose“

Erschwerend kam hinzu, dass seine drei Mitstreiter der Reihe nach kapitulierten. Aufgeben war für Straßburger keine Option, auch wenn sich die letzten Anstiege „gezogen haben wie Kaugummi. Das zehrt schon sehr“. Geholfen hat freilich, dass seine Frau Dorothee die letzte Stunde mitgeradelt ist. Auch am Gipfel wurde er von Freunden immer wieder angefeuert und für die nächste Runde motiviert. Um 21 Uhr am Abend war das Ziel dann erreicht, auf dem Radcomputer leuchteten 8.849 Höhenmeter auf – einer mehr als benötigt.

Zahlen der Anstrengung: Der Radcomputer mit den wichtigsten Daten der 41 Fahrten auf den Fremersberg. Foto: Frank Seiter

© pr

Zahlen der Anstrengung: Der Radcomputer mit den wichtigsten Daten der 41 Fahrten auf den Fremersberg. Foto: Frank Seiter

Wie auch seine Kollegen hat sich der 47-Jährige „überhaupt nicht“ auf seine imaginäre Himalaya-Fahrt vorbereitet: „Das war quasi aus der kalten Hose.“ Genau genommen war die Dauerschleife rauf auf den Fremersberg Teil von Straßburgers Vorbereitung auf eine noch größere Tortur: Im August will der gebürtige Rebländer am „Norseman“-Wettkampf in Norwegen teilnehmen, dem Vernehmen nach härtesten Ironman der Welt, bei dem man nicht nur im selten über 15 Grad kalten Hardangerfjord schwimmen muss, sondern auf dem Rad etwa 3.500 und beim Marathon rund 2.000 Höhenmeter überwinden muss.

Eigentlich hätte sich Straßburger schon im vergangenen Jahr derart quälen wollen, Corona durchkreuzte jedoch die Pläne. „Hoffentlich wird es in diesem Jahr stattfinden“, sagt der Triathlet. Auch von Flensburg nach Garmisch, mindestens aber nach Mittelbaden will Straßburger in absehbarer Zeit rennradeln. Und falls dem 47-Jährigen mal die Ideen ausgehen: Von Stollhofen bis nach Kathmandu, der Hauptstadt Nepals im Herzen des Himalaya sind es 8.211 Kilometer.

Ihr Autor

BT-Redakteur Moritz Hirn

Zum Artikel

Erstellt:
20. Mai 2021, 17:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 44sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.