Trockenphasen gefährden Kleine Flussmuschel in Ottersweier

Ottersweier/Bühl (jo) – Der Klimawandel wird für die Kleine Flussmuschel zum Problem. Ihr Vorkommen ist durch lange Trockenphasen gefährdet. Das wurde bei einer Infoveranstaltung am Laufbach deutlich.

Gesetzlich geschützt, aber weitgehend unbekannt: Über die Kleine Flussmuschel (kleines Foto) informieren sich Bürger aus Ottersweier am Laufbach.  Foto: Joachim Eiermann

© jo

Gesetzlich geschützt, aber weitgehend unbekannt: Über die Kleine Flussmuschel (kleines Foto) informieren sich Bürger aus Ottersweier am Laufbach. Foto: Joachim Eiermann

Für die Kleine Flussmuschel sind die Witterungsbedingungen derzeit bestens. Die häufigen Regenfälle sorgen für einen permanent auskömmlichen Wasserstand in den Bächen, doch kann dies im Fall eines heißen und trockenen Spätsommers wieder ganz anders aussehen.
2018 musste die Feuerwehr Balzhofen ausrücken und zwischen Unzhurst und Oberbruch Wasser in den Laufbach pumpen, um den Erhalt der heimischen Muschel zu sichern. Sie ist nach europäischem Recht geschützt und außerdem in einem speziellen Artenschutzprogramm des Regierungspräsidiums für den Erhalt heimischer Tierarten gelistet.

Wäre sie schwarz, könnte die Unio crassus (wissenschaftlicher Name) mit einer Miesmuschel verwechselt werden, doch ihre gefleckte Oberfläche verrät die heimische Herkunft. Die etwa zehn Zentimeter lange, unscheinbare Süßwassermuschel vergräbt sich fast vollständig im sandig-kiesigen Substrat des Bachbetts, erläuterte Michael Hug vom Institut für Landschaftsökologie und Naturschutz (ILN) bei der „Schau-dich-schlau-Tour“, einer Infoveranstaltung für Bürger aus Ottersweier.

Ihre Schale hat die in hiesigen Niedriggewässern einst weitverbreitete Muschel einen Spalt breit geöffnet, um sich von Plankton zu ernähren. Nährstoffeinträge wie Gülle und Nitrat sind Gift, weshalb sie sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr rar gemacht hat. „Wir tragen für den Schutz dieser Art besondere Verantwortung“, mahnte Hug. Der Laufbach sei ein wertvoller Überlebensraum. In dessen Bühler Abschnitt hatte das Regierungspräsidium Karlsruhe im Folgejahr nach der monatelangen Trockenheit des Sommers 2018 mehr als 120 lebende Flussmuscheln gezählt. 2017 war der Bestand noch auf mehr als 1200 Muscheln geschätzt worden.

Gewässerrand-Streifen als natürliche Barriere

„Die Muschel hat mit dem Klimawandel ein Problem“, lag für Hug klar auf der Hand. Gegen die Bedrohung durch angeschwemmte Spritz- und Düngemittel helfe ein zehn Meter breiter Gewässerrand-Streifen als natürliche Barriere zu Ackerbau und Intensivlandwirtschaft. Bürgermeister Jürgen Pfetzer schilderte aus der Praxis der Gemeindeverwaltung, dass Anlandungen in Flutgräben nach Hochwasser vom Bauhof nicht mehr so ohne Weiteres ausgebaggert werden dürfen. Die Vorschriften besagen, dass die Sandbänke zuvor von einer biologischen Fachkraft auf das Vorkommen von Flussmuscheln untersucht werden müssen. Gegebenenfalls sei der Bestand umzusetzen.

Die Gruppe aus Ottersweier lauschte in einem FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat) den Ausführungen über die kaum bekannte Muschelart auf einer Brücke des Laufbach-Röderbach-Flutkanals. Der lange Name resultiert aus einer jahrzehntelangen Großbaustelle: der Acher-Rench-Korrektion (Areko), 1936 vom Reichsarbeitsdienst unter Nazi-Herrschaft gestartet, 1967 schließlich vollendet. Über die geschichtlichen Hintergründe des regionalen Mammutprojekts informierte Dirk Wacker vom Stadtgeschichtlichen Institut Bühl. Auf heutige Maßstäbe übertragen, beliefen sich die Baukosten auf rund 400 Millionen Euro. Ziel war es, die sumpfigen, häufig überfluteten Bereiche der eiszeitlichen Kinzig-Murg-Rinne - insbesondere rund um den Maiwald – trocken zu legen, um sie für Landwirtschaft und Besiedelung nutzen zu können. An die früheren Verhältnisse erinnern Ortsnamen wie Unzhurst, Gamshurst oder Wagshurst: Wacker: „Hurst bezeichnete eine Erhöhung in einem feuchten Gebiet.“

Klar wurde bei „Schau dich schlau“ auch: Ein Eingriff in Natur und Landschaft à la Areko ist in heutiger Zeit undenkbar. Hug: „Die Folgen spüren wir im Natur- und Artenschutz durch einen immensen Verlust an Feuchtgebieten.“ Zudem sei die Überflutungsgefahr damit letztlich nicht gebannt worden: „Die Hochwasserproblematik stellt sich weiterhin.“

Zum Artikel

Erstellt:
12. Juli 2021, 10:25 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 35sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.