Trotz Pandemie offen: Urban Art Gallery Mannheim

Mannheim (marv) – Die kostenlose Ausstellung „Stadt.Wand.Kunst. – Open Urban Art Gallery Mannheim“ bietet aktuell eine der wenigen Möglichkeiten, coronakonform analoge Kunstwerke zu betrachten.

Klassische Kunst trifft auf Street-Art: „The Modern Thinker“ des Moskauer Künstlers Dimitri Aske ist von Auguste Rodins Skulptur „Der Denker“ inspiriert. Foto: Manuel Wagner/Stadt.Wand.Kunst.

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Klassische Kunst trifft auf Street-Art: „The Modern Thinker“ des Moskauer Künstlers Dimitri Aske ist von Auguste Rodins Skulptur „Der Denker“ inspiriert. Foto: Manuel Wagner/Stadt.Wand.Kunst.

Stadt.Wand.Kunst – Open Urban Art Gallery Mannheim“ ist ein kostenloses und jederzeit begehbares Museum. Nicht klassisch in einem Gebäude untergebracht, sondern eine über die ganze Stadt verteilte Ansammlung sogenannter Murals – künstlerisch verzierter Hauswände. Seit 2013 lädt das vom Kulturzentrum Alte Feuerwache initiierte Projekt nationale und internationale Street-Art-Künstler zum großflächigen Gestalten grauer Hauswände in die Quadratestadt ein. „Meist haben die ausgewählten Künstler einen Graffiti-Hintergrund“, erklärt Katharina Tremmel, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Alten Feuerwache bei einer Führung.

Im Rahmen der Ausstellung „Stadt.Wand.Kunst“ wurden in Mannheim bisher 29 solcher Kunstwerke mit Genehmigung der Hauseigentümer (mehrheitlich die kommunale Wohnungsbaugesellschaft GBG) geschaffen. 14 davon liegen in den Quadraten, wie die Mannheimer ihre Innenstadt aufgrund der Straßenstruktur nennen. Sieben davon hat Tremmel auf diesem eineinhalbstündigen Rundgang vorgestellt. In der Regel werden bei den eineinhalbstündigen Führungen zehn bis zwölf Werke gezeigt, so die Touristinformation Mannheim auf BT-Nachfrage. Aktuell dürfen coronabedingt keine Führungen angeboten werden. Ein individuelles Betrachten unter Beachtung der aktuelle Corona-Verordnung des Landes ist jedoch möglich, da alle Kunstwerke zum öffentlichen Raum gehören. Beim Betrachten des Murals „Silence“ von Sourati bei Quadrat O4 herrscht Maskenpflicht.

Sechs der sieben Stationen, die der Autor im Frühjahr 2019 abgelaufen ist, sehen sie auf dieser Karte. Infografik: Jasmin Vogt

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Sechs der sieben Stationen, die der Autor im Frühjahr 2019 abgelaufen ist, sehen sie auf dieser Karte. Infografik: Jasmin Vogt

„Das ist unsere am stärksten nachgefragte Tour“ (Stand: Frühjahr 2019, Anm. d. Red.), erklärt Lisa Hess vom Stadtmarketing, die ebenfalls an der etwa 1,8 Kilometer langen Führung im Frühjahr 2019 teilnahm. Im Rahmen des Throwback Thursday, einer Reihe auf dem Instagram-Auftritt des Badischen Tagblatts, haben wir den Artikel aus dem Archiv gekramt und aktualisiert.

Los geht es hinter dem Rathaus bei Quadrat F6. Hier hat das international gefragte Künstlerduo Herakut 2013 die erste Wand des Projekts gestaltet. „My Superhero Power is Forgiveness“ zeigt ein Mädchen, daneben steht auf Deutsch, Türkisch und Englisch „Meine Superheldenkraft ist das Verzeihen“.

„My Superhero Power is Forgiveness“ von Herakut zeigt ein Mädchen, daneben steht auf Deutsch, Türkisch und Englisch „Meine Superheldenkraft ist das Verzeihen“. Foto: Marvin Lauser

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„My Superhero Power is Forgiveness“ von Herakut zeigt ein Mädchen, daneben steht auf Deutsch, Türkisch und Englisch „Meine Superheldenkraft ist das Verzeihen“. Foto: Marvin Lauser

Viele der Künstler haben sich für ihre Kunstwerke von Mannheim und seinen Einwohnern beeinflussen lassen – „Street-Art eben“, sagt Tremmel und ergänzt, dass die Kunstschaffenden, wenn sie eine Woche lang auf einer Hebebühne oder einem Hubmast werkeln, mit den Hausbewohnern, Nachbarn und Passanten ins Gespräch kommen. So auch der libanesische Künstler Yazan Halwani. Er nahm für „The Inevitability of Leaving Things behind“ (Die Unvermeidbarkeit, Dinge zurückzulassen), das genau neben der ersten Hauswand liegt, Bezug auf das gegenüberliegende Hospiz und die in Mannheim lebenden Menschen, die aus mehr als 170 verschiedenen Nationen kommen. Sein Bild eines Mannes, der gerade seinen Koffer packt, steht für Beziehungen, aber auch für Identitäten, die bei jedem Ortswechsel zurückgelassen werden.

„The Inevitability of Leaving Things behind“ (Die Unvermeidbarkeit, Dinge zurückzulassen) des libanesischen Künstlers Yazan Halwani. Foto: Marvin Lauser

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„The Inevitability of Leaving Things behind“ (Die Unvermeidbarkeit, Dinge zurückzulassen) des libanesischen Künstlers Yazan Halwani. Foto: Marvin Lauser

„Europe“, das dritte Motiv der Tour, wurde laut Tremmel anfangs sehr kontrovers diskutiert. Das Werk des polnischen Künstlers Bezt zeigt drei Frauen vor einer düster wirkenden Kulisse.

„Europe“: Das Werk des polnischen Künstlers Bezt zeigt drei Frauen vor einer düster wirkenden Kulisse. Foto: Marvin Lauser

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„Europe“: Das Werk des polnischen Künstlers Bezt zeigt drei Frauen vor einer düster wirkenden Kulisse. Foto: Marvin Lauser

Nächste Station ist „Abschied und Neubeginn“ von Christina Laube und Mehrdad Zaeri, einem Mannheimer Künstlerduo, das sich Sourati nennt.

„Abschied und Neubeginn“ von Christina Laube und Mehrdad Zaeri, dem Mannheimer Künstlerduo Sourati. Foto: Marvin Lauser

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„Abschied und Neubeginn“ von Christina Laube und Mehrdad Zaeri, dem Mannheimer Künstlerduo Sourati. Foto: Marvin Lauser

Alte Hasen der Szene sind The London Police, die ihre „900 Dogs by a Chocolate Factory“ (Station 5) im vergangenen Jahr auf die Rückseite der Turnhalle der Johannes-Kepler-Schule gemalt haben. Und in der Tat riecht es nach Schokolade, was Tremmels These vom lokalen Bezug der urbanen Kunst zu bestätigen scheint. Auch der Graffiti-Künstler Dimitri Aske hat sich bei den Farben seines „modernen Denkers“ (Station 6) am Klettergerüst eines benachbarten Kinderspielplatzes bedient.

„900 Dogs by a Chocolate Factory“ von The London Police ziert die Rückseite der Turnhalle der Johannes-Kepler-Schule. Foto: Alexander Krziwanie

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„900 Dogs by a Chocolate Factory“ von The London Police ziert die Rückseite der Turnhalle der Johannes-Kepler-Schule. Foto: Alexander Krziwanie

Das letzte Kunstwerk der Tour wirkt erst so richtig, wenn man etwas Abstand gewinnt, sich zum Beispiel auf den Vorplatz des Eintanzhauses stellt. Das Bild „New Wave“ der Berliner Brüder Low Bros wartet nämlich mit einem beeindruckenden 3D-Effekt auf. Es wirkt so, als könnte man zwischen den aus Quadraten bestehenden Hintergrund und das scheinbar hervorstehende, abstrakte und bunte Bild eines Wolfs greifen. Es bleiben immer wieder Passanten stehen und vergewissern sich mit einem vorsichtigen Griff an die Hauswand, dass es sich wirklich nur um eine optische Täuschung handelt.

Außergewöhnlich und schrill: Das Mural „New Wave“ der Berliner Brüder Low Bros. Foto: Manuel Wagner

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Außergewöhnlich und schrill: Das Mural „New Wave“ der Berliner Brüder Low Bros. Foto: Manuel Wagner


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