Turbulente Zeiten führen zur Fusion

Elchesheim-Illingen (yd) – Vor 50 Jahren erfolgte der Zusammenschluss von Elchesheim und Illingen zu einer Gemeinde. Vorausgegangen waren turbulente kommunalpolitishe Zeiten.

Im Lauf von 50 Jahren sind die beiden Ortsteile Elchesheim und Illingen zu einem Dorf zusammengewachsen. Foto: Yvonne Hauptmann

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Im Lauf von 50 Jahren sind die beiden Ortsteile Elchesheim und Illingen zu einem Dorf zusammengewachsen. Foto: Yvonne Hauptmann

Die Gemeinderatswahl am 24. Oktober 1971 war in Elchesheim-Illingen eine ganz besondere: Zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Dörfer wurde ein gemeinsames Gremium gewählt. Vorausgegangen waren turbulente Monate, die schließlich im Zusammenschluss der beiden zuvor eigenständigen Ortschaften im Juli gipfelten.
Auf die leichte Schulter hatte man die Entscheidung in den beiden Dörfern nicht genommen. Immerhin hatte es schon 1969 einen Anlauf zum Zusammenschluss gegeben, dem die Elchesheimer in einer Bürgerversammlung, in der so manche Emotion hochkochte, jedoch eine herbe Abfuhr erteilten. 58 Teilnehmer stimmten damals gegen eine „Hochzeit“ mit Illingen und nur 39 dafür. Dabei war das „Brautgeschenk“, das das Land in Aussicht stellte, beachtlich: Immerhin 800.000 Mark sollte es für die heiratswilligen Kommunen geben – vorausgesetzt, sie entschieden sich freiwillig zur „Hochzeit“.

„Es war eine unerträgliche Zeit“

Diesen finanziellen Anreiz im Blick, stimmten die Illinger dafür. „Uns war klar, dass man mit dem Geld viel Gutes bewirken kann“, sagt Alfons Deck, damals Mitglied im Illinger Gemeinderat. Mit der Elchesheimer „Abfuhr“ sei das Thema aber erst einmal vom Tisch gewesen, weiß Kurt Schreiber, der damals im Elchesheimer Gemeinderat saß. Ruhiger ging es auf dem kommunalpolitischen Parkett damit aber noch lange nicht zu.

„Ganz im Gegenteil“, sagt Schreiber, der damals nicht nur Chef der Elchesheimer Raiffeisenbank-Filiale, sondern auch Bürgermeisterstellvertreter war. Grund für die anhaltenden Turbulenzen sei vor allem eine Personalie gewesen: Im Januar 1970, also nur wenige Monate nach der Bürgerversammlung, stand in Elchesheim die Bürgermeisterwahl an. Amtsinhaber Magnus Heck trat nicht mehr an und eine unabhängige Bürgervereinigung, die sich kurz zuvor gegründet hatte, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, einen unabhängigen Kandidaten, der nicht aus Elchesheim stammte, zum Amt zu verhelfen. Mit Erfolg: Anton Haggenmüller aus Karlsruhe erhielt mit 345 Stimmen die absolute Mehrheit und setzte sich gegen seine einheimischen Konkurrenten Walter Fritz und Willy Heck durch.

So richtig warm wurden die Elchesheimer mit ihrem neuen Bürgermeister aber nie. „Anton Haggenmüller war dem Amt nicht gewachsen“, erinnert sich Kurt Schreiber. Und auch eine ehemalige Rathaussekretärin, die damals schon in Diensten der Gemeinde stand, lässt kein gutes Haar an ihrem ehemaligen Chef: „Er hat einfach nichts gemacht, hatte keinen Überblick.“ Zwischen Bürgermeister und Gemeinderat herrschte ebenfalls schnell dicke Luft: Haggenmüller warf den Ratsmitgliedern Intrigen vor, sprach herbe Drohungen gegen sie aus und machte sie für seine gesundheitlichen Probleme verantwortlich. „Es war eine unerträgliche Zeit“, sagt Schreiber, der sich kurze Zeit später aufgrund dieser Erfahrungen aus der Kommunalpolitik zurückzog.

Unliebsamer Rathauschef soll weg


Die Elchesheimer suchten also nach einer Möglichkeit, den unliebsamen Rathauschef loszuwerden – und die bot ein Zusammenschluss mit Illingen. Dann nämlich, so der Plan, müsste ein neues Ortsoberhaupt gewählt werden. Und immerhin war das Land immer noch bereit, derartige Vorhaben finanziell zu belohnen.

Ohne den Bürgermeister zu informieren, verständigten sich die Elchesheimer Ratsmitglieder darauf, die Verhandlungen mit Illingen wieder aufzunehmen. Berührungspunkte gab es inzwischen weit mehr als genug: Die neue Pfarrkirche Heilig Kreuz war bereits Ende 1970 eingeweiht worden und die Planungen für einen neuen, gemeinsamen Kindergarten, waren schon weit gediehen. Die Schulkinder von Elchesheim und Illingen wurden ebenfalls schon längst gemeinsam unterrichtet.

Ohnehin zeichnete sich unter der Jugend eine klare Tendenz für den Zusammenschluss ab: Das belegen die Flugblätter, die eine Jugendgruppe in Elchesheim verteilt hatte und die klare Argumente für die Vereinigung nannten. Kurt Schreiber hat sie alle aufgehoben.

In einer denkwürdigen Gemeinderatssitzung im März 1971 wurde Bürgermeister Haggenmüller schließlich ein fraktionsübergreifender Antrag überreicht: Bis Ende März möge eine Ratssitzung einberufen werden, die sich mit dem Zusammenschluss von Elchesheim und Illingen befasst. Der Zusammenschluss als Ausweg aus der Disharmonie mit der Rathausspitze wurde somit öffentlich gemacht.

Entscheidung gegen Elchingen

Am 4. Mai war es dann soweit: In einer gemeinsamen Sitzung im Gasthaus „Grüner Baum“ beschlossen der Elchesheimer und der Illinger Gemeinderat eine Vereinbarung, die den Zusammenschluss regelte. In nur einer Stunde war alles besprochen. „Wir waren uns im Prinzip einig“, sagt Schreiber, der sich noch gut an die Namensfindung erinnert. „Ein Zankapfel war, wie wir die neue Gemeinde nennen wollen. Alle möglichen Kombinationen wurden durchgegangen. ,Elchingen’ war im Gespräch – das gab’s aber schon – und noch diverse andere. Und auch mancher Straßenname kam doppelt vor. Da mussten wir neue finden.“ Aus Respekt vor der älteren Bevölkerung, die schließlich ihr ganzes Leben in Illingen und Elchesheim verbracht hatte, habe man sich dann darauf geeinigt, beide Namen beizubehalten und einen Bindestrich dazwischen zu setzen.

Im Rahmen einer Bürgeranhörung am 13. Juni wurden schließlich auch die Einwohner der beiden Orte zur Abstimmung gebeten. Die Wahlbeteiligung fiel allerdings in beiden Orten eher ernüchternd aus, nur 438 von 882 Wahlberechtigten gingen in Illingen zur Urne, in Elchesheim waren es 596 von 861. 401 von ihnen stimmten für die Fusion. In Illingen fiel das Ergebnis mit 415 „Ja“-Stimmen ebenfalls sehr eindeutig aus.

Die Geschwindigkeit, mit der der Zusammenschluss nach diesem Votum über die Bühne ging, verblüfft aus heutiger Sicht. Binnen weniger Wochen wurde er vollzogen: Bereits am 1. Juli (also nur zwei Wochen nach der Abstimmung) wurde aus zwei Gemeinden eine gemacht. „Wir waren alle froh, als im Elchesheimer Rathaus endlich Ruhe einkehrte“, erinnert sich die Rathaussekretärin im BT-Gespräch. „Auch wenn ich fortan zwischen zwei Rathäusern pendeln musste.“ Das neue Gemeindezentrum im Bereich der jetzigen Ortsmitte wurde erst 1979 errichtet.

„Der Zusammenschluss lief eigentlich relativ reibungslos“, meint auch der 90-jährige Alfons Deck, Mitglied des Illinger Gemeinderats vor der Vereinigung und auch danach Inhaber eines Sitzes am gemeinsamen Ratstisch. „Das lag sicher auch daran, dass bei der Gemeinderatswahl im Oktober die ,Ultras’, die gegen den Zusammenschluss waren, sich nicht haben aufstellen lassen. Die Mitglieder, die aus Elchesheim kamen, hatten fast alle eine familiäre Verbindung nach Illingen und umgekehrt.“

Wittmann wird Bürgermeister


Ein Bürgermeister für die neue Gemeinde war übrigens auch schnell gefunden – und dieser war in beiden Dörfern kein Unbekannter: Klemens Wittmann, bisher in Illingen Rathauschef, war in Elchesheim gleichermaßen beliebt. Einen Gegenkandidaten gab es nicht. „Das war der richtige Mann für den Posten, geradezu segensreich – er war sehr ausgeglichen“, sagt Alfons Deck. Kein Wunder also, dass Wittmann mit 97,6 Prozent aller Stimmen gewählt wurde.

In der Doppelgemeinde kehrte also Ruhe ein – das heißt aber nicht, dass es nichts zu tun gab. Ob Neubau des Gemeindezentrums, Betrieb des neuen Kindergartens oder andere Projekte, die anstanden: „Ein tolles Miteinander über alle Fraktionsgrenzen hinweg“ sei es gewesen, sagt Alfons Deck. „Im Prinzip war der Zusammenschluss das Beste, was beiden Gemeinden passieren konnte.“

Kurt Schreiber war bis 1971 im Elchesheimer Gemeinderat und erinnert sich noch gut an die turbulenten Zeiten. Foto: Yvonne Hauptmann

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Kurt Schreiber war bis 1971 im Elchesheimer Gemeinderat und erinnert sich noch gut an die turbulenten Zeiten. Foto: Yvonne Hauptmann

Historische Gemeinderatssitzung: Die beiden Gremien aus Elchesheim und Illingen stimmen am 4. Mai 1971 für die Vereinigung. Mittendrin: Der spätere Bürgermeister der Doppelgemeinde, Klemens Wittmann (Dritter von links).Fotos: Yvonne Hauptmann

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Historische Gemeinderatssitzung: Die beiden Gremien aus Elchesheim und Illingen stimmen am 4. Mai 1971 für die Vereinigung. Mittendrin: Der spätere Bürgermeister der Doppelgemeinde, Klemens Wittmann (Dritter von links).Fotos: Yvonne Hauptmann

Ihr Autor

BT-Redakteurin Yvonne Hauptmann

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Erstellt:
24. Oktober 2021, 13:00 Uhr
Lesedauer:
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