Freiwillige pflegen Trockenmauern in Bühlertal

Bühlertal (fvo) – Weg mit dem Wildwuchs: Rund 30 freiwillige Helfer haben am Dienstag die Trockenmauern am Engelsberg in Bühlertal von Hecken und Efeu gereinigt – im Rahmen von „Herzenssache Natur“.

Mit Rebschere und Feuereifer dabei: Die insgesamt 20 Viertklässler der Josef-Schofer-Schule Bühlertal. Foto: Franz Vollmer

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Mit Rebschere und Feuereifer dabei: Die insgesamt 20 Viertklässler der Josef-Schofer-Schule Bühlertal. Foto: Franz Vollmer

Die Idee von Jannis ist gar nicht schlecht. „Man bräuchte Handschuhe mit Klimaanlage“, findet der findige Viertklässler am Ende des Tages. Nicht dass wirklich die Hände rauchen würden, aber beherzt zur Sache geht es schon bei der jüngsten „Herzenssache Natur“-Aktion. Handarbeit am Steilhang eben. Mit schwerem Gerät ist dem Engelsberg in Bühlertal auch schwer beizukommen.
Brombeertrieb in die linke Hand, leicht anheben und dann schnapp – hart an der Wandkante. „Immer von unten nach oben. Und nicht die Wurzeln ausreißen“, schärft Franz Tilgner, eine der treibenden Kräfte beim Förderverein Engelsberg, den Viertklässlern ein – und schiebt dann noch ein warnendes „und nicht mit dem Werkzeug spielen“ hinterher. Wenige Meter weiter befreien drei Youngster der Josef-Schofer-Schule einen Zwetschgenbaum aus dem Klauen des Efeus. „Das Moos darf dran bleiben, das hat er aber nicht erklärt, das weiß ich schon“, sagt Fabienne stolz, sie arbeitet gerne im Garten. Was man sieht an ihren geschickten Griffen. Derweil übt Jannis unverhohlen Kritik am Arbeitsgerät. „Die Schere taugt nichts. Ich brauche was anderes“, tönt er. Mit einer Klappsäge kommt er eher zur Rande, während sich Amelie und Fabienne um lose herabhängende Rinde sorgen. Ob der Baum das überlebt?

Schön, aber schädlich: Franz Tilgner zeigt den Viertklässlern, wie man alte Bäume vom Efeu befreit. Foto: Franz Vollmer

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Schön, aber schädlich: Franz Tilgner zeigt den Viertklässlern, wie man alte Bäume vom Efeu befreit. Foto: Franz Vollmer

Das siebte Mal bereits hat der Förderverein Engelsberg mit der Gemeinde und dem Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord zur konzertierten Aktion geladen, um mit Ast- oder Heckenschere bewaffnet die Trockenmauern von Buschwerk und Hecken zu befreien, damit sie nicht zuwachsen oder von Wurzeln zerstört werde. Kein Selbstzweck: Trockenmauern sind Lebensraum für seltene,gefährdete Tier- und Pflanzenarten, zudem stützen sie den Untergrund, bewahren ihn vor Erosion und erlauben so Steillagenweinbau. „Das Ziel ist dabei, die Natur Natur sein zu lassen“, so Tilgner, dessen Team sich ganzjährig um die Mauerpflege kümmert, aber auch ums Wiesenmähen und die Freihaltung der von April bis Oktober zugänglichen Wege. Der Engelssteig sei seit Corona „sehr gut begangen“. Rund 100 Eigentümer habe das Gewann und noch weit mehr überalterte Bäume, die es nebstMauern zu erhalten gelte.

Die Mauern frei – und die Köpfe auch

Die Schüler der 4a und 4b sind jedenfalls mit Feuereifer dabei. Selbst Julian, der eigentlich was Besseres zu tun hätte. „Super cool“ findet der Junge aus der 4b den Geburtstag im Freien, den will der Sohn von Hauptamtsleiter Markus Brügel („Der macht das schon freiwillig“) nun am Wochenende nachfeiern. Immerhin darf er als Erster zur Tat schreiten. „Darf man den Apfel essen?“, erklingt derweil eine mit „Ja“ beantwortete Frage, wogegen Aimie sich fragt, ob ein Baum denn noch lebt, der innen ganz hohl ist. Andere präsentieren stolz den Fund einer leeren Flasche.

Das steile Gelände macht den Kids wenig aus. Dabei sind die Terrassen schon heftig steil, da ist nichts mit Hans-guck-in-die-Luft. Doch die Klassenlehrer passen auf. „Wir hatten eh grade das Thema Wasser und Wiese“, sagt Susan Adam, von daher sei dies „gelebter Unterricht“. Für sie ist es spontane Premiere, Kollege Karl Linz ist schon von Anfang an dabei. „Es ist wichtig, dass Kinder sich draußen erleben und Grenzen erfahren, aber auch gemeinsam Aktivitäten unternehmen“, so der pädagogische Wert. „Aktives Mitwirken hat eine ganz andere Wertigkeit“, haut Naturpark-Geschäftsführer Karl-Heinz Dunker in dieselbe Kerbe und sieht das Ganze ebenso als wichtigen Beitrag zum Natur-, Umwelt- und Artenschutz.

Nicht in ganz perfektem Arbeitsdresscode gehen derweil die drei Azubis der Stadtwerke Rastatt an die Sache, was der Motivation keinen Abbruch tut. „Von uns machen da immer welche mit, wer grad Zeit und Lust hat“, erklärt Romana. „Wir wurden nicht gezwungen“, versichert Julie schmunzelnd. Etwas Abwechslung zur Ausbildung (Industriekauffrau/Anlagenmechaniker) tue ja gut, findet sie, auch wenn das Trio mehr mit den zu großen Handschuhen als mit den Hecken kämpft.

100 Meter weiter oben, da, wo die steilen Reben beginnen und man beim falschen Schritt schonmal ratzfatz zwei Meter tiefer liegt, ist die Gesundheitsfraktion am Werkeln: Sechs Führungskräfte der AOK, für die sich dieses „Meeting im Weinberg“ wie ein willkommener Kontrapunkt zu Videokonferenzen anfühlt. „Wir schauen, dass die Mauer hier wieder Luft bekommt“, erklärt Geschäftsbereichsleiter Markus Jung. Und das gilt auch für den Kopf: „Den bekommt man auch gut frei“, ergänzt Kollege Achim Kugel. Keine Berührungsängste mit dornigem Gestrüpp zeigt auch Petra Spitzmüller, die neue Geschäftsführerin Mittlerer Oberrhein, der ein standsicheres Terrain an der Straße zugewiesen wurde und die sichtlich Spaß hat. „Mir ist es wichtig, dass wir diese Tradition beibehalten“, sagt sie und wertet das als „aktiven Beitrag zur Nachhaltigkeit.“ Eine schöne Erfahrung jedenfalls und quasi teambildende Maßnahme, allein die gemeinsame steile Anfahrt. Und dass Natur und Gesundheit thematisch zusammenpassen, sei ohnehin klar, so die Wahl-Kinzigtälerin (Ohlsbach). Sprachs und widmete sich wieder ihrem Mäuerchen – und der schönen Aussicht in die Rheinebene.

Nur die Leiter hilft weiter: Rudi Karcher (Mitte) und Team sind in der Höhe zugange. Foto: Franz Vollmer

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Nur die Leiter hilft weiter: Rudi Karcher (Mitte) und Team sind in der Höhe zugange. Foto: Franz Vollmer

Weniger Meter weiter östlich steigt Rudi Karcher mit Kleinteam den Hecken aufs Dach – an einer Mauer, die nur mit Leiter zu erreichen ist. Und auch das ist weit mehr als Ästhetik oder Kosmetik. „Die Mauern speichern Sonnenwärme und verringern die nächtliche Auskühlung in den Rebhängen“, so der Rentner und zeigt die aktuell ausgebesserten Stellen, was sich die Gemeinde allein heuer 70.000 Euro kosten ließ. „Die Steine muss man einzeln wieder aufschichten, das ist eine Heidenarbeit.“ Darum darf man auch Wurzeln nicht herausreißen. „Da würde sonst der Halt verloren gehen und die Mauer irgendwann zusammenkrachen“, so Karcher.

„Verbundenheit mit heimischer Kultur“

Dass der Tross den ganzen Hang schafft, ist unwahrscheinlich. „Die historischen Trockenmauern hier sind mit knapp 4.500 Metern der größte Trockenmauerkomplex im Landkreis“, hatte Bürgermeister Hans-Peter Braun zur Begrüßung erzählt und sich bei allen Teilnehmern für den Einsatz bedankt. Immerhin beweise dies „eine Verbundenheit mit der heimischen Natur und Kultur“. Er hätte auch gern zugepackt, wenn nicht Kreistagspflichten rufen würden. Rechtzeitig vor der Vesperbelohnung hat indes die Gruppe um Jannis den Baum schön freigelegt. Wobei er glaubt, dass da Eisen drin sein muss, so undurchdringbar hart wie der Efeu ist. Beim Besuch im frisch sanierten Schwimmbad können sie kommenden Sommer dann stolz auf den Hang gegenüber blicken und von Handschuhen mit Klimaanlagen träumen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
21. Oktober 2021, 09:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 11sec

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