Über 400 Jahre alte Tradition

Gernsbach (friz) – Wo sich Brotenaubach und Dürreychbach zur Eyach vereinen hat die Heuernte auf der Großen Wiese eine über 400-jährige Tradition. Die Weidegemeinschaft Reichental setzt diese fort.

Ein Rundballen Heu wird verladen, 50 davon in guter Qualität werden auf der Großen Wiese geerntet. Foto: Heiko Klumpp

© red

Ein Rundballen Heu wird verladen, 50 davon in guter Qualität werden auf der Großen Wiese geerntet. Foto: Heiko Klumpp

Dort, wo sich Brotenaubach und Dürreychbach zur Eyach vereinen, liegt die sogenannte Große Wiese: Topfeben, mit einer Fläche von ungefähr zehn Hektar. Fünf Männer der Weidegemeinschaft Reichental haben auf einer Teilfläche von 5,5 Hektar 50 Rundballen Heu geerntet. Es dient als Winterfutter für die 19 Rinder und acht Ziegen der Weidegemeinschaft.

Seit etwa 15 Jahren nehmen die Reichentaler die 16 Kilometer lange Anfahrt in den letzten Zipfel der Gemarkung Reichental auf sich, um dort zusammen mit Familie Waidelich vom Kaltenbronn hochwertiges Heu zu ernten – in Absprache mit der Naturschutzverwaltung, denn die Große Wiese ist Naturschutzgebiet. Mit den beiden Schleppern der Weidegemeinschaft wurde gemäht, ein Tag später gewendet und am dritten Tag geschwadet und gepresst. Vor dem Abtransport der 50 Rundballen mit dem Ladewagen in den Reichentaler Winterstall wurde noch einmal auf der Großen Wiese ausgiebig gevespert. „Wir Fünf von der Weidegemeinschaft fühlen uns dort immer wohl“, meinte Willi Klumpp. „Und das Heu hat auch dieses Jahr wieder eine gute Qualität.“

Kaum zu glauben, aber die Heuernte auf der abgelegenen Großen Wiese hat eine mehr als 400-jährige Tradition. Am Rande der „Scheuerlinswies“, so hieß die Große Wiese einst, stand schon im Jahr 1505 eine Sägemühle. Um das Jahr 1610 hatten an der Sägemühle die Erben Krieg und Huß von Hilpertsau und der Reichentaler Bürger Baltasar Sieb je ein Drittel Anteil.

Bestes Futter für die Mich- und Käseproduktion

Damals war Siebs Enkel, der junge Hans Sieb, Hirte der Reichentaler Viehherde. Er zog mit seinen Tieren auch das Brotenautal hinab bis zur Großen Wiese. Diese aber war für seine Herde absolut tabu, sie durfte nicht beweidet werden. Sein Großvater achtete mit Argusaugen darauf. Die Sägemüller hatten die Wiese von der markgräflich badischen Herrschaft gepachtet, um dort die Zugochsen zu weiden, welche die Stämme aus dem Wald zur Sägemühle zogen. Die überwiegende Fläche der Großen Wiese wurde aber zur Heugewinnung als Winterfutter für die Ochsen genutzt.

Im Frühjahr 1654 richtete Melchior Molitor, der Amtmann des Grafen von Gronsfeld, in der Dürreych eine Sennerei ein, die auch als „Hördener Schweizerei“ bezeichnet wurde. Die nahe gelegene Große Wiese bot für seine Herde, die aus Hunderten von Kühen und Ziegen bestand, bestes Futter für die Mich- und Käseproduktion. Es gab auch niemanden mehr, der den Zutritt verwehrte, denn die Sägemühle war während des Dreißigjährigen Krieges zerfallen.

Der Reichentaler Schultheiß Martin Sieb indes, der Ärger wegen der Waldweide mit Melchior Molitor hatte, zeigte den gräflichen Amtmann beim Markgraf von Baden an. Diesem gehörte ja die Große Wiese. Der markgräfliche Vogt in Gernsbach bestätigte, dass Molitor zwölf Jahre lang die Große Wiese in Beweidung hatte – ohne Genehmigung und ohne etwas zu bezahlen. Der Vogt berechnete, dass dem Markgrafen 25 Reichstaler „Grundzins“ jährlich entgangen seien und stellte diese 1668 Molitor „mit Androhung einer herrschaftlichen Strafe“ in Rechnung.

1684, als die „Hördener Schweizerei“ längst Geschichte war, errichteten vier Bürger von Dobel eine neue Sägemühle. Sie stand unterhalb des Zusammenflusses von Brotenaubach und Dürreychbach. Die Sägemüller hielten wieder Ochsen als Zugtiere, und die badische Herrschaft gestattete, dass diese „auf 30 Morgen Wiese in der Eych, die Scheuerlinswies genannt“, weiden durften. Und auch das Heu für die Ochsen ernteten die Säger auf der Großen Wiese.

Die Sägemühle war die Keimzelle für den Lehmannshof. 1766 wird die Familie Lehmann „in der Eych“ im Reichentaler Einwohnerregister geführt. Als die Witwe Lehmann erhebliche Schulden hatte, stellte die großherzogliche Verwaltung 1814 vorbeugend klar, dass die 36 Morgen messende Große Wiese „kein Eigentum der Lehmanns ist, sie diese nur pachtweise nutzen und weder die Wiese, noch deren Heu zur Deckung der Schulden herangezogen werden können“.

Zum Artikel

Erstellt:
14. August 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 56sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.