Über den Umgang mit Sterben und Tod

Baden-Baden (kie) – Er ist der große Gleichmacher: Vom Obdachlosen bis zur Königin müssen alle sterben. Dennoch wandelt sich der Umgang mit dem Tod, wie in der BT-Serie „Vier Fragen an“ klar wird.

Der Friedhof ist längst nicht mehr der einzige Bestattungs- und Erinnerungsort. Foto: Sven Hoppe/dpa

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Der Friedhof ist längst nicht mehr der einzige Bestattungs- und Erinnerungsort. Foto: Sven Hoppe/dpa

Der Umgang mit dem Tod hat vielfältige Ausprägungen – und ist im Wandel begriffen: Neue Bestattungsformen, eine Professionalisierung im Umgang mit dem Sterben und ein Aufgreifen von Vergänglichkeitsmotiven in der Mode sind Beispiele für eine veränderte Haltung zum Tod. Die Corona-Pandemie hat noch einmal auf globaler Ebene die eigene Vergänglichkeit vor Augen geführt. Ob dies eine nachhaltige Wirkung zeitigen wird, bezweifelt jedoch Dr. Ulrike Neurath, Kustodin im Museum für Sepulkralkultur in Kassel. BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch hat sie im Rahmen der BT-Serie „Vier Fragen an“ befragt.

BT: Frau Neurath, heute gibt es eine große Auswahl an unterschiedlichen Bestattungsformen. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Ulrike Neurath: Sie geht letztlich auf gesellschaftliche Veränderungen zurück, die es natürlich schon immer gegeben hat, die sich aber unter dem Einfluss von Säkularisierung, Industrialisierung, Urbanisierung und Technisierung über die letzten Jahrzehnte mit daraus resultierenden und sich beschleunigenden Individualisierungstendenzen spürbarer geworden sind – und eben auch in der Bestattungskultur deutlich Niederschlag gefunden haben. Ein ganz wesentlicher Faktor für die Veränderungen im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer ist der sich im 19. Jahrhundert beschleunigende Säkularisierungsprozess vor dem Hintergrund der Aufklärung. Die Kirche verlor ihre Monopolstellung im Friedhofs- und Bestattungswesen, besaß zwar lange immer noch Einfluss, verlor im Zuge fortschreitender Kommunalisierung schließlich aber zunehmend an Bedeutung. Das bedeutet: Zur Instanz der Kirche traten Städte und Gemeinden als Friedhofsträger hinzu, wie über die letzten Jahrzehnte auch ein breites Spektrum an Bestattungs- und Erinnerungsorten, aber auch an Bestattungsarten hinzugekommen ist. Über den klassischen Friedhof hinaus gibt es etwa Bestattungen im Meer oder in den sogenannten Begräbniswäldern. Dabei handelt es sich jeweils um Aschebeisetzungen, die Voraussetzung für viele andere, neu hinzugekommene Bestattungsformen ist. Von großem Einfluss ist somit auch die Wiedereinführung der Feuerbestattung gewesen. Prägend war natürlich auch die zunehmende Professionalisierung im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer. Besonders deutlich zeigt sich dies im Berufsbild des Bestatters: Er ist eine Erscheinung des ausgehenden 19. Jahrhunderts und hat sich seitdem zu einem „Fachmann“ mit einem umfangreichen Dienstleistungsspektrum entwickelt.

BT: Inwiefern haben Trauer- und Totenrituale denn noch Platz in unserer individualisierten Gesellschaft?
Neurath: Sie haben durchaus Platz, aber oftmals in veränderter beziehungsweise reduzierter Form. Symptomatisch ist einerseits die Auflösung traditioneller Rituale, andererseits aber auch, dass individuelle Rituale kreiert werden beziehungsweise traditionelle Handlungsformen mit neuartigen, individuellen Handlungsmustern gemischt werden. Die Entwicklung und Einbeziehung neuer ritualisierter Handlungsformen spiegelt natürlich auch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Tod und der konkret verstorbenen Person wider. Allerdings wäre es verfehlt, aus unserer gegenwärtigen Bestattungskultur einen progressiven Umgang mit Tod und Trauer herauszulesen. So darf umgekehrt nicht vergessen werden, dass etliche rituelle Elemente immer stärker auch Institutionen und Professionen, die im Kontext von Sterben, Tod und Trauer entstanden sind, übergeben wurden und dies mit dazu beigetragen hat, den Ritualkanon zu verändern und seinen Nutzen gewissermaßen auch zu verkennen.

Beschäftigt sich beruflich mit dem Tod: Ulrike Neurath ist Kustodin im Museum für Sepulkralkultur. Foto: Anja Koehne/pr

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Beschäftigt sich beruflich mit dem Tod: Ulrike Neurath ist Kustodin im Museum für Sepulkralkultur. Foto: Anja Koehne/pr

BT: Hat die Corona-Pandemie denn Auswirkungen auf den Umgang mit dem Tod, immerhin ist er wieder auf breiter Ebene in die öffentliche Wahrnehmung getreten?
Neurath: Ich denke, dass die Corona-Pandemie den Menschen doch noch einmal eindringlich ins Bewusstsein geführt hat, wie fragil das Leben doch ist, und ich glaube auch, dass es viele Menschen demütiger gemacht hat, besonders wohl jene, die Menschen mitunter ganz plötzlich durch das Virus verloren haben und die erfahren mussten, was es bedeutet, nicht Abschied nehmen zu können. Solche Umstände haben oftmals auch vor Augen geführt, wie wichtig doch Rituale sind, weil sie eben haltgebend sind und sich ihr Sinn in ihrem Fehlen oftmals erst deutlich erschließt und damit auch ihr gemeinschaftsstiftende Funktion. Gleichwohl habe ich meine Zweifel, ob die Einschränkungen und die Fragilität, die wir erfahren mussten, von nachhaltiger Wirkung sein werden. Die erlebten Einschränkungen haben ja letztlich ebenso dazu geführt, dass wir uns nach dem Leben sehnen, dass wir buchstäblich danach lechzen und wir es auskosten möchten. Bleibt eben die Frage, ob wir die gewonnene Demut möglicherweise darüber nicht doch auch wieder vergessen beziehungsweise ausblenden. Ich hoffe aber natürlich sehr, dass wir aus diesen Erfahrungen etwas Fruchtbares ziehen, wir die Kostbarkeit des Lebens verinnerlichen, auch im Hinblick auf einen bewussteren Umgang mit der Endlichkeit des Lebens.

BT: Symbole des Todes sind auch in der Mode verbreitet. Seit wann kann man sich mit der Ikonografie des Todes auch schmücken?
Neurath: Die Symbole des Todes in der Verwendung als ikonografisches Mode-Accessoire ist eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts und hat ihren Ausgangspunkt in verschiedenen Subkulturen und Szenen. Beispielsweise nutzten amerikanische Biker bereits nach dem Zweiten Weltkrieg das traditionelle Vanitas-Motiv, um sich von der bürgerlichen Gesellschaft abzusetzen und um deren Werte- und Moralvorstellungen infrage zu stellen. Viele Bikerclubs haben eine solche Motivik übernommen beziehungsweise variiert auf ihren Kutten. In den 1980er-Jahren provozierte dann die Gothic-, Grufti- und Punkszene mit dieser Motivik. In den 2000ern haben diese Motive dann schließlich die Laufstege etwa im Bereich der Haute Couture erobert. Für Furore sorgten zum Beispiel die Inszenierungen und Kreationen von Alexander McQueen zu Beginn der 2000er-Jahre – und viele andere sprangen auf diesen Zug auf. Sie kultivierten und ästhetisierten die Stilmittel dieser Jugend- und Subkulturen und sorgten auf diese Weise mit dafür, dass sie schließlich auch in der Alltagsmode ankamen.

Zum Thema:

Dr. Ulrike Neurath hat Kulturanthropologie, Deutsche Philologie und Pädagogik an der Universität Göttingen studiert und schließlich im Fach Volkskunde/Kulturanthropologie an der Universität Hamburg zur Mensch-Tier-Beziehung am Beispiel von Tierbestattungen promoviert. Sie ist Kulturhistorikerin und Kustodin (wissenschaftliche Mitarbeiterin) am Museum für Sepulkralkultur in Kassel. Das Museum besteht seit 1992. Laut eigenen Angaben ist das Museum die weltweit einzige, ausschließlich kulturellen und wissenschaftlichen Maßstäben verpflichtete Institution, die sich mit dem Tod in all seinen Facetten befasst. Träger ist die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e. V., das angegliederte Zentralinstitut für Sepulkralkultur betreibt Grundlagenforschung und ist Herausgeber mehrerer einschlägiger, wissenschaftlicher Schriften. Dem Zentralinstitut zugeordnet sind eine wissenschaftliche Fachbibliothek, ein Foto- und Musikarchiv.

Der Begriff „Sepulkralkultur“ leitet sich vom lateinischen „sepulcrum“ ab und bedeutet Grab oder Grabstätte. Der Begriff umfasst alle Erscheinungsformen, die sich im Zusammenhang mit Sterben, Tod, Bestatten, Trauern und Gedenken entwickelt haben: Bestattungs- und Trauerriten und -bräuche, aber auch künstlerische Sichtweisen auf Sterben und Tod.

„Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.


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