Überflügelt vom „Scholzomaten“

Stuttgart (bjhw) – Umfragen heizen die nervöse Stimmung im Wahlkampf weiter an. Die Negativspiralen können sich verselbstständigen.

Im amerikanisierten Wahlkampf geht es um Inszenierung statt Inhalte, Spitzenpersonal statt Parteien. Foto: Kay Nietfeld/dpa

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Im amerikanisierten Wahlkampf geht es um Inszenierung statt Inhalte, Spitzenpersonal statt Parteien. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Seit Wahlkämpfe Kampagnen heißen, ist vieles anders. Es geht um Marketing und Emotion, um Inszenierung statt Inhalte, vorrangig nicht mehr um Parteien, sondern um ihr Spitzenpersonal. Im Bundestagswahlkampf 2021 heizen immer neue Umfragen die nervöse Stimmung zusätzlich an.

Interessierte können die aktuellen Ab- und Aufwärtsbewegungen der Kandidaten sogar wahlkreisscharf rund um die Uhr im Netz abfragen. Meinungs- und Trendforscher haben Hochkonjunktur, Spin-Doktoren und Imageexperten das Sagen, was Abwärtsspiralen aber keinesfalls stoppen muss. Eher im Gegenteil.

„Ich bin völlig verunsichert von all den Ratschlägen“, sagt der Kanzlerkandidat und beklagt, wie ihm ständig von zu vielen Seiten erklärt wird, was er machen soll. Das Team, die Berater, die anderen Schwergewichte der Partei. Er merkt, dass er nicht mehr er selbst ist, wie es immer schwerer fällt weiterzumachen angesichts immer neuer demoskopischer Tiefschläge. Denn nur öffentlich spielten Politiker die Bedeutung von Umfragen herunter, in Wahrheit und hinter den verschlossenen Türen, wo die internen Zirkel tagen, gebe es nichts Wichtigeres, gerade im Endspurt.

Der Kandidat hieß Martin Schulz. Die Erkenntnisse stammen aus dem Frühsommer 2017, als der SPD-Anwärter bereits auf spektakulärer Talfahrt war. Weil der Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen monatelang am früheren EU-Präsidenten so dicht dran war wie selten ein Journalist an einem Spitzenpolitiker, ist der rote Niedergang detailliert beschrieben: Was alles schiefgehen kann und ab einem bestimmten Punkt geradezu muss, weil nichts mehr gelingt und der Schein so viel wichtiger wird als das Sein.

Laschet gegen eine „linke Mehrheit“

Vier Jahre später kämpft Armin Laschet einen ganz ähnlichen Kampf: gegen den Trend, gegen immer neue Tiefschläge. Im ARD-Deutschland-Trend der vergangenen Wochen überflügelt ihn der SPD-Vizekanzler Olaf Scholz, eben noch abgestempelt als dröge und langweilig, als „Scholzomat“, also von uninspirierter Ausstrahlung, sogar in puncto Führungsstärke, Kompetenz und Sympathie. Natürlich sitzen die Unionsstrategen an der Gegenstrategie für die letzte heiße Wahlkampfphase. Der in Bayern statt Laschet plakatierte, gar nicht zur Wahl stehende Markus Söder verlangt, auf die schlechten Umfragen zu reagieren und den Trend in dieser Woche zu brechen. Laschet dagegen erklärt, sich mit Umfragen gar nicht zu befassen, will lieber über „die Angst vor Rot-Rot-Grün“ reden, die sich vergangenen Tagen herauskristallisiere, mit Bürgern erörtern, „wie eine linke Mehrheit den Wohlstand Deutschlands aufs Spiel setzt“.

Armin Laschet kämpft gegen den Trend. Foto: Federico Gambarini/dpa

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Armin Laschet kämpft gegen den Trend. Foto: Federico Gambarini/dpa

Ob eine Taktik funktioniert, erläutert Andreas Röder, Geschichtsprofessor an der Uni Mainz, liege mit daran, ob „fair kommuniziert wird“ oder ob sich eine Negativspirale weiter verselbstständige. Für die hat der Kenner der Union („Die Lage ist ernst, aber noch nicht verloren“) ein leicht fassliches Beispiel parat, das aus der berühmten „Anleitung zum Unglücklichsein“ des 2007 verstorbenen Psychologen Paul Watzlawick stammen könnte: Wenn Laschet ein Eis isst, wird er kritisiert, dass er jetzt auch noch ein Eis isst, wenn er keines isst, bekommt er zu hören, dass er nicht einmal in der Lage ist, ein Eis zu essen. Laschet hat es übrigens gegessen. Ihm sei, wie er gestern auf seinem Baden-Württemberg-Kurz-Tripp bekennt – einen seltenen Blick hinter die Kulissen zulassend –, egal gewesen, „ob die Berater sagen, das ist gut oder schlecht“.

Schon früher konnten Wahlkämpfe sich verselbstständigen. In gleich mehreren Doktorarbeiten wurde vom Sieg von Willy Brandt 1972 erstmals der Bogen zur Amerikanisierung geschlagen, weil vom charismatischen Kandidaten ein Positiveffekt auf seine Partei ausging, der für keinen vor ihm, auch nicht für Konrad Adenauer, nachzuweisen war. Brandt sei, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung in einem Rückblick, zum „Kanzler des Vertrauens“ stilisiert worden. Nicht nur Parteimitglieder, sondern die im Laufe der Wochen anwachsende Anhängerschaft wurde ebenfalls spürbar beflügelt. 26 Jahre später ist mit Gerhard Schröders „Kampa“ Amerika endgültig Maßstab geworden. Sogar die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags befassen sich mit der neuen aus der Parteizentrale ausgelagerten, systematisch koordinierten Planung nach angelsächsischem Vorbild. Der Befund: Die rote Kampa habe auf allen Feldern des politischen Marketings, der symbolischen Themenbesetzung wie der klassischen eine fast fehlerfreie Arbeit abgeliefert.

„Auf Mutti folgt Vati“

Inzwischen sorgen Agenturen für die jeweiligen Kampagnen, ganze Stäbe mischen mit. Laschet, so verlautet, sei sogar eine neue Handynummer verpasst worden, um alte Vertraute fernzuhalten. Positionen, Aktionen, sogar Begriffe werden in Blitzumfragen getestet, Auftritte, erst recht Trielle mit ihrer besonderen Konstellation, ausgiebig trainiert. Der Unionskandidat setzt in der Darstellung auf „Serviceplan Reputation“ aus Berlin, Annalena Baerbock auf eine Neugründung, Scholz verlässt sich auf den Hamburger Raphael Brinkert, der in der CDU war, als er Angela Merkel promotete, und inzwischen das Mitgliedsbuch der SPD besitzt. Im Mai, als die SPD in Umfragen noch bei 15 Prozent einbetoniert war, beschreibt „Die Zeit“ seine Strategie mit vier Worten: „Auf Mutti folgt Vati.“

Olaf Scholz scheint den aktuellen Umfragen zufolge auf dem Siegeszug. Foto: Britta Pedersen/dpa

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Olaf Scholz scheint den aktuellen Umfragen zufolge auf dem Siegeszug. Foto: Britta Pedersen/dpa

Mittlerweile hat Vati jenen Lauf in der realen und erst recht in der der digitalen Welt. Vielfach analysiert ist, wie sich politische Stimmungen und Tendenzen gerade im Netz zuerst verbreiten, dann verfestigen und schlussendlich verselbstständigen können: gepusht durch die mediale Berichterstattung, durch Online-Klicks, Hashtags, durch die Demoskopie, die fast täglich mit neuen Umfrageergebnissen auf einen schier unersättlichen Markt drängt. Scholz scheint auf einem Siegeszug, während Laschet und die grüne Kanzlerkandidatin sich vermutlich allmorgendlich ungläubig die Augen reiben. Munter kursieren längst Deutschlandkarten, getaucht in HSK 14, auch SPD-Rot genannt, weil der Vizekanzler inzwischen bei der fiktiven Persönlichkeitswahl in allen 16 Ländern deutlich vor ihnen liegt.

Dazu wächst die Bedeutung von Trendforschern, etwa election.de oder wahlkreisprognosen.de. Ihre Methodik wird zwar durchaus kritisiert, weil viele Unbekannte im Spiel sind. Sie erfreuen sich dennoch zunehmender Beliebtheit, vor allem bei den Kandidaten selber, die gegen Geld detaillierte Auswertungen der Lage vor Ort anfordern. Da brennt sich ein, zum Beispiel den Verantwortlichen des baden-württembergischen Landesverbands der Grünen, wenn die große Zahl der noch vor Monaten als erreichbar dargestellten Direktmandate arg schmilzt. Oder in der Südwest-SPD, die zuletzt vor zwölf Jahren ein einziges der 38 Direktmandate im Land gewinnen konnte – 37 gingen 2009 an die CDU, 2013 und 2017 alle 38 –, wenn mit einem Mal rote Punkte verzeichnet sind zur grafischen Veranschaulichung des erhofften Triumphs am 26. September sogar hierzulande.

Widersprechende Beraterratschläge

Der Begriff „Muffensausen“ treffe die Stimmung in seiner Partei am besten, „weil wir auf Bundesebene aufs Gewinnen abonniert waren und nicht darauf, das Spiel in letzter Minute zu drehen“, sagt ein CDU-Kandidat nach der Veranstaltung auf der Ostalb. Außerdem sei die Strategie darauf ausgerichtet gewesen, Baerbock und nicht Scholz vom Kanzleramt fernzuhalten. Es gibt, wie es heißt, sich widersprechende Beraterratschläge an den Noch-Ministerpräsidenten aus Düsseldorf, auf welche Weise das Ruder so kurz vor knapp noch erfolgreich herumzureißen ist.

Die Strategie der CDU war eher gegen Annalena Baerbock gerichtet. Foto: Fabian Strauch/dpa

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Die Strategie der CDU war eher gegen Annalena Baerbock gerichtet. Foto: Fabian Strauch/dpa

Da lassen 2017, die vielen Fehleinschätzungen und der Absturz des SPD-Hoffnungsträgers aus Würselen wieder grüßen – sowie die schmerzlichste aller Niederlagen seiner SPD auf dem Weg ins Elend der vergangenen Jahre. „Ausgerechnet der Laschet“, erinnerte sich Martin Schulz später an den NRW-Wahlabend und an jene 1,8 Prozent, die die CDU bei der Landtagswahl vor den Sozialdemokraten lag. Davon habe sich seine Kampagne nie erholt. Erst gut vier Monate später, am Wahltag um 15 Uhr, als die ersten Zahlen der Meinungsforschungsinstitute eintrudeln, wird er das offiziell eingestehen. Vom „Ende der Kanzlerträume“, schrieb Markus Feldenkirchen und spekulierte: „Vielleicht wäre ein anderer mit weniger Stehvermögen und Leidenschaft in dieser Stimmungslage sogar noch sehr viel tiefer ins Ziel gekommen.“ Es sei auch nicht seine Schuld, dass Berater und Abteilungsleiter ihm ständig Ratschläge erteilten, die weder zu seinem Naturell noch zu seinen Ansichten passten, die Frage aber, warum er viele Ratschläge tatsächlich annahm, warum er sich nicht früher emanzipierte. Ziemlich sicher, dass die Beraterstäbe der Verlierer sich 2021, genauer exakt in 19 Tagen, mit Antworten darauf werden herumschlagen in den ersten Analysen der Niederlage, die auch die ihre ist.


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