„Übertragung des Virus erfolgt nicht über das Wasser“

Gaggenau (tom) – Die Deutsche Gesellschaft für naturnahe Badegewässer betont: Das Naturbad Waldseebad dürfte auch in Corona-Zeiten öffnen.

Das ehemalige Naturbad Waldseebad. In Corona-Zeiten wäre es wie ein Chlorbad zu behandeln. Foto: Arnold/Archiv

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Das ehemalige Naturbad Waldseebad. In Corona-Zeiten wäre es wie ein Chlorbad zu behandeln. Foto: Arnold/Archiv

Landauf, landab machen die Freibäder wieder auf. In Sulzbach darf man sich seit Donnerstag darüber freuen – in Ottenau ist die Eröffnung für 25. Juni geplant. Die Waldseebadfreunde aber, sie müssen sich bis 2021 gedulden. Schließlich sind die Bauarbeiten noch lange nicht fertig. Aber wie wäre das, wenn es auch im nächsten Jahr eine Corona-Krise geben würde? Dürfte dann das neue Naturbadbecken genauso wie die Chlorbecken geöffnet werden? Schließlich gelten in Naturbädern deutlich weniger strenge Regelungen, was die Belastung des Badewassers mit Keimen anbelangt: In Chlorbädern gilt die „Keimtoleranz null“ – in Naturbädern aber nicht.

Auf BT-Anfrage versichert die Deutsche Gesellschaft für naturnahe Badegewässer: „Es gibt keinen Grund, Naturfreibädern die Öffnung zu verbieten.“ Geschäftsstellenleiterin Doris Habeck unterstreicht mit Blick auf wissenschaftliche Untersuchungen: „Die Übertragung des Coronavirus erfolgt nicht über das Wasser, sondern durch Aerosole, die von Mensch zu Mensch übertragen werden, oder durch Schmierinfektion über Oberflächen.“

Das bedeute also: „Man steckt sich nicht an, weil man im Wasser schwimmt, sondern weil einen ein anderer Badegast anniest, anhustet oder einfach nur anspricht und dadurch Tröpfchen übertragen werden – oder weil man eine Oberfläche anfasst, auf der Tröpfchen gelandet sind.“ Das Ansteckungsszenario sei also das Gleiche wie in einem Kaufhaus, auf der Straße „oder überall dort, wo sich andere Menschen aufhalten“.

Habeck verweist auch auf eine Stellungnahme des Umweltbundesamts zum Coronavirus Sars-CoV-2. „Die Morphologie und chemische Struktur von Sars-CoV-2 ist anderen Coronaviren sehr ähnlich, bei denen in Untersuchungen gezeigt wurde, dass Wasser keinen relevanten Übertragungsweg darstellt.“

Generell allerdings gibt das Umweltbundesamt zu bedenken, dass von Bädern mit biologischer Aufbereitung grundsätzlich ein höheres Risiko ausgehe, sich mit Krankheiten anzustecken, als von konventionell aufbereiteten Bädern. Darauf sollte der Badegast vor Ort hingewiesen werden.

Gleichwohl verweist die Gesellschaft für naturnahe Badegewässer auf verschiedene Regelwerke. So die „Richtlinien für Planung, Bau, Instandhaltung und Betrieb von Freibädern mit biologischer Wasseraufbereitung (Schwimm- und Badeteiche)“ der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung, Landschaftsbau (FLL) sowie die Empfehlung des Umweltbundesamts zu den „Hygienischen Anforderungen an Kleinbadeteiche (künstliche Schwimm- und Badeteichanlagen)“. Doris Habeck: „Um diesen gerecht zu werden, werden von den Betreibern selbstverständlich alle Maßnahmen ergriffen, die die Wasserqualität auch ohne den Einsatz von Chlor sichern.“

Naturbäder seien in puncto Wasserqualität nicht mit Bade- oder Baggerseen vergleichbar: Denn in derlei Gewässern erfolge keine Aufbereitung des Wassers; eine schlechte Wasserqualität oder Keimbelastungen blieben also über eine längere Zeit bestehen. „Während man die meist ungefährliche Algenblüte – also grünes Wasser – sofort wahrnimmt, sind andere Belastungen, die wirklich zu gesundheitlichen Problemen führen können, leider nicht erkennbar.“

Hintergrund

Auch bei der Stadt Gaggenau geht man davon aus, dass im neuen Waldseebad beide Angebote – Chlorbecken und Naturbad – geöffnet werden können: „Die einschlägige Corona-Verordnung macht keinen Unterschied zwischen Naturbädern und chemisch-technischen Bädern. Daher hat die Stadtverwaltung keinerlei Anhaltspunkte für eine unterschiedliche Behandlung und es ergäbe sich daraus keinen Grund, ein Naturbad nicht zu öffnen.“ Außerdem solle das Waldseebad ohnehin erst nächstes Jahr wieder zur Verfügung stehen: Folglich gebe es derzeit keinen Anlass für detaillierte Untersuchungen bezüglich der Covid-19-Einflüsse im Naturbad.

Die Stadt Großenhain in Sachsen hat eine Vergleichsvereinbarung unterzeichnet, die ihr die Zahlung von 1,125 Millionen Euro zusichert. Dies berichtete die Sächsische Zeitung. Der Vergleich sei Ergebnis eines Beweisverfahrens zu zahlreichen Mängeln des Naturerlebnisbads in Großenhain. Diese wiederum resultierten aus Planungsfehlern. Für die 4 000 Quadratmeter Wasserfläche habe Planer Rainer Grafinger die technischen Anlagen unterdimensioniert. Grafinger hatte auch das Naturbad Waldseebad geplant.

Da Grafinger nicht zu greifen gewesen sei, ist Großenhain laut Sächsischer Zeitung an die Versicherungen herangetreten. Diese haben zwischenzeitlich bezahlt. Die Stadt Gaggenau hat deutlich weniger Geld bekommen. Für Planungsfehler beim Bau des ehemaligen Naturbads Waldseebad hat die Stadt 545 000 Euro erhalten – ebenfalls als Ergebnis eines Vergleichs mit den Versicherungen (wir berichteten im Februar). Mit Blick auf die bevorstehende Verjährung der Ansprüche herrschte Zeitdruck.

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Erstellt:
19. Juni 2020, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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