Überwältigt von der Hilfsbereitschaft im Murgtal

Gernsbach (stj) – Die Motorradfreunde Reichental haben 15.000 Euro an ein von der Flutkatastrophe stark betroffenes Ehepaar in Schuld (Kreis Ahrweiler) übergeben.

Übergabe des 15.000 Euro schweren Spendenschecks: (von links) Christoph Böhner, Thomas Bauer, Helmut Lussi, Rita Schaffron und Peter Schaffron. Foto: Motorradfreunde Reichental

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Übergabe des 15.000 Euro schweren Spendenschecks: (von links) Christoph Böhner, Thomas Bauer, Helmut Lussi, Rita Schaffron und Peter Schaffron. Foto: Motorradfreunde Reichental

Kaum liefen die Nachrichten von der verheerenden Flutkatastrophe in Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen über die Kanäle, war die Betroffenheit in ganz Deutschland groß. Das war bei den Motorradfreunden Reichental genauso. Sie wurden umgehend aktiv, nach dem vom 14. auf den 15. Juli im Landkreis Ahrweiler innerhalb von 24 Stunden mehr als 100 Liter Wasser pro Quadratmeter fielen – mit katastrophalen Folgen für viele Ortschaften. Für die Vorstandschaft des rührigen Vereins war sofort klar: „Wir müssen was tun.“

Vorsitzender Thomas Bauer erkundigte sich im Ahrtal, wer Hilfe besonders nötig und wie diese am besten auszusehen hat. Schnell sei klar geworden, dass Sachspenden nicht mehr gebraucht werden, weil die Lager bereits überfüllt waren. Also versuchten die Motorradfreunde, so zügig und so viel Geld wie möglich zu organisieren und initiierten eine Spendenaktion. Der kleine Verein selbst machte den Anfang: Er stellte Mitgliedsbeiträge in Höhe von 1.150 Euro zur Verfügung. Auf dem Rathausplatz vor ihrem Domizil im Keller der Ortsverwaltung Reichental veranstalteten sie einen Benefiz-Hock, bei dem am 1. August 3.180 Euro zusammenkamen. Eine Metzgerei, ein Bäcker und ein Getränkehändler aus der Region haben diesen „Fleischkäshock“ durch Essens- und Getränkespenden ermöglicht und so ebenfalls zum tollen Ergebnis beigetragen. Komplettiert wurde das Spendenkonto durch insgesamt 110 Privatspenden, die sich auf 10.645 Euro summierten. Um auf 15.000 Euro aufzurunden, wurde noch Geld aus den Vereinsrücklagen locker gemacht.

„Uns war sehr wichtig, dass das Geld direkt bei Betroffenen ankommt“

„Uns war sehr wichtig, dass das Geld direkt bei Betroffenen ankommt“, betont Bauer im BT-Gespräch. Der Vorsitzende der Motorradfreunde wurde auf die Gemeinde Schuld aufmerksam, die durch die Flut Schäden in Millionenhöhe zu beklagen hat: Elf Häuser haben die Wassermassen komplett weggespült, es gibt keine Lebensmittelgeschäfte mehr vor Ort, die Infrastruktur ist völlig untergegangen.

Schwer gezeichnet von der Flut ist nach wie vor die Gemeinde Schuld im Kreis Ahrweiler. Die finanzielle Unterstützung aus Reichental ist für den Ort ein Segen. Foto: Motorradfreunde Reichental

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Schwer gezeichnet von der Flut ist nach wie vor die Gemeinde Schuld im Kreis Ahrweiler. Die finanzielle Unterstützung aus Reichental ist für den Ort ein Segen. Foto: Motorradfreunde Reichental

Bauer fragte beim Ortsbürgermeister Helmut Lussi nach, wo die Spende am besten ankommen sollte. Dieser empfahl die Betreiber des Bikertreffs Waldfrieden, das Ehepaar Schaffron, weil Rita (69) und Peter (70) Schaffron stark von der Flutkatastrophe getroffen wurden und zudem gesundheitlich stark beeinträchtigt sind. Hinzu kommt, dass ihr Wohnhaus samt Bikertreff am Ortsrand von Schuld liegt – sie waren daher von den Soforthilfen des Landes Rheinland-Pfalz ausgeschlossen.

Keine Heizung mehr, auch Frischwasser fehlt

Die Garage und große Teile des Biergartens von Familie Schaffron wurden bei der Flut weggespült, die Unterkellerung des kompletten Gebäudes war vollständig überflutet und muss zum Großteil abgerissen werden; sie haben keine Heizmöglichkeit mehr, kein Frischwasser, keinen Abwasseranschluss. „Das Wasser machte erst an der Terrassentür im ersten Stock Halt“, erzählten sie den Motorradfreunden. Durch ihre gesundheitlichen Probleme sind Rita und Peter Schaffron auf fremde Hilfe angewiesen, etwa beim Aufräumen, beim Abklopfen von Putz und beim Abtragen von zerstörtem Mauerwerk.

Davon machten sich die beiden Vorsitzenden der Motorradfreunde Reichental, Thomas Bauer und Christoph Böhner, kürzlich beim Besuch der Spendenempfänger vor Ort ein Bild. „Bei den Gesprächen mit den Betroffenen wurde uns die Machtlosigkeit, die dort herrscht, deutlich bewusst“, berichtet Bauer: „Es ist erschreckend zu sehen, dass selbst nach acht Wochen harter Arbeit der Menschen grundlegende Infrastrukturen noch nicht wieder funktionsfähig sind, wie beispielsweise die Frisch- und Abwasserversorgung.“ Eindringlich sei dem Vorstandsduo der Motorradfreunde vor Augen geführt worden, wie sehr die Menschen im Ahrtal mehr als zwei Monate nach der Katastrophe noch zu leiden haben.

„Das Ehepaar Schaffron war überwältigt, als es erfuhr, dass sie 15.000 Euro Spendengelder aus dem Murgtal erhalten“, erzählt Christoph Böhner: „Wir möchten uns im Namen der Beiden bei allen Spendern für ihre Großzügigkeit bedanken.“

Weitere 20.000 Euro fließen von Gernsbach ins Flutgebiet Schuld

Als Steffen Geiser im Fernsehen die ersten Berichte von der Flutkatastrophe im Ahrtal sah, wollte er sofort etwas tun. Die schrecklichen Bilder der Gemeinde Schuld gingen ihm nicht aus dem Kopf. Der Gernsbacher Metzger setzte sich umgehend mit seinen Kumpels von Günni’s Griller und der Grillhütte am Salmenplatz zusammen und überlegte, wie man schnellstmöglich Unterstützung leisten könne. So entstand die Idee der XXL-Fleischkäseaktion auf dem Wochenmarkt, parallel dazu initiierte er in seinem Geschäft eine Kiloschalen-Aktion und das ganze Team lud zur After-Work-Party auf die Murginsel ein, um den Erlös den Flutopfern zukommen zu lassen.

Knapp 20.000 Euro bringen Steffen Geiser (links) und seine Mitstreiter aus dem Murgtal nach Schuld. Foto: Privat

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Knapp 20.000 Euro bringen Steffen Geiser (links) und seine Mitstreiter aus dem Murgtal nach Schuld. Foto: Privat

Viele Unternehmen im Murgtal schlossen sich an, halfen, wo sie konnten, freut sich Geiser über dieses „sensationelle Engagement“. Stellvertretend erwähnt er die Firma Röchling, die Gitterboxen für den Transport von 20 Tonnen Hilfsgütern zur Verfügung stellte, Container-Schumacher, der ein passendes Fahrzeug bereitstellte, sowie mehrere Lebensmittellieferanten, die unter anderem auch dafür sorgten, dass sich der Hilfstrupp am 11. September mit je 1.500 Würstchen, Weck und Getränken auf den Weg ins Ahrtal machen konnte. Mit im Gepäck hatten die Murgtäler knapp 20.000 Euro, die bei ihren Aktionen zusammengekommen sind. Geiser erzählt von einer generationenübergreifenden Hilfsbereitschaft, die in Gernsbach an den Tag gelegt worden sei: Die Großmutter, die knapp bei Kasse ist, der kleine Junge, der sein Sparschwein für die Flutopfer in der Metzgerei abgab, oder der 17-Jährige, der 200 Euro spendete. „Ich möchte allen, die sich daran beteiligt haben, den vielen, vielen Firmen, den zahlreichen Privatspendern und natürlich meinen Mitstreitern, ein ganz großes Lob aussprechen“, betont Geiser im BT-Gespräch.

Die unbürokratische Hilfe, auf die man in den Flutgebieten seitens des Staates bisher vergeblich warte, habe den Ortsbürgermeister von Schuld, Helmut Lussi, überwältigt. Zusammen mit dem Geld der Motorradfreunde Reichental sind 35.000 Euro von Gernsbach in Schuld angekommen.


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