Ultra-Radler Bailer im BT-Interview

Baden-Baden (ket) – „Ich weiß, dass ich einen Schuss habe“, sagt Ultra-Radler Tobias Bailer über sich selbst. Der Baden-Badener nahm kürzlich am Race Around Austria teil.

„Am Ende geht es in erster Linie immer ums Überleben“: Tobias Bailer. Foto: Privat

„Am Ende geht es in erster Linie immer ums Überleben“: Tobias Bailer. Foto: Privat

2.000 Kilometer, darauf verteilt 30.000 Höhenmeter samt einer Auffahrt zum Großglockner – die Herausforderung, der sich Tobias Bailer beim Race Around Austria, also dem Rennen rund um Österreich, gestellt hat, war immens. Und der Baden-Badener Ultra-Radler hat das Abenteuer mit Bravour bestanden. Nach fünf Tagen und acht Minuten beendete der 47-Jährige das härteste Radrennen Europas als Siebter. Im Gespräch mit BT-Redakteur Frank Ketterer blickt Bailer auf die Tortur zurück.

BT: Herr Bailer, herzlichen Glückwunsch zum siebten Platz beim Race Around Austria. Wie sind Sie im Nachhinein mit dem Rennverlauf zufrieden?

Tobias Bailer: An den Start bin ich ja mit der klaren Prämisse gegangen, das Ziel zu erreichen – und zwar gesund und im vorgegebenen Zeitlimit. Das ist mir gelungen. Alles andere wie zum Beispiel Zeit und Platzierung war mehr oder weniger Zugabe, schon aus dem Grund, weil ich dieses Rennen zum ersten Mal gefahren bin und nur sehr schwer einschätzen konnte, was auf mich zukommt und wie hart es wird.

BT: Sie haben für die insgesamt 2.200 Kilometer und 30.000 Höhenmeter fünf Tage und acht Minuten benötigt. Wie wichtig sind Ihnen im Nachhinein Zeit und Platzierung?

Bailer: Man bereitet sich ja äußerst intensiv auf so ein Rennen vor – bei mir waren das die letzten neun Monate – und startet dann natürlich auch mit einer gewissen Erwartungshaltung. Aber am Ende geht es in erster Linie doch immer ums Überleben, schon weil man es unterwegs immer wieder mit unvorhergesehenen Dingen und Ereignissen zu tun bekommt – und sei es nur ein plötzlicher Wetterumschwung.

BT: Einer der Höhepunkte des Rennens ist die Auffahrt zum Großglockner. Wie haben Sie diese erlebt?

Bailer: Im Dunkeln. In der Anfahrt zum Großglockner war’s noch dämmerig, aber schon kurz darauf, in den Bergen geht das ja schnell, zappenduster. Was es noch schöner machte: Mindestens zwei Drittel des Anstiegs durfte ich komplett im Regen fahren. Das hat im Kopf so richtig mürbe gemacht.

BT: Das heißt, von der malerischen Alpenidylle und putzigen Murmeltieren haben Sie nichts mitbekommen...

Bailer: Nein, die kenne ich nur vom Hörensagen.

BT: Das Race Around Austria gilt als härtestes Nonstop-Radrennen Europas. Was macht es so hart?

Bailer: Bei Nonstop-Radrennen sitzt man ja, wie es der Name schon sagt, mehr oder weniger ununterbrochen im Sattel. Man fährt also nicht wie etwa bei der Tour de France eine Etappe und hat dann eine Nacht Zeit zur Erholung, sondern man fährt quasi nonstop durch. Es geht darum, die 2 200 Kilometer so schnell wie möglich zu bewältigen, was automatisch heißt: So viel und so schnell fahren wie möglich – und so wenig schlafen wie möglich. Schlafen kostet schließlich Zeit. So Dinge wie essen, trinken oder, ganz banal, Zähneputzen erledigt man alle auf dem Rad. Die Phasen, in denen man nicht im Sattel sitzt, reduzieren sich letzten Endes auf ein paar Power Naps, also ganz kurze Schlafphasen.

BT: Plant man vorab, wie oft man wie lange Pause macht?

Bailer: Wir hatten zumindest eine grobe Strategie. Der Plan war, dass ich die ersten 30 Stunden durchfahre und mir dann rund 20 Minuten lang einen Power Nap gönne. Danach war vorgesehen, dass ich alle 24 Stunden eine Stunde am Stück schlafe. Wir haben dann aber festgestellt, dass ich nach dieser Stunde Schlaf erschöpfter war als davor, weshalb wir beschlossen haben, ganz auf Power Naps umzustellen. Ich habe dann gar keine Schlafpause mehr gemacht, sondern am Tag vier bis fünf Power Naps zwischen zehn und 15 Minuten. Das war unterm Strich die bessere Lösung – zumindest für mich.

BT: Wie trainiert man diese Power Naps?

Bailer: Gar nicht. Man kann vor so einem Ultrarennen viel trainieren – den Körper, den Geist. Was man aber nicht trainieren kann, ist der Schlafentzug. Das funktioniert nicht. Natürlich habe ich im Vorfeld immer mal wieder probiert, für ‚ne Viertelstunde die Augen zu schließen und mich zu erholen, aber eben nie in Zusammenhang mit der körperlichen Belastung, die man im Rennen hat.

BT: Das heißt, im Rennen ist man ab einem gewissen Punkt so erschöpft, dass es einfach funktioniert?

Bailer: Ja. Da sitzt man hin, macht die Augen zu und ist von jetzt auf nachher weg. Der Vorteil dieser Power Naps ist, dass sich der Körper viel Erholung holt, ohne dabei komplett runterzufahren und in den Tiefschlaf zu fallen. Wenn er in den Tiefschlaf fällt, ist eine Stunde viel zu wenig, um sich anschließend erholt zu fühlen.

BT: Wie lange saßen sie in den fünf Tagen auf dem Rad und wie viel Schlaf hatten Sie?

Bailer: Ich glaube nicht, dass ich insgesamt auf sechs Stunden Schlaf gekommen bin.

Knapp 7.000 Kalorien pro Tag verbraucht

BT: Wie holt man das nach?

Bailer: Der Körper holt sich das in der Tat zurück. Die Woche nach dem Rennen war ich relativ müde und habe mir schon die ein oder andere Stunde mehr Schlaf gegönnt als sonst. Mit der Zeit lässt das dann aber wieder nach.

BT: Wie sieht es mit der Nahrungsaufnahme aus? Wie viele Kalorien benötigen Sie am Tag?

Bailer: Im Rennen selbst ernähre ich mich in erster Linie flüssig. Es gibt flüssige Nahrungsmittel, die hauptsächlich für Krebspatienten vorgesehen sind, und pro Fläschchen 300 Kalorien haben, also viel mehr als die üblichen Powergels. In Österreich habe ich mich in den ersten beiden Tage ausschließlich flüssig ernährt, hatte dann aber, was für mich ungewöhnlich ist, auch Lust auf feste Nahrung, zum Beispiel auf ein Käsesandwich oder eine Portion Nudeln mit Tomatensoße, die mir dann im Begleitwohnmobil gekocht wurde. Am Ende habe ich gefuttert, was ich kriegen konnte. In dieser Phase des Rennens kommt es weniger darauf an, was man dem Körper zuführt, sondern dass man ihm Nahrung zuführt. Natürlich ist eine Brezel von der Wertigkeit nicht vergleichbar mit einem der Drinks. Aber wenn ich eine Brezel esse, heißt das ja nicht, dass ich den Drink nicht mehr zu mir nehme. Da schaut meine Frau Stefanie, die sich im Rennen um meine Ernährung kümmert, schon ganz genau drauf. Da wird penibel darauf geachtet, dass ich die knapp 7 000 Kalorien, die ich am Tag verbrauche, auch wieder zu mir nehme. Alles andere hätte verheerende Folgen.

BT: Herr Bailer, wie viel an so einem Rennen kann man planen, wie viel ist Improvisation und Überraschung?

Bailer: Wir, also mein Team und ich, waren was die Einschätzung des Rennens anbelangt, diesmal perfekt vorbereitet. Das heißt aber nicht, dass man im Rennen selbst dann immer noch kleinere Dinge entdeckt, die man noch ein bisschen besser hätte machen oder vorbereiten können. Aber das ist völlig normal. Das gibt es immer.

„Das Team ist ein ganz wichtiger Faktor“

BT: Welcher Apparat steckt hinter so einer Unternehmung? Wie viele Helfer haben Sie begleitet?

Bailer: Ich hatte in Österreich den Luxus, dass mich ein Team aus Experten begleitet hat. Vom Koch über Zweiradmechaniker und Mentaltrainerin bis hin zum Spezialisten für meine strategische Renneinteilung sowie der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme war alles dabei. Ein Minibus mit zwei Leuten hat mich kontinuierlich begleitet und dank einigem technischen Schnickschnack war ich jederzeit mit allen relevanten Daten über meinen Leistungszustand informiert und jederzeit gut versorgt. Zudem hatten wir noch ein Wohnmobil im Einsatz, über das meine ganze Versorgung sichergestellt wurde, quasi das Lager, aus dem wir den kleineren Bus befüllt haben. Insgesamt haben mich acht Leute begleitet.

BT: Mit was außer strampeln verbringt man die Zeit auf dem Rad? An was denkt man?

Bailer: Über alles mögliche, Gott und die Welt. Aber hauptsächlich liegt der Fokus schon auf dem Rennen. Man denkt an den nächsten Anstieg, beschäftigt sich mit der Strecke, die noch vor einem liegt, solche Dinge eben. Und manchmal stellt man sich natürlich auch die Frage, warum man das eigentlich macht.

BT: Was überwiegt letztendlich – die physische oder die psychische Anstrengung?

Bailer: Der Erfolg eines solchen Rennen hängt für mich von drei Faktoren ab. Erstens: Wie bin ich physisch unterwegs? Zweitens: Wie stark bin ich im Kopf? Drittens: Wie war die Vorbereitung und wie funktioniert mein Team? Die Crew ist ein ganz wichtiger Faktor. Die kann dich unglaublich pushen – sie kann dich aber auch völlig ausbremsen. Zumal auch die Belastung für meine Begleiter eine enorme ist. Ich würde mit denen nicht tauschen wollen. Da fahr ich lieber stundenlang Rad.

BT: Lassen Sie uns über Faktor eins sprechen. Wie haben sie sich körperlich auf das Rennen vorbereitet?

Bailer: In Vorbereitung auf Österreich habe ich mir in Torsten Hiekmann, der Profi im Team Telekom und bei Gerolsteiner war, erstmals einen speziellen Radsporttrainer dazu geholt, der mir meine Radtrainingspläne geschrieben hat. Die Athletiktrainingspläne kamen wie immer von meiner Frau. Dienstag, Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag war meist Radtraining, Montag und Donnerstag stand dann Athletiktraining auf dem Programm. In der Woche waren es zwischen 500 und 600 Kilometer auf dem Rad und rund drei Stunden Athletiktraining.

Vertrag mit sich selbst geschlossen

BT: Und wie haben Sie Ihren Kopf für die Tortur fitt gemacht?

Bailer: Durch viele Gespräche mit meiner Frau, die ausgebildete Sport-Mentaltrainerin ist.

BT: Wie darf man sich das vorstellen?

Bailer: Zunächst geht es darum, ein Ziel zu formulieren und zu visualisieren, wie alles ablaufen könnte. Daraus erarbeitet man dann sogenannte Handlungspläne. In denen geht es im Prinzip darum, sich auf möglichst viele Eventualitäten psychisch vorzubereiten, also um die Frage, was mache und wie reagiere ich, wenn das oder das passiert? Oder man legt in einem Vertrag mit sich selbst fest, was man in dem Rennen erreichen möchte. Zu guter Letzt wird ein Flow erarbeitet, den man vor sich hinpredigt, wenn es einem im Rennen mal nicht so gut geht. In Österreich hatte ich zwei drei Situationen, in denen ich darauf zurückgegriffen habe. Spätestens daran erkennt man, dass so ein Rennen schon verdammt viel Kopfsache ist.

BT: Wie sind Sie zum Ultra-Radler geworden?

Bailer: Ich scheine, was die psychische Belastbarkeit angeht, eine relativ hohe Schmerzgrenze zu haben. Und Fahrrad fahre ich auch ganz gerne und nicht ganz schlecht. Der Rest hat sich so entwickelt. Ich wollte einfach sehen, was ich aus meinem Körper rausholen kann.

BT: Warum tut sich ein Mensch das an?

Bailer: Für den Moment, in dem du durchs Ziel fährst. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich.

BT: Haben Sie dennoch Verständnis für Menschen, die das, nun ja, etwas merkwürdig finden?

Bailer: Klar. Ich weiß, dass ich einen Schuss habe. Und ich weiß, dass viele Menschen sagen: Normal ist anders. Aber ich will gar nicht normal sein. Normal kann jeder.

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Erstellt:
5. September 2020, 08:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 32sec

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