Ultras unterstützen Fußball-Schiedsrichter

Baden-Baden (moe) – Die „Brigade Hartmut Strampe“ ist Deutschlands einzige Ultra-Gruppierung für Anhänger von Fußball-Schiedsrichtern. Ihr Motto: „Unsere Qualiität – Neutralität!“

Aus dem „11Freunde“-Kosmos in die Stadien der Kreis-, aber auch der Bundesliga: Die Brigade Hartmut Strampe auf Unterstützer-Tour. Foto: Moritz Hirn/Das große „11Freunde“-Buch

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Aus dem „11Freunde“-Kosmos in die Stadien der Kreis-, aber auch der Bundesliga: Die Brigade Hartmut Strampe auf Unterstützer-Tour. Foto: Moritz Hirn/Das große „11Freunde“-Buch

Bei der oft bedeutungsschwangeren Frage nach dem „Warum“ kann ein Spritzer Pragmatismus manchmal ganz erfrischend sein. Alex Brandt hat diesen ins Spiel gebracht – als Erklärung, weshalb er und seine rund 20 Kompagnons im Jahr 2015 die „Brigade Hartmut Strampe“ gegründet haben, die erste und nach wie vor einzige Ultra-Gruppierung für Schiedsrichter: „Weil es noch keine gab“, lautete die ebenso schlichte wie treffende Antwort.

Angesichts der elementaren Bedeutung der Unparteiischen, die im besten Fall lediglich als „unsichtbar“ gewürdigt werden, war der himmelschreiende Mangel schiedsrichterlicher Schlachtenbummler ein unhaltbarer Zustand. „Ohne sie ginge es nicht und trotzdem mag sie keiner“, wundert sich Pfeifen-Ultra Brandt, bei dessen Worten stets eine gewisse Faszination mitschwingt – fast genauso wie bei anderen Hardcore-Fußballfans, deren Herzblut in der Regel für Vereinsmannschaften schlägt.

Die Leidenschaft für Unparteiische entwickelte sich – wie so viele gute, wenngleich auch ein wenig abseitige Ideen – aus einer Bierlaune heraus: „Mein Eckbalkon in Friedrichshain, ein paar Gläser Frischgezapftes und unser Lieblingsthema Fußball, schon war die Brigade Hartmut Strampe geboren“, berichtet Brandt von der Genese der Ultra-Bewegung, bei der auch der ehemalige „11Freunde“-Redakteur und preisgekrönte Fußball-Autor Alex Raack seine Hirn(s)-Windungen hat knapsen lassen.

Das ist mittlerweile rund fünf Jahre her, seitdem tourt die Brigade sporadisch durch die Fußballstadien, hauptsächlich im Berliner Raum – von der Bundesliga bis runter zur Kreisklasse. Sozusagen weltweit agieren die Ultras im Netz. Auf Facebook, wo Kurioses und Informatives rund um den Zwölften Mann gepostet wird, zeigen der Gruppierung mehr als 11 000 Mitstreiter den blauen Daumen. Das dortige Motto: „Gute Schiedsrichter stehen immer richtig. Und die Brigade Hartmut Strampe ab sofort dahinter.“

Schnäuzer und Parkraumüberwacher-Attitüde

Warum aber um Fußballgottes Willen eigentlich Hartmut Strampe? Und nicht etwa andere unparteiische Legenden wie Pfeifen-Sopranist Markus Merk, Strähnchen-Model Franz-Xaver Wack oder Kult-Referee Wolf-Dieter Ahlenfelder, der eine Halbzeit auch gerne mal bereits nach wenig mehr als 30 Minuten abpfiff und Kritik an seinem Faible für Hochprozentiges als Vorbereitung auf ein Bundesliga-Spiel meinungsstark zu kontern wusste: „Ein Bier und ein Malteser zum Mittagessen, das wird doch wohl erlaubt sein. Wir sind Männer und trinken keine Fanta.“

In Anlehnung an diesen Spruch ist die Brigade auf ihren Streifzügen durch die Stadien auch immer mal wieder mit einem Banner unterwegs, auf dem „Wir trinken keine Fanta“ prangt. An Hartmut Strampe führte bei der Namensgebung der Ultras dennoch kein Weg vorbei: „Er hat 2001 das legendäre Spiel zwischen Dortmund und Bayern angepfiffen, in dem er zehn Bayern-Spielern eine Gelbe Karte gab und zwei vom Platz schickte. Unter anderem gab es diese wunderbare Szene, in der Stefan Effenberg sich nach seinem Platzverweis mit einem Handkuss vom gegnerischen Publikum verabschiedete“, schwärmte Brandt einst in einem Interview mit der „Zeit“. Obendrein habe Strampe „diesen fantastischen Schiri-Look: Schnäuzer, Bürstenhaarschnitt, die Parkraumüberwacher-Attitüde. So hat er den bei der Namensfindung härtesten Konkurrenten Eugen Strigel ausgestochen“.

 Schnäuzer, Bürstenhaarschnitt, die Parkraumüberwacher-Attitüde: Schiedsrichter Hartmut Strampe (rechts). Scheidemann/dpa

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Schnäuzer, Bürstenhaarschnitt, die Parkraumüberwacher-Attitüde: Schiedsrichter Hartmut Strampe (rechts). Scheidemann/dpa

Und so versteht die Brigade ihr satirisch angehauchtes Engagement auch ein Stück weit als Hommage an den Mann mit dem akkuraten Oberlippenbart, der seine Karriere an der Pfeife 1986 beim TSV Groß Hesebeck in Niedersachsen begann und zwischen 1991 und 2003 insgesamt 170 Partien der ersten und zweiten Bundesliga leitete.

Mit ihren Liebesbekundungen sorgte die Brigade gerade in den Anfangszeiten – ihre erste große Ansetzung war die Bundesliga-Partie der Berliner Hertha gegen den VfB Stuttgart am 12. September 2015 – bei den gewöhnlichen Vereinsfans für offene Münder: „Wir kamen uns ein bisschen vor wie ein Trupp Playboy-Models, der sich zum Fußball verirrt hat. Weil wir nur angestarrt wurden“, erinnert sich Brandt. Immerhin: „Ein paar fanden es lustig.“

„Wer nicht hüpft, der ist parteiisch!“

Humoristisch sind die Auftritte der Brigadisten in der Tat, die mit Linienrichterfahnen in der Hand und Brigade-Hartmut-Strampe-Schals in Ultraoptik um den Hals auf der Tribüne für Stimmung sorgen. Banner sind sichtbare Zeichen der Unterstützung der Männer und Frauen in Schwarz. Zum Repertoire gehören: „Sieg oder Spielbericht“, aber auch „Der hat schon Gelb“, ein Evergreen auf den Kreisliga-Plätzen der Republik.

Aktuelle Bundesliga-Schiedsrichter wie der Hügelsheimer Daniel Schlager finden die Aktionen der Pfeifen-Ultras „toll. Auch weil honoriert wird, was wir leisten“. Er selbst glaubt hingegen nicht, „dass ich irgendwann mal einen eigenen Fanclub haben werde“.

Für Brandt sind Schiedsrichter die „unbesungenen Helden“ des Spiels, wobei dies angesichts der Fanblock-Klassiker „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht...!“ oder „Schiedsrichter Telefon, Emmendingen wartet schon!“ ja nicht ganz richtig ist. Die Brigade sorgt freilich für einen gänzlich anderen Zungenschlag: „Guuuut geseeeheeen!“ schallt es durch den Block, wenn der Referee mit seiner Entscheidung richtig liegt. Etwas allgemeiner, aber nicht weniger stilbildend ist der Schlachtruf: „Unsere Qualität – Neutralität!“ Auch dem leicht angestaubten Kurven-Schlager haben die Ultras einen neuen, gelb-roten Anstrich verpasst: „Schiri, wir wissen, wo dein Auto stand, ist aufgetankt, ist aufgetankt!“ Ebenfalls immer wieder gern genommen: „Bester Mann: Schiri-Gespann!“ Abgerundet wird das gesangliche Repertoire mit einem schmissigen „Jeder macht mal Fehler, ohohohohoh!“, gefolgt von „Wer nicht hüpft, der ist parteiisch!“

Glatt Rot für Gewalt

Neben dem durchaus humorvollen Ansatz dieser fußballromatischen Liebelei hat das Wirken der Brigade auch einen ernsten, weil immer mal wieder aktuellen Anlass. Gerade in unteren Ligen sind Anfeindungen, immer häufiger sogar körperliche Angriffe auf Schiedsrichter der unerfreuliche Teil der Tagesordnung. Auf Facebook, aber auch real bei Demonstrationen wie im vergangenen November in Berlin zeigen die Ultras Gewalt und Respektlosigkeiten gegenüber Referees glatt Rot.

Dazu passt übrigens einer der Lieblingsgesänge von Gründungsmitglied Brandt – ebenfalls eine Adaption, diesmal allerdings aus dem Englischen: „Say it loud, say it clear, Referees are welcome here“.

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Erstellt:
22. Juli 2020, 17:30 Uhr
Lesedauer:
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