Umbruch bei Gernsbacher Weingütern

Von Stephan Juch, Hartmut Metz

Gernsbach (stj/ham) – Die Weinlese steht an und heuer gesellt sich die Auslese bei den Gernsbacher Winzern dazu: Sowohl das Weingut Schloss Eberstein als auch das Weingut Iselin stehen vor einem Neuanfang.

Umbruch bei Gernsbacher Weingütern

Immer mit Herzblut bei der Sache: Für Rainer Iselin steht im Herbst womöglich die letzte Lese über Staufenberg an. Ein üppiger Ertrag versüßt den Abschied. Archivfoto: Hartmut Metz

Jürgen Decker gab Ende August nach knapp acht Jahren in Obertsrot auf. Rainer Iselin ist gar seit 1977 auf den Hängen über Staufenberg aktiv und will nun nach 43 Jahren das Weingut verkaufen und in Rente gehen.

„Biologischer Weinberg – 5,23 Hektar mit Baugrundstück. Lage Baden-Baden/ Gernsbach, Staufenberger Grossenberg. Kaufpreis: gegen Gebot. ... Die Bodenstruktur des Oberrotliegenden Gesteins bringt Vielfalt in die Säure.“ So bietet ein Makler das Lebenswerk von Iselin feil. „Wir haben keinen Druck beim Verkauf. Eine Pacht kommt auch in Betracht“, betont der Eigentümer. Der 64-Jährige und seine Gattin Sara (66) wollen sich zwar langsam in den Ruhestand verabschieden, aber ihr Weingut soll Bestand haben. „Mir wäre es schon recht, wenn es mit meiner Idee und Philosophie des Bioweinguts weitergeht“, betont Iselin. Beide Kinder, Sara (29) wie Adrian (34), leben in Berlin und verspüren wenig Hang zur Fortsetzung der Familientradition, die schon auf Großvater Alfred als Weinbauberater zurückgeht.

Interesse zeigen gleich „ein paar junge Leute, die sich das vorstellen können“. Iselin weiß jedoch, dass die Vorstellungen der meisten eher von „romantischer“, verklärender Natur sind. „Winzer zu sein, ist ein harter Job. Und reich wird man nicht“, betont der gebürtige Emmendinger nach fast einem halben Jahrhundert in dem Metier, das ihm zum Beispiel auch die Illusion raubte, in den USA das große Geschäft machen zu können mit badischem Wein – immerhin lernte er damals 1983 seine Ehefrau Sara in Houston (Texas) kennen. „Einfacher Millionär wird man mit Wein nur, wenn man vorher drei Millionen Euro auf dem Konto hatte“, scherzt das Gernsbacher Urgestein. Um den Neustart der Nachfolger zu erleichtern, verspricht Iselin daher, sie mit Rat und Tat zu unterstützen.

Altes Rathaus: „Kleinod und Schatzkämmerle“

Außer um die Reben geht es für Gernsbach noch um weit mehr: das märchenhafte Ambiente im Alten Rathaus. Dieses „Kleinod und Schatzkämmerle“ hält der 64-Jährige für eine „einmalige Kulisse“. Sie bringt „Frequenz durch Menschen aus aller Welt“, die neugierig hinein lugen und ein paar Fläschchen kaufen. Und vor allem durch die „Heiratswilligen, die in bester Laune spendierfreudig sind“, wenn sie über dem Weinladen den Bund der Ehe schließen. Die Kombination sei für ihn ebenso „eine tolle Sache“ wie für die Stadt, da die Nutzung die Attraktivität der Altstadt erhöhe. Daher empfiehlt Iselin, der weiter in Gernsbach wohnen bleiben will, dass die neuen Weinbauern Unterpächter beim Alten-Rathaus-Pächter Jan Brauers-Stiftung bleiben. Auch wenn das Leben eines Winzers oft ein karges sein mag, wirbt Iselin nach 48 Berufsjahren für die Fortsetzung der Weinbau-Tradition in Gernsbach: „Der Wein ermöglicht einem schon das Leben auf der Sonnenseite des Lebens!“

Das galt bis kurz vor der Weinlese 2019 wohl auch für Jürgen Decker. Doch dann verhagelte ein lokales Sturmereignis dem Pächter des Weinguts Schloss Eberstein im Juli über 40 Prozent der Ernte – mit erheblichen finanziellen Folgen. Wenige Monate später folgte mit dem plötzlichen Tod seines Kompagnons Ernst Möschle ein weiterer Tiefschlag für den früheren Hex-von-Dasenstein-Geschäftsführer. Mit Möschle, einem Unternehmer aus Ortenberg im Ortenaukreis (Ernst Möschle Behälterbau GmbH), hatte er das Weingut Schloss Eberstein zum 1. November 2012 übernommen.

Und dann kam im Frühjahr 2020 auch noch Corona, das die Weinbranche ebenfalls hart traf. All das führte letztlich dazu, dass Jürgen Decker sein Engagement auf Schloss Eberstein aufgeben musste. Zum 31. August beendete er das Pachtverhältnis mit Gerd Overlack. Der Besitzer des Weinbergs und sein Bruder Jörg sind jetzt auf der Suche nach einem Nachfolger. Sie rechnen aber damit, dass der frühestens im Dezember oder im Januar gefunden sein wird.

Ernte auf Schloss Eberstein gesichert

„Der Weinberg befindet sich in einem 1a-Zustand, alles ist bestens bewirtschaftet“, versichert Jörg Overlack im BT-Gespräch. Diese Woche werde ein externes Unternehmen mit der Weinlese in den Hängen von Schloss Eberstein beginnen. Von dort hat sich am Dienstag Kellermeister Urban Jung verabschiedet. 15 Jahre hat er dort gewirkt. Wer seine Nachfolge antreten wird, „wissen wir selber nicht“, bittet Jörg Overlack um etwas Geduld: „Jetzt hat jeder erst mal die Ernte vor der Brust.“ Die ist auch in Obertsrot gesichert – und verspreche laut Overlack einen sehr guten Jahrgang 2020, „sowohl qualitativ als auch mengenmäßig“. Von daher sei er sehr zuversichtlich, was die Zukunft anbelangt: „Wer den Weinberg übernimmt, macht sicher ein gutes Geschäft.“