Unbekümmerte „Action“ im Weltraum: Perry Rhodan wird 60

Rastatt (hawo) – Vor 60 Jahren ist das erste Heft der Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“ erschienen, mehr als 3.000 weitere Ausgaben folgten. Bis heute hat der Weltraumheld eine treue Leserschaft.

Der US-Astronaut Perry Rhodan ist Held und Namensgeber der Reihe. Foto: WeltCon/dpa

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Der US-Astronaut Perry Rhodan ist Held und Namensgeber der Reihe. Foto: WeltCon/dpa

Wer kennt heutzutage noch den in Breslau geborenen Mathematiker und Schriftsteller Kurd Laßwitz? Nicht mehr viele wahrscheinlich. In seinem 1897 erschienenen Roman „Auf zwei Planeten“ erzählt er, wie drei deutsche Forscher mit einem Wasserstoffgasballon den Nordpol erreichen und zu ihrer Verwunderung feststellen, dass er nicht unbewohnt ist. Dort befindet sich eine Station für die Raumschiffe der „Martianer“ – oder wie sie sich nennen: der „Nume“.

64 Jahre später ist die Ausgangssituation eine ganz ähnliche: Nur ist es diesmal nicht der Nordpol, sondern der Mond. Und keine Deutschen landen dort mit einer Rakete, sondern Amerikaner. Und was sie – gleichfalls zu ihrer Verwunderung – vorfinden, ist ein gigantisches Raumschiff mit einem Durchmesser von 500 Metern. Die Insassen, die „Arkoniden“, ähneln jenen „Nume“ von Kurd Laßwitz seltsamerweise bis aufs weiße Haar. Auch im Verhalten sind sie kaum zu unterscheiden; selbst ihre Raumschiffe haben die gleiche Form: Sie sind kugelförmig.

Was sich mit den vielen Parallelen so scheinbar harmlos anlässt, ist der Beginn einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Als am 8. September 1961 das erste Heft der Weltraum-Serie „Perry Rhodan – der Erbe des Universums“ im Zeitschriftenhandel erscheint, rechnen die beiden Schöpfer der Serie, Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting alias Clark Darlton (beide sind längst verstorben), wie auch die Verantwortlichen im Münchner Moewig-Verlag nicht im Ansatz damit, dass ihnen hier ein einmaliger Coup gelungen ist.

Unsterblichkeit der Helden stört Leser nicht

In einem Satz zusammengefasst geschieht folgendes: Der US-Astronaut Perry Rhodan findet auf dem Mond ein fremdes Raumschiff mit überlegener Technik, nutzt dieses zur friedlichen Einigung der Menschheit und befährt fortan die Sterne. Etwas weniger gerafft: Die Terraner um Perry Rhodan machen sich nach anfänglichen Widerständen das Wissen und die Technik der – nach 10.000 Jahren Herrschaft über die Milchstraße in Dekadenz verfallenen – Arkoniden zu eigen und setzen zu Erkundungsflügen ins Universum an. Ziel ist es dabei, die Erde gegen Außerirdische verteidigen zu können.

Es stellt sich heraus, dass manche Menschen durch radioaktive Strahlung zu Mutanten geworden sind, das heißt, sie beherrschen die Telepathie, die Telekinese oder die Teleportation. Es gibt „Orter“, die durch Materie hindurchsehen können, ferner „Suggestoren“ oder „Hypnos“ mit der Gabe, anderen ihre Gedanken aufzuzwingen. Ein Russe, „Zünder“ genannt, hat gar zwei Köpfe, die beide imstande sind, mit den Augen ein Ziel anzuvisieren und dort eine Atomexplosion auszulösen.

Im Lauf der Serie gesellt sich ein „Mausbiber“ namens „Gucky“ hinzu, der drei Fertigkeiten zugleich in sich vereinigt: Er ist Telepath, Teleporter und Telekinet. Alle zusammen bilden das sogenannte „Mutantenkorps“, ohne das die Serie wohl schon nach wenigen Folgen das Zeitliche gesegnet hätte. Unzählige Triumphe, die Perry Rhodan und die Seinen feiern, verdanken sie im Grunde dem Einsatz übersinnlicher Kräfte.

Aber für den Leser spielt das keine Rolle. Ihm geht es um Unterhaltung und Spannung – ganz gleich, mit welchen Mitteln sie zustande kommt. Es stört ihn auch wenig, dass der Held und seine nächsten Mitstreiter (einschließlich der Mutanten) die Unsterblichkeit erlangen. Anfangs mittels einer „Zelldusche“, die ein geheimnisvolles Wesen namens „Es“ auf einem ebenso geheimnisvollen Planeten „Wanderer“ verabreicht. Später dann durch „Zellaktivatoren“, die „Es“ quer durch die Galaxis verteilt hat und die der Träger über der Brust befestigt.

Und seltsam: Das ewige Leben gerät den Auserwählten nicht zum Fluch, wie zum Beispiel jenem italienischen Adligen Fosca in Simone de Beauvoirs Roman „Alle Menschen sind sterblich“. Nein, Rhodan und seine Gefährten wissen zwar um die schier unüberwindlichen Komplikationen eines ewig währenden Daseins, aber es ficht sie nicht sonderlich an. Im Gegenteil, meistens fürchten sie, ihre Unsterblichkeit zu verlieren – sei es im Kampf oder durch Verlust ihres „Zellaktivators“.

Leise Kritik über die Jahre

Immerhin, gelegentlich zeigen sich die Protagonisten auch von ihrer nachdenklichen Seite. „Wir haben den Weltraum erobert und schicken Raumschiffe in fremde Galaxien“, spricht einer der Protagonisten. „Aber dieser räumliche Gewinn täuscht. Was haben wir im Endeffekt wirklich gewonnen? (...) Wir vergrößern nur die Summe von Daten, ohne wirklich etwas zu verstehen. Man könnte uns mit Blinden vergleichen, die überall umhertasten, Dinge berühren, ohne sie zu verstehen.“

Ende der 1960er Jahre, die Serie ist inzwischen bei Heft 400 angelangt, gibt es im Zuge der „68er“-Bewegung hie und da leise Kritik. Man stößt sich an Begriffen wie „Großadministrator“ (Perry Rhodans persönlicher Titel), „Solarmarschall“ (Rhodans Stellvertreter Reginald Bull) oder „Mutantenkorps“, denn solche Bezeichnungen wecken in manchen Köpfen falsche Assoziationen. Hinzu kommen Sentenzen, die in ihrer Anlehnung an Karl Poppers und Konrad Lorenz‘ evolutionäre Erkenntnistheorie auch bei einem heutigen „Gutmenschen“ wohl eher unangenehme Empfindungen auslösen können: „Ungewöhnlich feindliche Umwelten haben stets ungewöhnlich befähigte Lebensformen zur Folge.“ Oder: „Die Eingeborenen werden bald ausgestorben sein. Dagegen ist nichts zu machen. Dieses Volk besaß keinen Zusammenhalt und keine gemeinsamen Ziele. Es gab keine Feinde, keine wichtigen Aufgaben, keinen Existenzkampf und keine Naturkatastrophe. Solche Bedingungen waren nicht dazu angetan, den Fortschritt einer Spezies zu fördern“, heißt es in einem der Bände.

Perrypedia als Wikipedia-Pendant

Inzwischen ist die Serie auf mehr als 3.000 Folgen angewachsen, unterteilt in „Zyklen“ von je 50 oder 100 Hefte. Seit 2005 erscheint eine sechste Auflage als E-Book. Einer der Hauptfiguren, dem Arkoniden Atlan, war von 1969 bis 1988 eine eigene Heftserie gewidmet, später drei „Miniserien“, die der Pabel-Moewig-Verlag 2006 mit dem 60. Heft einstellte. Beide Serien, „Perry Rhodan“ wie „Atlan“, erscheinen bis heute auch in Buchform, beziehungsweise als Hörbuch oder E-Book. „Perry Rhodan“ ist die Gemeinschaftsarbeit eines Autorenteams, das im Lauf der Jahre immer größer wurde. Die Redaktion sitzt bis heute in Rastatt. Als Pendant zu Wikipedia existiert im Internet ein Portal namens „Perrypedia“.

Weit oberhalb gewöhnlicher „Groschenliteratur“

Der Erfolg der Serie ist nicht zuletzt dem Illustrator Johnny Bruck (1921-1995) zu verdanken, dessen Titelbilder die Leser schon von Weitem an die Kioske lockten. Der Preis eines „Perry-Rhodan“-Hefts ist von anfangs 70 Pfennig auf inzwischen 2,30 Euro gestiegen.

Leser in aller Welt können nicht irren: Die Gesamtauflage der Hefte ist mittlerweile millardenstark. Und sie irren auch nicht, was den Lesespaß angeht: Sie bekommen unbekümmerte „Action“ serviert, mitreißende Abenteuer, fantastische Einfälle, „Space opera“ und technische Science Fiction in einem, mit Krimi-Einschüben und überraschenden Enden. Dazu identifizierbare „Typen“ zum Pferdestehlen wie den Indianer Don Redhorse oder den „Galaktopsychologen“ Vivier Bontainer.

Manche Einzelfolgen, speziell von den Autoren William Voltz und Hans Kneifel, liegen in Gehalt und Sprache weit oberhalb gewöhnlicher „Groschenliteratur“. Gleichviel, dass die Grundidee zu Perry Rhodan vielleicht bei einem längst verschollenen deutschen Autor zu finden ist, kann den Triumph nicht schmälern.


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