Und am Ende steht der Adelstitel

Baden-Baden/Sinzheim (nie) – Weit weg und scheinbar zum Greifen nah: BT-Redakteurin Nina Ernst kommt im Heißluftballon aus dem Staunen nicht heraus.

Herrliche Aussichten bieten sich BT-Redakteurin Nina Ernst (ganz links im Korb) und ihren Freunden über Mittelbaden und noch viel weiter. Foto: Nina Ernst

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Herrliche Aussichten bieten sich BT-Redakteurin Nina Ernst (ganz links im Korb) und ihren Freunden über Mittelbaden und noch viel weiter. Foto: Nina Ernst

Ah. Eine Heißluftballonfahrt. Für mich, als Geburtstagsgeschenk. Für mich, die Hängebrücken hasst, für die Flugzeuge nur Mittel zum Zweck sind und die beim Gleitschirmflug vom Merkur nur eins wollte: So schnell wie möglich wieder runter. Was haben sich meine Freundinnen bei diesem Geschenk nur gedacht? Na ja, doch ziemlich viel, denn ich wurde eines Besseren belehrt: Anstelle der anfänglichen Zweifel war bei der Landung eine tiefe Dankbarkeit getreten.

Rainer Keitel und sein Sohn Robin nicken dabei nur zwinkernd und wohlwissend: Die beiden Piloten von Ballooning 2000 haben mit nichts anderem gerechnet. „Höhenangst gibt es beim Ballonfahren nicht!“, und noch nie habe jemand aus Panik oben darum gebeten, früher als geplant wieder die Erde anzusteuern, erklärt Rainer Keitel, Chef des traditionsreichen Baden-Badener Unternehmens, das Phänomen, dass kein Höhenschwindel auftritt.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Aber zurück auf Anfang, oder besser auf den Boden der Tatsachen: Nachdem ich also erfolgreich für das Abenteuer in den Lüften bearbeitet worden war, hieß es für unsere Sechser-Fahrgruppe (ja, der Heißluftballon fährt, er fliegt nicht!) und weitere 16 Abenteurer: „Der frühe Vogel fängt den Wurm“. Ein wunderschöner Morgen im August, 5.30 Uhr Treffpunkt im Steinbacher Industriegebiet bei den Keitels. Während ich mich nur danach sehne, doch schon wieder unten zu sein, freut sich meine Freundin Sabine unglaublich darauf, den Sonnenaufgang in der Luft zu erleben, und auch Sarah, Seb, Lisa und Katharina sind seit Wochen heiß auf die Fahrt.

Der Sonne entgegen

Und heiß wird es in den nächsten Stunden in der Tat noch. Denn nicht nur, dass wir laut Rainer Keitel „tolles Wetter mitgebracht haben“ und „der Sonne entgegen fahren“ werden. Nein, um starten zu können, ist einiges an Muskelkraft nötig und in bis zu 300 Metern über dem Boden heizen uns Pilot Robin – und im zweiten Ballon Rainer Keitel selbst – ordentlich ein. Denn das Prinzip des steigendes Ballons haben die Gebrüder Joseph und Jacques Montgolfier schon im Jahr 1783 erkannt: Heiße Luft steigt nach oben. Und so wird schnell klar, für was die 320 Liter Propangas, die wir in großen Flaschen im Korb mitführen, gedacht sind: Betätigt Robin Keitel das Fahrventil des Brenners, sticht die Flamme groß und heiß nach oben und erhitzt die rund 8.500 Kubikmeter Luft im Ballon. „Um Abheben zu können braucht es circa 70 Grad Temperaturunterschied zur Außentemperatur“, erklärt uns Robin. Jap, das merken wir – und unsere Pullis sind schnell ausgezogen.

Rund 700 Kilogramm schwerer Korb

Aufgewärmt waren wir sowieso schon – und zwar nicht vom Angstschweiß. An unserem Startplatz bei Freistett – dorthin hat uns der Süd-Süd-West-Wind verschlagen – packen nämlich alle mit an: die beiden Piloten, die „Verfolger“, die uns später in ihren Autos vom Boden aus im Blick haben (und die, O-Ton von Verfolgerin Michaela Tschan, „hoffentlich vor euch am Landeplatz sind“) und wir Passagiere. Fachmännisch verbinden bei uns Robin, Michaela und Verfolger Christoph Stierle die Hülle des Ballons samt Trag- und Steuerseilen mit dem rund 700 Kilogramm schweren Korb. „So ein riesen Ballon und so ein kleiner Korb“, meint eine Mitfahrerin – ja, da kann man nur zustimmen. Platz ist in unserem Korb für zwölf Passagiere plus Pilot.

Beeindruckt beobachten wir das Aufbauprozedere und dürfen hier und da helfen – so müssen Korb und Ballon ja irgendwie von ihrem Anhänger herunterkommen. Die Ballonhüllen wachsen und wachsen derweil. Mit dem Mund aufpusten wie einen Luftballon müssen wir zum Glück nicht, ein überdimensionaler Ventilator übernimmt das. Mit wachsender Fülle richtet sich der Ballon langsam auf, und der am Boden liegende Korb kommt zum Stehen. Dann heißt es: Einsteigen bitte. Und mit der Klettereinlage in den Korb klettert auch bei mir das Nervositätsbarometer weiter nach oben. Um sofort wieder zu fallen.

Schwerelos und frei

Denn schnell stellt es sich ein: Ein Gefühl der Schwerelosigkeit, der Freiheit – nennen wir es einfach ein Wow-Gefühl. Den letzten Funken Skepsis löscht Pilot Robin. Fast unbemerkt – nur das laute Zischen des Brenners deutet darauf hin – steigen wir sanft in die Höhe. Charmant, ortskundig und mit dem trockenen Humor eines Hamburger Hafenrundfahrt-Kommentators chauffiert er uns durch die Lüfte. „Achtung Baum!“, ruft es aus dem anderen Eck des Korbs. Und Robin augenzwinkernd: „Danke, den habe ich gar nicht gesehen.“ Aber keine Sorge, es gehöre eben dazu, ein paar Blätter mitzunehmen, und bei unserer bewegten Masse von rund zwölf Tonnen ziehe eher der Baum den Kürzeren.

Ohne weiteren Gegenverkehr, auch die Flugzeuge vom Baden-Airport kommen uns nicht in die Quere, und ohne Gewackel erleben und genießen wir fast zwei Sunden Fahrt – und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Obwohl wir uns Hunderte Meter über dem Boden mit auch schon mal bis zu 25 km/h bewegen, scheint die Welt unter uns zum Greifen nah. Häuser, Menschen, Wälder, Wiesen in Miniaturformat liegen unter uns. Unzählige Fotos samt Nachrichten erreichen uns schon während der Fahrt: „Seid ihr das?“, „Wir sehen euch!“, „Ich habe euch gewunken!“. Wir überfahren Memprechtshofen, Hildmannsfeld und Sandweier, schrammen knapp an Kartung und Haueneberstein vorbei, haben das Straßburger Münster und Karlsruhe Blick. Wir sind alle erstaunt, wie viele Details von oben zu erkennen sind. Und ich bin überrascht, dass keinerlei Unwohlsein mich packt, und noch mehr darüber, dass ich gerne noch weiter gefahren wäre.

Der Wind als Motor

Doch bei Förch nahe der A5 ist dann Schluss, die Windrichtungen in verschiedenen Höhenlagen nutzend hat uns Robin sicher gesteuert – einen Ballon direkt lenken, das ist nämlich nicht möglich. Der Wind und die Höhen sind der Motor. Ebenso sanft, wie es nach oben gegangen war, geht es wieder hinunter. Wir landen im Stehen. Die anfänglichen Erklärungen, dass der Korb beim Aufsetzen auch kippen kann – für die Katz. Chapeau, die Herren Piloten! Nach den obligatorischen Erinnerungsfotos helfen wieder alle mit, alles Material zu verstauen, dann geht es zurück nach Steinbach. Beseelt, dankbar und voller schöner, neuer Eindrücke.

Fotostrecke

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Und am Ende steht der Adelstitel
Viel Arbeit: Die Ballons nehmen Gestalt an, bald kann es losgehen. Vor dem Start und nach der Landung packen das ganze Ballooning-2000-Team und die Passagiere mit an. Nina Ernst

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Pilot Robin heizt den Fahrgästen ein. Foto: Nina Ernst

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Herrliche Aussichten bieten sich BT-Redakteurin Nina Ernst (ganz links im Korb) und ihren Freunden über Mittelbaden und noch viel weiter. Foto: Nina Ernst

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Und am Ende steht der Adelstitel
Nennt mich Gräfin: Robin und Rainer Keitel zünden bei der Taufe ein Haarbüschel an und löschen es wieder. Foto: Krell

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Die Taufe unten am Boden lasse ich mir nicht nehmen, schließlich hebt sie die Passagiere nach alter Tradition in den Adelsstand – so wie damals die Brüder Montgolfier ob ihrer Erfindung geadelt wurden. Rainer Keitel zündet ein Haarbüschel von mir an, Robin löscht es mit Champagner, ich habe einen neuen Namen – fertig: Es grüßt Gräfin Nina, begeisterte Himmelsstürmerin im Luftmeer über der Rheinebene zu Baden.

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Und am Ende steht der Adelstitel
Viel Arbeit: Die Ballons nehmen Gestalt an, bald kann es losgehen. Vor dem Start und nach der Landung packen das ganze Ballooning-2000-Team und die Passagiere mit an. Nina Ernst

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Und am Ende steht der Adelstitel
Pilot Robin heizt den Fahrgästen ein. Foto: Nina Ernst

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Und am Ende steht der Adelstitel
Herrliche Aussichten bieten sich BT-Redakteurin Nina Ernst (ganz links im Korb) und ihren Freunden über Mittelbaden und noch viel weiter. Foto: Nina Ernst

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Und am Ende steht der Adelstitel
Nennt mich Gräfin: Robin und Rainer Keitel zünden bei der Taufe ein Haarbüschel an und löschen es wieder. Foto: Krell

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