Und plötzlich bin ich Eule

Varnhalt (kie) – BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch hat sich vor zwei Jahren unter die Narren gemischt und ist beim Varnhalter Umzug mitgelaufen. 2021 sind Fastnachtsumzüge coronabedingt abgesagt.

In der Rolle angekommen: Nicht nur kleine Zaungäste freuen sich über die Süßigkeiten der Neu-Eule, auch große Zuschauer zeigen sich dankbar. Foto: Christina Nickweiler/BT-Archiv

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In der Rolle angekommen: Nicht nur kleine Zaungäste freuen sich über die Süßigkeiten der Neu-Eule, auch große Zuschauer zeigen sich dankbar. Foto: Christina Nickweiler/BT-Archiv

Ausgelassenes Feiern, unbeschwerte Partys, bunte Umzüge und Paraden: Viele Fastnachtsbegeisterte blicken mit Wehmut auf die vergangene Saison, in der all das noch möglich war. In diesem Jahr macht das Coronavirus den Narren einen Strich durch die Rechnung – Masken tragen wir derzeit zwar auch, allerdings nicht aus Jux und Tollerei, sondern um unser und das Leben anderer vor einer Infektion zu schützen. Und dennoch: Wir lassen uns die Fastnachtsstimmung nicht gänzlich nehmen. Deshalb hat das BT-Instagram-Team für den Throwback-Thursday bewusst eine närrische Geschichte aus dem Archiv gekramt: Vor zwei Jahren hat sich BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch unter die Narren gemischt. Als Eule verkleidet ist sie inmitten anderer Hästräger aus der freien Narrengruppe der Steinbacher Katzen und Nachteulen beim Varnhalter Umzug mitgelaufen.

Stelldichein als Hästrägerin

Jeder Schritt bringt mich der närrischen Stimmung näher. Die Glöckchen am Saum meiner Webpelz-Hose hüllen mich auf dem Weg zum Umzug in den Klang der Fastnacht. Der Leo-Print und die Maske verhelfen mir daneben zu meinem tierischen Aussehen. Ich bin ein Narr – vielleicht kein echter und auch nicht für immer, aber zumindest heute. Als Eule verkleidet, werde ich mein Stelldichein als Hästrägerin auf der Straßenfastnacht geben. Inmitten anderer dämmerungsaktiver Tiere aus der freien Narrengruppe der Steinbacher Katzen und Nachteulen laufe ich beim Varnhalter Umzug mit.

Interaktion mit den Kindern

„Vor allem die Interaktion mit den Kindern macht richtig Spaß“, benennt Zunftmeister Jens-Uwe Braun sein persönliches Highlight bei der Straßenfastnacht. „Als Katzen und Eulen gehen wir im Gegensatz zu manch anderen Gruppen aktiv auf die Kleinen zu.“ Die Leidenschaft für die Fastnacht ist ihm, seiner Frau Andrea Braun, aber auch den anderen Katzen und Eulen während des Umzugs deutlich anzumerken. Beim Blick in die noch unmaskierten Gesichter strahlen Narren und Sonne an diesem Tag förmlich um die Wette. Mit der Laufnummer 59 von 82 haben wir viel Zeit, vom Startpunkt aus das bunte Treiben zu beobachten – fast eine Stunde dauert es, bis Katzen und Eulen die gestrickten Bommelmützen gegen die Masken aus Lindenholz tauschen, um sich in den Umzug einzureihen. Was hätten wir bei Regen gemacht? „Dann wären wir halt nass geworden“, beantwortet Friedlinde Schattling, Eule der ersten Stunde, unaufgeregt die Frage der Fastnachtsanfängerin.

Hexen sind zahlreich vertreten

Wie viele andere Fastnachtszünfte in der Region ist auch die Steinbacher Narrengruppe in den 70er Jahren gegründet worden; zuerst die Eulen, danach die Katzen. Die Männer sind Katzen, die Frauen Eulen. „In dieser Zeit gab es viele Neugründungen“, erklärt Jens-Uwe Braun, „ganz ähnlich wie heute.“ Vom Rand das Geschehens aus fällt die Masse an dunklen Gestalten im Umzug auf: Hexen, Dämonen, Trolle und allerlei anderes ungutes Gesindel zieht an mir vorüber. „Trolle sind gerade der neueste Schrei“ (Stand März 2019, Anm. d. Red.), weiß der langjährige Hästräger Thomas Bandleon. Hexen seien zudem zahlreich vertreten, weil Freundschaften zwischen den örtlichen Reblandhexen und anderen Hexengruppen bestünden, erklärt Andrea Braun.

Bonbons, Becher und eine Hundeleine

Der Krach der Umzugswagen ist enorm: Motorengeräusche der umfunktionierten Traktoren und Pkw mischen sich mit bass-lastigen Gute-Laune-Hits, die aus den Boxen schallen. Dazwischen gehen die Narrenrufe, das knarzende Geräusch der hölzernen Rätschen und die Guggenmusik nahezu unter. Auch meine Glöckchen am Hosensaum scheinen verstummt.

Bei der Anprobe zeigt sich: Die Verwandlung könnte an-strengend werden.  Foto: Jens-Uwe Braun/BT-Archiv

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Bei der Anprobe zeigt sich: Die Verwandlung könnte an-strengend werden. Foto: Jens-Uwe Braun/BT-Archiv

Während der Häs-Anprobe zwei Wochen zuvor war davon nicht die Rede. Trotzdem war mir danach klar, dass meine Verwandlung zur Eule anstrengend werden könnte. Mein Leih-Häs besteht aus drei Teilen: Hose, Cape-artiges Oberteil und Maske inklusive Kunstpelz für den Hinterkopf. Alles nicht schwer, aber auch nicht federleicht. Was mir aber mehr Sorge bereitet als das Häs und dessen Gewicht, sind die restlichen Zutaten für einen perfekten Umzug: Zur närrischen Grundausstattung gehören eine Tasche mit Bonbons und anderen Süßigkeiten, eine Hundeleine, ein Karabinerhaken und ein Becher. An die umgebundene Leine wird nach dem Umzug die Maske gehängt, zuvor dient sie dem Transport des eigenen Trinkgefäßes, das am Karabinerhaken baumelt und so jederzeit füllbereit zur Verfügung steht. Im Vorfeld schwant mir eine verheerende Kombination aus Plüsch und Alkohol, gepaart mit dem Sichtfeld eines Maulwurfs. Unfälle verschiedenster Art scheinen durchaus denkbar.

Ärger mit volltrunkenen Zuschauern

Außerdem soll ich Handschuhe, einen Rollkragenpullover und braune Schuhe anziehen, klärt mich das Ehepaar Braun auf. Meine Brille werde ich hingegen wohl oder übel gegen Kontaktlinsen tauschen müssen – sie passt einfach nicht unter die Maske. Ein Schal sei des Weiteren ein absolutes Muss, wie mir die Brauns sagen. Auf dem Zunftmeisterempfang, der vor dem Umzug in der Yburghalle stattfindet, wird mir klar, wieso: Dort steckt mir der amtierende Prinz der Varnhalter Rebschenkele, Christian II., an den Schal mehrere Ansteck-Pins der aktuellen Varnhalter Kampagne. Hunderte solcher Pins haben Andrea und Jens-Uwe Braun inzwischen zu Hause.

Strikt verboten sei hingegen das Verteilen von Alkohol während des Umzugs, erklären mir die Brauns. Zu viel Ärger mit volltrunkenen Zuschauern und auch Hästrägern habe es in der Vergangenheit gegeben. Jens-Uwe und Andrea Braun sehen vor allem die Entwicklung im Publikum mit Sorge: Unter jugendlichen Zaungästen seien Trinkgelage vor dem Umzug nicht unüblich.

„Das ist ein Schauspiel“

Die Steinbacher Katzen und Nachteulen hingegen lassen es ruhig angehen. Die wichtigste Frage aber lautet: Was mache ich als Eule? „Das ist ein Schauspiel“, sagt Andrea Braun. „Du winkst, verteilst Bonbons, und wenn Zuschauer etwas Fellartiges anhaben oder als Katze oder Eule verkleidet sind, kannst du mit ihnen interagieren – aber nur, wenn sie Lust dazu haben. Da fällt dir schon was ein“, ist sie sicher.

Gemeinsam mit 13 weiteren Eulen und Katzen ist die damalige BT-Volontärin, heutige BT-Redakteurin, Franziska Kiedaisch im Frühjahr 2019 zum ersten Mal bei einem Fastnachtsumzug mitgelaufen. Foto: Christina Nickweiler/BT-Archiv

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Gemeinsam mit 13 weiteren Eulen und Katzen ist die damalige BT-Volontärin, heutige BT-Redakteurin, Franziska Kiedaisch im Frühjahr 2019 zum ersten Mal bei einem Fastnachtsumzug mitgelaufen. Foto: Christina Nickweiler/BT-Archiv

Dann ist es endlich so weit: Wir stellen uns auf. Mein erster Umzug als Hästrägerin beginnt. Vom Schnabel bis zur letzten Federspitze bin ich konzentriert. Inständig hoffe ich darauf, mit der Maske nicht die Orientierung zu verlieren. Gut, dass Zunftmeister Braun groß gewachsen ist und direkt hinter mir läuft. Nach ihm halte ich auf der rund einen Kilometer langen Strecke durch den Ortskern stets Ausschau.

Die Straßen sind weiß vom Konfetti – als hätte es geschneit. Die Maske umschließt mein Gesicht wie eine zweite, starre Haut. Das Holz drückt auf meine Nase. Ich frage mich, wie es die Horn- und Rosshaarträger unter den Narren wohl handhaben: Mir ist jedenfalls meine kleine, ein Kilo wiegende Halbmaske bereits schwer genug.

Tote Winkel lauern überall

Ich atme durch den Mund und achte auf meine Schritte, um nicht zu stolpern. Mein Sichtfeld beschränkt sich auf ein Minimum. Tote Winkel lauern überall: unter, über und neben mir. Einen Bollerwagen übersehe ich glatt – hätte eine Mitstreiterin mich nicht rechtzeitig gewarnt, wäre ich darüber gefallen. Auch die kleinen Prinzessinnen, Bienen und Polizisten, die am Straßenrad heischend ihre Hände aufhalten, sehe ich nur, wenn ich gezielt hinschaue. Den wummernden Bass des vorausfahrenden Wagens der Bühler Lichtputzer nehme ich durch die Maske nur entfernt wahr.

Von der Fastnachtseuphorie angesteckt

Mit den glatten Handschuhen versuche ich, die Bonbons aus meiner Tasche zu fischen. Randvoll mit Süßigkeiten gefüllte Beutel in kleinen Händen zeugen davon, dass viele Kinder bereits reichlich beschenkt wurden. Deshalb gebe ich auch vielen älteren Zuschauern einen süßen Gruß mit auf den Weg. Als ich einer älteren Frau ein Bonbon aushändige, steckt mich die Fastnachtseuphorie vollends an. „Danke, liebe Eule“, sagt sie zu mir.

Ich rudere mit den Armen, um mein eulenartiges Auftreten zu untermalen, winke – wenn ich nicht gerade damit beschäftigt bin, Bonbons zu verteilen – mit ausladenden Bewegungen den Zuschauern zu und rufe „Narri“ in der Hoffnung, jemand möge den zweiten Teil des Rufs komplettieren. Ich freue mich närrisch darüber, wenn es funktioniert. Innerhalb weniger Minuten auf der Umzugsstrecke bin ich zur Eule mutiert.

„Man geht nie unbedeckt im Häs“

Danach tausche ich wieder Maske gegen Bommelmütze und lasse mit dem Rest der Truppe den Nachmittag ausklingen. „Man geht nie unbedeckt im Häs“, erklärt Zunftmeister Braun. Selbst Narren auf Zeit sind also von Kopf bis Fuß auf Fastnacht eingestellt.

Als ich von der Bushaltestelle die letzten Meter nach Hause gehe, klingelt es wieder an meinen Füßen. Eigentlich ein schöner Klang. Ich könnte mich daran gewöhnen.


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