Ungebrochener Anton Merkel hat den „Akkord kaputtgemacht“

Gaggenau (cv) – Gehörlos, blind und stumm: Anton Merkel hat dennoch nie aufgegeben. Der 65-Jährige hätte gerne die 50 Jahre im Benz-Werk in Gaggenau vollgemacht. Doch nun wurde er verabschiedet.

Michael Brecht (von links) und Matthias Jurytko verabschieden den gesundheitlich gebeutelten, aber niemals gebrochenen Anton Merkel zusammen mit Thomas Twork und Personalleiter Sebastian Zwickl. Foto:Christiane Vugrin

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Michael Brecht (von links) und Matthias Jurytko verabschieden den gesundheitlich gebeutelten, aber niemals gebrochenen Anton Merkel zusammen mit Thomas Twork und Personalleiter Sebastian Zwickl. Foto:Christiane Vugrin

„Die Arbeit machte mich müde, jetzt fällt das Schlafen schwer“, gesteht Anton Merkel. Nach vielen Rednern meldet sich der Geehrte selbst zu Wort. Das heißt, eigentlich übersetzt seine Frau seine Gedanken in Worte. Anton Merkel ist gehörlos, blind und stumm. Am Freitagvormittag wurde der Mitarbeiter des Mercedes-Benz Werks Gaggenau nach 48 Jahren im erlauchten Kreise verabschiedet.

Anton Merkel ist ein besonderer Mensch. Und das in vieler Hinsicht. Seinen immer stärker werdenden Einschränkungen zum Trotz: „Den Kopf hochhalten“, lautet die Devise des „Benzlers“. Was ihm bei dem plötzlichen Wegfall seiner Arbeit Mitte März durch die Corona-Pandemie nicht leicht fiel. Denn die Arbeit hatte schon seit je her einen hohen Stellenwert für den 65-Jährigen. Und sein größter Wunsch wäre gewesen: „Die 50 vollzumachen.“

Anton Merkel trat nach einer Ausbildung zum „Fotolaboranten-Anlernling“ am 6. November 1972 noch sehend in die Daimler-Benz AG Gaggenau als Werkzeugschleifer in der Scharfschleiferei ein. Dort arbeitete er bis zum Jahr 2000. Seine Sehfähigkeit verschlechterte sich kontinuierlich. Der Grund, weshalb er zunächst in die Versandabteilung als Packer wechselte. 2005 folgte der Umzug nach Bad Rotenfels in die Ersatzteil-Vorverpackung. Bis zum unerwarteten „Corona-Ende“ arbeitete Anton Merkel dort am speziell für seine Bedürfnisse ausgestatten Packtisch bei Meister Christian Deuser. Wie selbstverständlich wurde er als Mitarbeiter mit Handicap von seinen Kollegen akzeptiert und integriert.

Wie sah ein Arbeitstag für Anton Merkel aus? Für viele noch mitten in der Nacht startete dieser bereits um 3 Uhr morgens. Er rasierte sich, bereitete das Frühstück vor, bevor er eine Stunde später seine Frau Petra weckte. Solange es seine Augen zuließen, kam Anton Merkel von seinem Wohnsitz in Karlsruhe mit dem Auto zur Arbeit. Später nutze er die S-Bahn.

Arbeitsweg über Kurven eingeprägt

Seinen Arbeitsweg prägte er sich über verschiedene Merkmale, wie die Anzahl der Haltestellen, die Kurven, die gefahren werden und auch die Unebenheiten während der Fahrt ein. Immer wieder gab es unerwartete Ereignisse zu meistern oder er traf auf Menschen, die seine Situation ausnutzen wollten. In den letzten beiden Jahren fuhr ihn seine Frau zur Arbeit. Gemeinsam mit ihr wird er Anfang Oktober einen neuen Lebensabschnitt am Bodensee beginnen.

Bei der Verabschiedung fanden viele Wegbegleiter persönliche Worte für den langjährigen „Benzler“. Überall klingt dabei die Bewunderung heraus, wie Anton Merkel sein Schicksal annahm und damit umging. Ebenso die Freude und Dankbarkeit, einen solchen Menschen kennenlernen zu dürfen.

Die Schwerbehindertenvertreterin Sonja Hoffmeister eröffnete die Reden, die von seiner Ehefrau routiniert in seine Hand geschrieben wurden. Nach Bereichsbetriebsrätin Sabine Schmitt, die seinen Werdegang Revue passieren ließ, brachte es Gesamtbetriebsratsvorsitzender Michael Brecht auf den Punkt: „Mit dieser Verabschiedung erhältst du unheimlich viel Wertschätzung, die nicht jeder bekommt.“ Anton Merkel sei Vorbild und Mutmacher zugleich, ein engagierter, zuverlässiger und stolzer „Benzler“. Dessen Wunsch, ein Foto von ihm und Daimler Ex-Vorstandschef Dieter Zetsche zu schießen, konnte tatsächlich einmal erfüllt werden.

„Anton Merkel ist ein Guter!“ Auch der ehemalige Gaggenauer Standortleiter Dr. Matthias Jurytko ließ es sich nicht nehmen, an der Verabschiedung teilzunehmen. Beide verbindet ein zehn Jahre langer gemeinsamer Weg. Trotz seiner fortschreitenden Behinderung habe Merkel nie aufgegeben. „Ein Urgestein verlässt uns, er wird in der Werksgemeinschaft fehlen“, betonte der heutige Chef des Mercedes-Benz-Werks in Wörth.

Merkel sei stets pünktlich gewesen, nie krank und verfüge neben einem hohen Qualitätsbewusstsein über Leistungsstärke. „Er hat den Akkord kaputtgemacht“, schmunzelte Teamleiter Jürgen Alandt. Seine beiden Hauptbetreuer Thomas Seiler und Petra Busch sagten ebenso offiziell Adieu. „Es tut mir in der Seele weh, dass du gehst“, bekannte seine Kollegin, die am Arbeitsplatz die Übersetzungen übernahm.

Ehrenplatz zusammen mit Zetsche-Foto

Es wurden viele Bilder auf der Abschiedsfeier gemacht. Auch ein spezielles auf Wunsch von Merkel mit der Führungsspitze. Das wird vermutlich neben der Fotografie von ihm mit Dieter Zetsche einen besonderen Platz finden. Und zwar genau so, wie es dem „Benzler“ in seiner Vorstellung gefällt.


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