Ungeschminktes Bild einer verwahrlosten Zeit

Baden-Baden (vn) – „Erinnern – Nicht vergessen“, unter diesem Titel veröffentlichte das Badische Tagblatt von Mitte März bis Mitte Mai 1995 eine Artikelserie zum Kriegsende in der Region 50 Jahre zuvor. Daraus entstand im Herbst eine Dokumentation in Buchform. Für diese Fleißarbeit – eine enge Kooperation von Lesern und Zeitung – wurde das BT im Frühjahr 1996 mit dem Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.

Ungeschminktes Bild einer verwahrlosten Zeit

Die BT-Dokumentation von 1995 zum Kriegsende in Mittelbaden ist heute noch in Antiquariaten erhältlich. Foto: Neuwald

„Grundgedanke für unsere Serie war von vorneherein, die Zeitzeugen selbst erzählen zu lassen. Wir fanden, dass die Menschen, die den Krieg und seine schlimmen Folgen erleben mussten, ein Recht dazu hatten, ungeschminkt ihre Erlebnisse zu schildern“, schrieb der damalige Chefredakteur Harald Besinger in der Bewerbung für den Lokaljournalistenpreis. „Wie es schien, lagen wir richtig: Viele ältere Menschen waren froh, sich endlich diesen Ballast von der Seele reden zu können. Dadurch gewann die Sache eine Eigendynamik, die uns selbst überraschte: Unsere Aufrufe lösten eine mittelschwere Lawine an Zuschriften aus.“

Neben ganz persönlichen Schilderungen fanden sich erschütternde, packende, authentische Berichte von dramatischen Ereignissen am Ende des NS-Unrechtsregimes und vom Beginn der Besatzungszeit mit all ihren Lasten, Verboten, Reglementierungen und fortdauernder Unsicherheit. „Ganz wichtig dabei“, so der damalige Chefredakteur Wolfgang Mayer: „Die Rückblicke sind gänzlich ungeeignet, verbieten es sogar, Schuld gegeneinander aufzurechnen.“

Gleichwohl musste die Redaktion befürchten, dass durch die Leserschilderungen allein eine gewisse Einseitigkeit vorherrschen würde. Deshalb ergänzte sie selbst fehlende Themenfelder: beispielsweise die militärischen Ereignisse in den letzten Kriegswochen, die Entnazifizierung und den Aufbau der Verwaltung in der französisch besetzten Zone. Sie recherchierte bislang unbekannte Zusammenhänge und förderte neues Quellenmaterial aus Archiven zutage.

Insgesamt erschienen im Rahmen der Serie auf rund 70 Sonderseiten 180 Artikel von 80 Autoren. Weil die Serie bei den Lesern so gut ankam und der Wunsch groß war, die Artikel gesammelt vorliegen zu haben, entschloss sich das BT, eine Dokumentation der Serie herauszugeben. In diesem Buch mit fast 300 Seiten fand der Leser nahezu alle in der Serie abgedruckten Texte in einer neuen und sinnvollen Ordnung wieder. Hinzu kamen zahlreiche Bilder, darunter viele Originale, die nie zuvor veröffentlicht worden waren.

Nach dem Erscheinen des Buchs im Oktober 1995 lud das BT die Bevölkerung zu öffentlichen Veranstaltungen in Gaggenau, Rastatt und Baden-Baden ein. Dabei lasen Zeitzeugen aus ihren Texten vor, diskutierten die Vertreter der Kriegsgeneration mit Schülern und Jugendlichen.

Der Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ist die bundesweit bedeutendste Auszeichnung auf dem Gebiet des Lokaljournalismus. Das BT wurde 1995 unter der Rekordzahl von 503 eingesandten Arbeiten für seine Serie zum Kriegsende in Mittelbaden gewürdigt. In der Begründung der Jury hieß es seinerzeit: „Beim Badischen Tagblatt ist der Aufruf der Zeitung, die Einladung an die Leser, sich zu erinnern, vorbildlich.“ Besonders anerkennenswert sei auch, dass die Zeitung „ihre Leser zu ihrem eigenen Recht hat kommen lassen“. Dabei sei es vermieden worden, „oberlehrerhaft und mit mahnendem Zeigefinger die Leser zu belehren“.

BT-Chefredakteur Mayer ergänzte: „Beeindruckend, mit welcher Offen- und Klarheit, kritisch, auch selbstkritisch, Leser mit Missdeutungen, ja aus der damaligen Zeit heraus verständlichen Fehlinterpretationen, Irrtümern, aufgeräumt haben.“ Wer genau lese, finde immer wieder Ermunterung zu mehr Toleranz, so Mayer. Man „entdeckt deutliche Hinweise darauf, was mitmenschliches Zusammenhalten in Stunden schwerster Prüfungen zu leisten vermag. Die drängende Schlussfolgerung: Nicht vergessen, aber verzeihen.“ Die BT-Dokumentation „Erinnern –Nicht vergessen“ ist heute immer noch in Antiquariaten käuflich zu erwerben.