Ungewisse Zukunft für Landgasthof „Hirsch“

Hügelsheim (sawe) – Der Corona-Lockdown in der Spargelsaison hat den „Hirsch“ hart getroffen. Trotz Existenzängsten gibt sich die Inhaberin kämpferisch: „Wir sind guten Mutes, dass es weitergeht.“

Wie viele andere Gastronomiebetriebe auch von der Corona-Krise hart getroffen: Sabine Wild-Ittensohn und ihr Ehemann Thomas führen bereits in sechster Generation den Gasthof „Hirsch“. Foto: S. Wenzke

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Wie viele andere Gastronomiebetriebe auch von der Corona-Krise hart getroffen: Sabine Wild-Ittensohn und ihr Ehemann Thomas führen bereits in sechster Generation den Gasthof „Hirsch“. Foto: S. Wenzke

Die Corona-Pandemie hat dramatische Auswirkungen auf das Gastgewerbe. Trotz Lockerungen sehen etliche Gastwirte landauf, landab derzeit kaum ein wirtschaftliches Auskommen. Auch der „Badische Landgasthof Hirsch“ in Hügelsheim, um 1795 als Jagdhaus des damaligen Markgrafen von Baden erbaut, hat es hart getroffen: Das traditionsreiche Lokal, in der Region bekannt für seine Spargelspezialitäten, wurde just in seinen umsatzstärksten Monaten von der Krise ausgeknockt. Inhaberin Sabine Wild-Ittensohn, die den Familienbetrieb bereits in sechster Generation führt, macht aus ihrer Existenzangst keinen Hehl, gibt sich aber dennoch kämpferisch: „Wir sind guten Mutes, dass es weitergeht.“
Eigentlich wollte sich die 59-Jährige mit ihrem Mann Thomas, der seit Jahrzehnten im „Hirsch“ kocht, im kommenden Jahr aufs „Altenteil“ zurückziehen und einem der drei Kinder und damit der nächsten Generation den Hotel- und Gaststättenbetrieb übergeben. Die Tochter und ihr Mann sind vom Fach, ein Sohn ist Diplom-Braumeister. Beste Voraussetzungen also für einen Generationenwechsel. Angedacht war eigentlich das Frühjahr 2021. Doch Corona hat nun alles infrage gestellt und der Ratlosigkeit Platz gemacht.

„In der Spargelzeit wird der Löwenanteil verdient“, erläutert die Wirtin. Fällt sie aus, fehlt das Geld, um die umsatzschwachen Monate zu überbrücken. Der „Hirsch“ war von Mitte März bis einschließlich 17. Mai geschlossen. Die 13 Angestellten, die in Teil- und Vollzeit arbeiten, befinden sich seither in Kurzarbeit, berichtet die gelernte Restaurantfachfrau. Entlassen werden soll niemand, gutes Gastronomiepersonal ist Gold wert. Wie der weiße Spargel in Hügelsheim.

Sabine Wild-Ittensohn erzählt von schlaflosen Nächten in vergangenen Monaten, von Sorgen, die sie umgetrieben haben und von sehr arbeitsreichen Wochen – ganz ohne Personal hatte sie mit ihrem Mann den Abholservice bewältigt, als ein solcher erlaubt war. Dass die beiden dabei von ihren Kindern unterstützt wurden, merkt sie dankbar an. Seit dem 18. Mai ist der Betrieb wieder angelaufen, in den ersten Wochen allerdings sehr zögerlich. Der Juni lief dann wieder besser. Dennoch: „Die Leute sind verunsichert und haben Angst“, sieht Sabine Wild-Ittensohn den Grund für die Zurückhaltung.

„Haben immer wieder investiert“

Es fehlten die vielen Geschäftsessen, und auch die Gruppentreffen sind vorerst weggebrochen im „Hirsch“, der vor allem auch bei Geschäftsreisenden eine beliebte Herberge war. Allerdings nimmt auch das Reisen nach dem Lockdown erst mit angezogener Handbremse wieder Fahrt auf.

„Wir haben immer wieder investiert“, betont Sabine Wild-Ittensohn, und verweist dabei beispielsweise auf die Terrasse vor dem Hotel, die auch ein Hirsch-Hüttli in bester Almhüttenmanier ziert, weil ihr Mann aus der Schweiz stammt, oder Schallschutzfenster in den Gästezimmern, die nach hinten liegen und von der verkehrsbelasteten Hauptstraße abgewandt sind.

Auch weitere Investitionen wurden bereits ins Auge gefasst. Ein Teil des Gebäudes muss saniert, weitere Gästezimmer sollen geschaffen werden.

Außerdem will das Ehepaar in dem Haus eine neue Wohnung für den Ruhestand bauen, um die räumliche Trennung vom Gastronomiebetrieb zu vollziehen. Um auszuloten, was machbar ist für die Zukunft, hat die Inhaberin deshalb einen Antrag auf Bauvorbescheid gestellt, dem der Hügelsheimer Ausschuss für Bau, Technik und Umwelt am Montag das gemeindliche Einvernehmen erteilt hat. „Ausgegoren ist aber noch gar nichts“, stellt die 59-Jährige deutlich heraus. Denn in der Krise gibt es viele Überlegungen in viele Richtungen – vielleicht sollte man auch mehr auf Fahrradtourismus setzen, denkt sie einfach mal laut nach. Auch die Idee, aus den 30 Hotelzimmern Appartements zu machen, wäre eine denkbare Option. Gar nicht ausmalen mag sich die Gastronomin indes, was werden soll, wenn eine zweite Corona-Welle kommt: „Das wäre eine Katastrophe.“

„Wollen den Kindern den Weg frei machen“

So bleibt die Hoffnung, dass alles gut wird und der „Hirsch“ trotz der derzeit ungewissen Zukunft auch noch in der siebten Familien-Generation weitergeführt werden kann. „Wir wollen den Kindern den Weg frei machen, was allerdings mit Corona nicht einfach ist, weil keiner weiß, wohin der Weg führt“, zeigt die 59-Jährige das Dilemma auf. Ob ihr Traum, nach einem reichen Arbeitsleben Verantwortung abzugeben und etwas kürzerzutreten, auch Corona zum Opfer fällt, ist genauso fraglich. Zumindest derzeit.

30 Jahre lang hat sich das Ehepaar lediglich einen Ruhetag in der Woche gegönnt, der noch zur Hälfte für die Buchhaltung und Einkäufe reserviert war, seit einigen Jahren hat man auf zwei Ruhetage erhöht, wie die Wirtin am Rande erwähnt: „Wir brauchen das aber auch“, denn Gastronomie ist ein anstrengendes Geschäft. Und viele Speiselokale gibt es nicht mehr in Hügelsheim.

Sabine Wild-Ittensohn, die 1985 in den elterlichen Betrieb eingestiegen ist, hat schnell gemerkt, dass „dies ihr Ding ist“. Ihr würde das Herz bluten, müsste sie eines Tages den Traditionsbetrieb verkaufen. Doch daran denkt derzeit niemand ernsthaft.

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Erstellt:
7. Juli 2020, 22:00 Uhr
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