Ungleichbehandlung beim Impfen

Ötigheim (as) – Unterschiedliche Impfstrategien für Pflegeeinrichtungen stoßen in Ötigheim auf. Der Bürgermeister will auch mit Blick auf das Anmeldechaos eine dezentrale Impfung diskutieren.

Im Seniorenzentrum Curatio Ötigheim steht bereits die zweite Impfung an, Tagespflegeeinrichtungen hingegen werden nicht „durchgeimpft“. Foto: Curatio/Archiv

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Im Seniorenzentrum Curatio Ötigheim steht bereits die zweite Impfung an, Tagespflegeeinrichtungen hingegen werden nicht „durchgeimpft“. Foto: Curatio/Archiv

Das Thema Corona-Impfung sorgt derzeit allerorten für viel Gesprächsstoff und noch mehr Verdruss. Kein Durchkommen bei der Terminvergabe für die Kreisimpfzentren, zu wenig Impfstoff, keine Impfstrategie für Tagespflegeeinrichtungen, ambulante Pflegekräfte oder häusliche Pflege und keine Öffnungsstrategie für „durchgeimpfte“ Pflegeeinrichtungen, davon berichteten Beteiligte am Mittwoch Ötigheims Bürgermeister Frank Kiefer.

Zweite Impfdosis für Curatio


Der wollte sich beim Besuch der neuen SPPS-Tagespflege im Ort einen Überblick über den aktuellen Stand in der Gemeinde verschaffen. Wie der aussieht? Während die einen (Seniorenzentrum Curatio mit Tagespflege) nächste Woche die zweite Impfdosis erhalten werden, müssen die anderen (von der neuen SPPS-Tagespflege gegenüber) sich jeder selbst um einen Impftermin kümmern. Denn in reinen Tagespflegeeinrichtungen wird nicht zentral geimpft, macht Kiefer hier eine „Lücke in der Impfstrategie“ aus. Romeo Pletowski, geschäftsführender Gesellschafter von SPPS, spricht in diesem Zusammenhang für den Bereich ambulante Pflege gar von Ressourcenverschwendung an der Termin-Hotline.

An der verzweifeln auch viele über 80-Jährige im Ort, wie Martina Ganther von der Gemeindeverwaltung berichtet. Die bietet Ötigheimern seit Kurzem an, für alle den Impftermin zu organisieren, die das nicht selbstständig schaffen und keine Angehörigen haben, die sich darum kümmern können. In Kooperation mit dem örtlichen Roten Kreuz und dem Seniorenbeirat wird bei Bedarf auch eine Begleitung zum Impfen organisiert.

Verwaltung hilft bei Terminorganisation

Die Gemeinde will damit sicherstellen, dass alle Mitbürger die Möglichkeit bekommen, sich impfen zu lassen, verdeutlicht Kiefer. Um alle zu erreichen, wurden 700 Briefe an die Zielgruppe der über 80-Jährigen verschickt. 40 sind bisher tatsächlich auf der Liste im Rathaus gelandet, erzählt Ganther und dämpft zu hohe Erwartungen: „Auch wir haben nur Zugriff auf begrenzte Impftermine.“ Doch viele seien dankbar, dass ihnen nun die Organisation abgenommen wird. „Manche hatten regelrecht schlaflose Nächte deswegen“, weiß sie.

Dass das Seniorenzentrum in Ötigheim mit als eine der ersten Pflegeeinrichtungen im Landkreis „durchgeimpft“ wurde, wertet Heimleiter Timo Kanjo als „Licht am Horizont“. 120 Hausgäste und Mitarbeiter hätten an zwei Vormittagen die erste Impfung erhalten: 95 Prozent der Bewohner und knapp 60 Prozent der Mitarbeiter. Bei Letzteren stellt Kanjo große Skepsis fest, teils durch nur oberflächliche Infos aus den sozialen Medien: Angst vor Allergien, Impfreaktionen und Langzeitfolgen seien ihm als Gründe genannt worden, sich nicht impfen zu lassen. Letztendlich könne die Heimleitung niemanden zwingen, sondern nur versuchen, durch Aufklärung entgegenzuwirken, sagt er.

Das und auch die Aufklärungsgespräche vorab mit allen Heimbewohnern, deren Angehörigen oder rechtlichen Betreuern stellten einen enormen logistischen Aufwand dar, der zwei Wochen in Anspruch nahm. Dankbar ist Kanjo, dass dabei auch die Ötigheimer Hausärzte unterstützt haben.

2,5 Vollzeitstellen nur für die Tests

Eine immense Herausforderung sei auch die vom Land verordnete erweiterte Testpflicht: Mitarbeiter werden dreimal wöchentlich, Bewohner zweimal pro Woche getestet – „und jeder Besucher, der nicht in zwei Minuten wieder draußen ist“, so Kanjo. Das bedeutet im Curatio Ötigheim 2.250 Tests pro Monat und 375 Arbeitsstunden – das entspricht 2,5 Vollzeitstellen. Curatio hat extra Personal dafür eingestellt, vor allem für die Wochenenden werden derzeit noch Aushilfen mit medizinischen Vorkenntnissen gesucht. „Aus Haftungsgründen wollen wir das mit eigenem Personal machen“, erklärt Kanjo, warum Curatio die angebotene Unterstützung durch einen Bundeswehrsoldaten abgelehnt hat. Die finanziellen Hilfen dafür seien gut, unterstreicht er, aber Organisation und Aufwand kräftezehrend.

Frage nach Lockerungsstrategie

Der Heimleitung stelle sich daher nun die Frage, ob dieser Aufwand nach der zweiten Impfung kommende Woche noch erforderlich ist. Kanjo wünscht sich eine Lockerungsstrategie für „durchgeimpfte“ Einrichtungen: „Man sollte die Testungen dann zurückfahren“, denn die Gefahr von Flächeninfektionen im Pflegeheim sei damit gebannt.

Bürgermeister Frank Kiefer bringt am Ende des Gesprächs die Idee einer dezentralen Impfung im Ort vor. Damit könnte man eventuell auch die Lücke im ambulanten Bereich schließen, will er diese Möglichkeit mit dem Gesundheitsamt diskutieren. Auf das Ergebnis dürften auch viele Nachbarkommunen gespannt sein, denn Ötigheim ist derzeit beileibe kein Einzelfall.

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Erstellt:
28. Januar 2021, 18:00 Uhr
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