Unheimliche Wendungen nach jeder Taktfolge

Gernsbach (eah) – Die von der Baden-Württemberg-Stiftung unterstützte Kammermusikreihe bietet mit dem Busch-Kollegium Karlsruhe den nächsten Hochgenuss im Obertsroter Kirchl.

Mit ungewohnten, insbesondere neuen Musikstücken spielt sich das Busch-Kollegium Karlsruhe im Obertsroter Kirchl in die Herzen der Klassikfans. Foto: Busch Kollegium

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Mit ungewohnten, insbesondere neuen Musikstücken spielt sich das Busch-Kollegium Karlsruhe im Obertsroter Kirchl in die Herzen der Klassikfans. Foto: Busch Kollegium

Die Begrüßungsrede im Kirchl wies auf die seit etwa einem Jahrhundert bestehende Zweiteilung im Musikgenuss hin und legte den Hörern des dann folgenden Konzerts eine oft gemachte Erfahrung ans Herz: Ungewohnte, insbesondere neue Musikstücke mehrfach hören, um eine Gewöhnung dafür auszubilden. Darauf folgten zur abschließenden Dankbemerkung dann zustimmende Gesichter: Die alle aus dem 20. Jahrhundert stammenden Werke hatten dank ihrer professionell markanten Erarbeitung durch Bettina Beigelbeck (Klarinette), Jasushi Ideue (Geige), Fabio Marano (Bratsche, Viola) und Bernhard Lörcher (Cello) Herz und Begeisterung des konzentriert lauschenden Publikums gewonnen.

Zu Beginn spielte das Busch-Kollegium Karlsruhe das 1993 komponierte Klarinettenquartett des Polen Krzysztof Penderecki (1933-2020). Die zunächst leise und einsam rufende Klarinette lockte schließlich in der Bratsche eine Antwort hervor, die den ganzen ersten Satz (Notturno-Adagio) lang durch einen einzigen Ton, die tiefste leere Saite des Cellos, „bestätigt“ und von der Geige in höchstem Flageolett Gewisper kommentiert wurde. Im Anschluss durften in energischen Durchgriffen alle, außer dem unisono weiter schwingenden Cello, ihre „Meinung äußern“. Bereits in diesem Satz wurden die Talente der Instrumente und der sie Beherrschenden sehr deutlich. Wann bitte erfährt der Konzertbesucher sonst, wie eine Bratsche wirklich klingt, was sie kann und wie sie sich von einer Geige unterscheidet? Dies wurde während des ganzen Abends deutlich: Die neue Musik lässt Klangfarbe und Individualität dank der artistischen Möglichkeiten der sie Spielenden meisterhaft hervortreten, sie ist hier viel mehr selbst Instrument geworden als in der von Harmoniegesetzen quasi gefesselten, herkömmlichen Musik.

Bilder, die bei jedem anders in Erscheinung treten

Das zeigte sich ganz besonders in der Sonate für Violine und Violoncello von Maurice Ravel, die dieser postum seinem Freund und Kollegen Claude Débussy gewidmet hatte. Ideue und Lörcher ließen ein gewaltiges Klangerlebnis geschehen. In wellenartigen Geweben konnte man sich in Ereignisse eines gewaltigen Stroms versetzt sehen: Strudelförmig oder aufwallend, Holz vor sich hertreibend, dahingleitend, sich in raschen Moll-Dur-Wechseln verzweigend und mit heftigen Pizzicati zwischen Felsen hindurch stäubend. Im dritten Satz, „Lent“, sieht das innerlich begleitende Auge eine ruhige Fläche, als hätte es nie eine reißende Strömung gegeben – nur Sonnenaufgang und mittendrin eine Insel der Ruhe. Mit Vibrato und Glissando lauerten unheimliche Wendungen nach jeder Taktfolge: Die Musik trug einen in all diese Bilder, die freilich bei jedem anders in Erscheinung treten mochten.

Von begeisterten Bravorufen war diese Darbietung und dann von einer Pause begleitet. Das zweite Duo dieses Abends zelebrierten Beigelbeck und Marano mit der dreisätzigen Sonate für Klarinette und Viola Werk 32/4 des 1977 gestorbenen Johann Nepomuk David aus dem Jahr 1948. In dieser auch „neu“ zu bezeichnenden Musik geht es viel großstädtischer zu. Als besichtigte man ein bewohntes Hochhaus, wie es Corbusier 1955 in die Nähe des Berliner Olympiastadions gebaut hatte, und erlebt auf jedem Flur, als wären die Wohnungstüren geöffnet, die Lebensweisen in Klängen ausgedrückt. Mal erscheint ein gemütliches Milieu, das sich hübsch „tonal“ anhört, doch umso schroffer abgelöst wird.

Nichts wird dem Zufall überlassen

Der zweite Satz führt mit einem „Scherzo – leggiero“ leicht eine Feuerleiter hinunter in einen Hof, wo man „stille Verabredungen“ pflegt. Nichts wird dem Zufall überlassen. Jede Phase sitzt perfekt. Im dritten Satz, „Vivace“, singt die Klarinette höchste Töne, lockt in die Weite, während die Bratsche tief unten figuriert.

Ganz anders war das 1944 entstandene, zuletzt gespielte Quartett (Suite für Klarinette, Violine, Viola und Violoncello Opus 62) des 1952 verstorbenen Namensgebers des Kollegiums, Adolf Busch, zu erleben. Würde man ihm die gleiche Sinnlichkeit wie in den vorausgegangenen Werken unterstellen, käme man zu dem, was manche etwas abwertend „Programmmusik“ nennen: Landschaft in der Abendsonne, fröhlicher Aufmarsch und tänzerische Auftritte.

Die Klarinette weiß, wo’s lang geht

Die Komposition trägt zu viele Merkmale romantisch tonaler Klänge, um als „neue Musik“ anzukommen. Der Romantik selbst kommen jedoch Phasen in die Quere, wo eine neue Epoche hinstrebt. Die Bratsche spielt wunderbar auf, dass ihr schöner, voller und auch tiefer Klang voll zur Geltung gelangt. Die Klarinette weiß indessen, wo’s lang geht, und so singen alle ihren Reigen. Cello-pizzicato kommentiert, die Geige sorgt dafür, dass alle Themen artig zu Ende geführt werden. So hatte jedes Instrumente seine Rolle in Gestalt seiner Eigenart auch in diesem Werk, für das den Ausführenden am Ende eine beglückte Zuhörerschaft dankte.


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