Unicef-Geschäftsführer Schneider im BT-Interview

Baden-Baden (kli) – Die Corona-Krise hat die Situation von Kindern weltweit verschärft. Dabei gab es vorher schon genug Krisen. Unicef-Geschäftsführer Christian Schneider im BT-Interview.

„Wir sehen in diesem Corona-Jahr, dass wir zwar viele Fortschritte erreicht haben, aber dass sich die Pandemie wie ein grauer Schleier über das Leben von vielen Kindern in benachteiligten Familien legt“, sagt der Geschäftsfüher von Unicef in Deutschland, Christian Schneider, im BT-Interview. Foto: Unicef/Uni371397/Wagner

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„Wir sehen in diesem Corona-Jahr, dass wir zwar viele Fortschritte erreicht haben, aber dass sich die Pandemie wie ein grauer Schleier über das Leben von vielen Kindern in benachteiligten Familien legt“, sagt der Geschäftsfüher von Unicef in Deutschland, Christian Schneider, im BT-Interview. Foto: Unicef/Uni371397/Wagner

BT: Herr Schneider, Weltkindertage sind selten Anlässe, positive Bilanz zu ziehen. Dieses Jahr wegen der Pandemie noch weniger. Leiden Kinder weltweit dieses Jahr wegen Corona besonders?

Christian Schneider: Der Weltkindertag ist seit 1954 der Tag, an dem wir in Erinnerung rufen, dass Millionen Kinder weltweit ein Leben führen, das von einer Kindheit, die den Namen verdient, weit entfernt ist. Wir sehen in diesem Corona-Jahr, dass wir zwar viele Fortschritte erreicht haben, aber dass sich die Pandemie wie ein grauer Schleier über das Leben von vielen Kindern in benachteiligten Familien legt.

BT: Was meinen Sie damit? Wo wird das Leben der Kinder durch Corona benachteiligt?

Schneider: Schon jetzt sind weltweit schätzungsweise 150 Millionen Kinder aufgrund der wirtschaftlichen Probleme in Folge der Pandemie zusätzlich in extreme Armut gefallen. Etwa 30 Millionen Kinder sind auf der Flucht vor Konflikten. Sie haben keine Kindheit, sind nicht vernünftig versorgt oder sogar in Gefahr – selbst in Europa, wenn man zum Beispiel auf die griechischen Inseln schaut. Es gibt extreme Krisensituationen wie im Jemen, wo sich nach wie vor die schlimmste humanitäre Tragödie abspielt. 2,4 Millionen Kinder dort sind akut mangelernährt. Verschärft durch die schlechte Versorgungslage unter den Covid-19-Bedingungen, steigt diese Zahl weiter. In vielen Ländern mussten wegen der Pandemie Impfkampagnen gestoppt werden, viele Eltern gehen mit ihren kranken Kindern nicht mehr zur Gesundheitsstation, weil sie fürchten, sich anzustecken.

Ein jemenitisches Mädchen holt Wasser. Im Jemen spielt sich eine humanitäre Tragödie ab. Foto: Mohammed Alwafi/dpa

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Ein jemenitisches Mädchen holt Wasser. Im Jemen spielt sich eine humanitäre Tragödie ab. Foto: Mohammed Alwafi/dpa

BT: Zugang zu Hygiene und sauberem Wasser dürfte ein Problem sein?

Schneider: Ja, und auch das trifft vor allem Kinder auf der Flucht. Genauso besorgt sehen wir aber auf Slumviertel der großen Metropolen, zum Beispiel in Indien und in Afrika, wo wir die Kinder kaum mit Seife und sauberem Wasser versorgen können. In einigen Ländern Afrikas braut sich für die Menschen gerade ein Sturm zusammen – Armut, die Folgen des Klimawandels, Konflikte und Covid-19 verstärken sich in ihren negativen Wirkungen. In Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo, Nigeria, Somalia leiden die Menschen unter immer wiederkehrenden Dürren oder aktuell Überschwemmungen sowie einer riesigen Heuschreckenplage, die weitgehend Ernten vernichtet hat.

Ärzte und medizinischer Mitarbeiter in Schutzanzügen unterhalten Kinder in einer provisorischen Covid-19-Pflegeeinrichtung in einem Hallenstadion in Neu Delhi, Indien. Foto: Manish Swarup/AP/dpa

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Ärzte und medizinischer Mitarbeiter in Schutzanzügen unterhalten Kinder in einer provisorischen Covid-19-Pflegeeinrichtung in einem Hallenstadion in Neu Delhi, Indien. Foto: Manish Swarup/AP/dpa

BT: Unicef hat einen weltweiten Aktionsplan gestartet, um die Folgen von Covid-19 für Familien und Kinder abzumildern. Wird dieser Plan auch nur ansatzweise umgesetzt?

„Es fehlt an Aufmerksamkeit“

Schneider: Die große Herausforderung für uns und unsere Partner ist, dass die Corona-Krise auf die bereits bestehenden Krisen oben drauf, on top, kommt. Wir appellieren daher dringend an die Regierungen, an die EU und private Spender, jetzt zu helfen. Es fehlt an allen Ecken und Enden, an finanzieller Unterstützung, aber auch an Aufmerksamkeit. Mit unserem Aktionsplan drängen wir in allen Ländern darauf, dass wir die Gesundheitsversorgung der Kinder aufrechterhalten müssen, mit Wasser und Hygieneartikeln. Was mir wichtig ist: Die Corona-Krise geht weit über die unmittelbaren Gesundheitsfolgen hinaus. In vielen afrikanischen Ländern hat mehr als die Hälfte der Kinder keinen Zugang zu Unterricht oder Schulbildung. Zugleich verlieren die Eltern ganz schnell ihre Jobs, viele weitere Kinder sind deshalb schon jetzt von akuter Mangelernährung und Krankheit betroffen.

BT: Auch das eine Folge von Corona?

Schneider: Unicef hat mit seinen Partnern in vielen dieser Länder, im Sudan, in Somalia und Nigeria, über Jahre mit gutem Erfolg Impfketten und Gesundheitsdienste aufgebaut, aber jetzt sind diese Länder überfordert, das bricht mit Corona weg. Wir befürchten, dass täglich bis zu 6.000 Kleinkinder sterben könnten, weil die grundlegende Gesundheitsversorgung unterbrochen ist und die Regierungen die Finanzmittel nicht haben. Aus vielen der ärmsten Länder wird gemeldet, dass die Gesundheitsdienste eingeschränkt sind, und das wirkt sich unmittelbar auf die Kinder aus.

BT: Sind Impfketten solche Fortschritte, die es zu vermelden gäbe?

Schneider: Ja. Das Motto des Weltkindertags ist ja „Kinderrechte schaffen Zukunft“. Es ist wichtig zu vermitteln, dass mit enormen Anstrengungen schon vieles geleistet wurde. Ich kann es ganz konkret aus meinem eigenen Erleben schildern: Als ich vor über 20 Jahren bei Unicef anfing, sind noch jedes Jahr über elf Millionen Kinder an Krankheiten wie Masern oder Durchfallerkrankungen gestorben. Diese Zahl liegt mittlerweile bei 5,2 Millionen. Durch Impfungen, sauberes Trinkwasser und Hygiene konnten wir diese Zahl halbieren.

„Jeder Tag ein verlorener Tag“

BT: Zur Zeit sind vor allem unbegleitete Minderjährige wie in Moria im Blick. Handelt die EU angemessen?

Schneider: Für die 400 unbegleiteten Kinder ist es zunächst eine Hoffnung machende Nachricht, dass sie Lesbos verlassen und in Sicherheit gebracht werden konnten. Es befinden sich noch weitere unbegleitete Kinder auf Lesbos und auf den anderen griechischen Inseln. Wir dürfen nicht vergessen, dass durch den Brand auch 3800 Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern obdachlos geworden sind. Für kein Kind, ganz gleich, ob mit oder ohne Eltern, sind diese Zustände erträglich. Kein Kind darf an einem solchen Ort der Verzweiflung über einen längeren Zeitraum sein, wo es keinen Zugang zu Bildung oder ausreichender medizinischer Versorgung hat, es in Gefahr ist, Opfer von Gewalt zu werden. Diese Kinder haben als Kinder schon mehr mitgemacht, als in ein ganzes Erwachsenenleben passt. Jeder weitere Tag dort ist ein verlorener Tag für sie.

Ein Junge zieht auf der griechischen Insel einen Müllcontainer, in dem ein Kleinkind sitzt. Foto: Petros Giannakouris/AP/dpa

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Ein Junge zieht auf der griechischen Insel einen Müllcontainer, in dem ein Kleinkind sitzt. Foto: Petros Giannakouris/AP/dpa

BT: Die Frage war, ob die EU angemessen handelt. Offenbar nicht, weil man nur um Zahlen schachert?

Schneider: Die Versorgung unbegleiteter Kinder ist ein richtiger Schritt der Bundesregierung und der weiteren willigen EU Mitgliedstaaten. Auch die Aufnahme der nun von Deutschland angekündigten 1553 Menschen ist sehr wichtig. Wir drängen aber darauf, dass sich noch weitere europäische Staaten der Initiative Deutschlands anschließen. Die Kinder und Jugendlichen müssen rasch von Lesbos und den anderen griechischen Inseln herausgeholt und fair in Europa verteilt werden. Ein solches Vorgehen würde einem humanen EU-Asyl und Migrationspakt entsprechen.

BT: Auch solche, die in Griechenland noch nicht ihr Anerkennungsverfahren als Flüchtlinge abgeschlossen haben? Kritiker fürchten eine Sogwirkung, Sie nicht?

Schneider: Ich bin sehr besorgt, wenn grundlegende humanitäre Verpflichtungen für die Achtung der Rechte von Kindern, die mühsam erkämpft wurden, durch pauschale politische Überlegungen außer Kraft gesetzt werden sollen. Die europäischen Staaten, einschließlich Deutschland, haben die Voraussetzungen und die Verpflichtung, diese umzusetzen. Darüber hinaus haben die Menschen ein Recht auf ein angemessenes Verfahren und Griechenland allein kann die Aufgabe nicht lösen. Angesichts der aktuellen Zahlen sehe ich bei Weitem keine vergleichbare Situation wie 2015. Europa hat hier eine humanitäre Verpflichtung.

„Insgesamt ein düsteres Bild“

Zwei Männer sitzen in einem zerstörten Gebäude gegenüber dem Ort der Explosion im Hafen von Beirut. Mindestens 171 Menschen kamen bei der verheerenden Explosion in der libanesischen Hauptstadt ums Leben, mehr als 6000 wurden verletzt. Foto: Felipe Dana/AP/dp

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Zwei Männer sitzen in einem zerstörten Gebäude gegenüber dem Ort der Explosion im Hafen von Beirut. Mindestens 171 Menschen kamen bei der verheerenden Explosion in der libanesischen Hauptstadt ums Leben, mehr als 6000 wurden verletzt. Foto: Felipe Dana/AP/dp

BT: Im August gab es in Beirut im Libanon eine Explosionskatastrophe. Wie ist die Lage dort heute?

Schneider: Das meinte ich mit dem Schleier der Corona-Pandemie. Es gibt unterhalb und neben dieser Megakrise so viele andere Notsituationen, dass insgesamt ein düsteres Bild entsteht. Im Libanon hatten wir schon vorher eine schwierige Situation, es leben dort viele aus Syrien geflüchtete Kinder. Und jetzt geht es darum, neben den vielen geflüchteten Familien auch die Obdachlosen in der Stadt zu versorgen. Die akute Nothilfe ist angelaufen, aber es braucht weitere Kraftanstrengungen, um die Kinder wieder in die Schule zu bringen, denn es sind ja viele Schulen zerstört worden. Auch benötigen viele von ihnen psychosoziale Hilfe, weil sie während der Explosion Angstzustände erlebt haben. Sie brauchen lange, bis sie wieder stabil sind.

BT: Dass Kinderinteressen immer wieder wenig berücksichtig werden, hat das System? Oder geschieht es ohne Absicht, weil eben nun mal Erwachsene entscheiden und weniger auf Kinder achten?

Schneider: Mein Eindruck ist, dass auch nach über 30 Jahren die UN-Kinderrechtskonvention ein grundlegender Gedanke der Kinderrechte, das Wohlbefinden der Kinder immer vorrangig in den Blick zu nehmen, nach wie vor nicht in der Politik angekommen ist.

BT: Inwiefern?

Schneider: Es geht ja nicht nur darum, Kinder zu versorgen und ihnen das Aufwachsen zu ermöglichen, sondern darum, dass Kinder anzuhören sind, dass die Welt besser wird, wenn man Kinder beteiligt. Das hat die Politik weltweit noch nicht begriffen. Es gibt ein paar gute Beispiele dafür, lokal auch in deutschen Städten, dass Bürgermeister Kinder ernst nehmen und ihre Stimmen hören wollen, aber es geschieht eben noch nicht flächendeckend und noch nicht nachhaltig. Genau da müssen wir hin. Dass es eines Tages ganz selbstverständlich ist, auf Kinderinteressen Rücksicht zu nehmen.

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Erstellt:
18. September 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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