Unmut über Zwang bei Solardächern

Von BNN-Redakteurin Erika Becker

Karlsruhe (BNN) – Am 1. Mai soll die Pflicht zur Errichtung von Solaranlagen auf privat genutzten Neubauten starten. Die Details hat jetzt die Landesregierung veröffentlicht – und erntet Kritik.

Unmut über Zwang bei Solardächern

Solaranlage auf dem Dach: Die Kosten für die Installation liegen deutlich höher als von der Regierung in Baden-Württemberg kalkuliert. Foto: Caroline Seidel/dpa

Das Umweltministerium in Stuttgart hat die Details zur neuen Solarpflicht in dieser Woche vorgelegt. Sie gilt ab 1. Mai für Neubauten und ab 1. Januar 2023 für grundlegende Dachsanierungen. Und löst umgehend Kritik aus: Denn auf Bau- und Sanierungswillige kommen deutlich höhere Kosten zu – und nicht nur das.

„Die vom Ministerium kalkulierten Zusatzkosten halten wir für deutlich geschönt“, bemängelt Marc Wurster vom Verband Haus & Grund in Karlsruhe. Das Land gehe von 8.400 Euro netto bei einer Anlage mit einer Höchstleistung von sieben Kilowatt aus, brutto etwa 10.000 Euro. Die realen Kosten lägen aber mittlerweile deutlich höher. „Ich selbst habe gerade eine Anlage mit gut sieben Kilowatt Höchstleistung installieren lassen und hierfür rund 18.000 Euro brutto bezahlt“, berichtet Wurster. „Die angenommenen Werte sind daher völlig unrealistisch.“

Auch die Verbraucherzentrale in Stuttgart hatte bereits im Januar kritisiert, dass „die Wirtschaftlichkeitsberechnungen des Landes die tatsächlichen Marktgegebenheiten nicht berücksichtigen“. Im Endeffekt könnten Privatleute zu dem Schluss kommen, eine Dachsanierung erst gar nicht in Betracht zu ziehen. „Dies führt wiederum zu weniger Klimaschutzbeiträgen,“ befürchten die Verbraucherschützer.

Wurster sieht bei der praktischen Umsetzung erhebliche Probleme auf die Eigentümerinnen und Eigentümer zukommen. „Wenn ich an Sanierungsmaßnahmen denke, befürchte ich Schlimmes“, so der Karlsruher Vorsitzende von Haus & Grund. Bereits jetzt sei die Handwerkerauslastung enorm. „Wenn Sie eine Solaranlage errichten wollen, warten Sie mitunter neun bis zwölf Monate. Wenn Sie eine Dachrenovierung machen, müssen Sie diese zusätzliche Vorlaufzeit mit einbeziehen.“

Dachdecker begrüßen PV-Pflicht

Die Handwerker bestätigen das. „Wir haben brutal viel zu tun, bekommen derzeit aber kein Material“, sagt der Landesinnungsmeister der Dachdecker, Karl-Heinz Krawczyk. Selbst auf ein Angebot müssten Interessierte derzeit oft Monate warten. „Ich sehe noch nicht, dass wir da im Januar starten.“ Dabei begrüßen die Dachdecker die PV-Pflicht, und auch die Kunden würden das „im Moment sehr wollen, je mehr die Energiepreise steigen“.

Den Zwang zum Solardach jedoch sehen Wurster und auch Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale in Stuttgart kritisch. „Freiwilligkeit wäre die bessere Lösung“, sagt Bauer. Die Verbraucherzentrale hätte sich zudem mehr Beratung für die Privatleute gewünscht. Viele Bürgerinnen und Bürger würden allein gelassen mit komplexen Sachverhalten, die mit einer Solarpflicht verbunden sind. Schon jetzt seien die, die eine Anlage gerne und freiwillig auf ihrem Dach haben, mit wirtschaftlichen und steuerlichen Fragen mitunter überfordert, so Bauer. Seine Organisation fordert daher einen Ausbau der anbieterunabhängigen Beratung. Doch das stieß laut Bauer bis dato nicht auf Gehör beim Land.

Die Regelungen zur „grundlegenden Dachsanierung“ rufen auch Kritik beim Handwerk hervor, dessen Bedenken ebenfalls nicht berücksichtigt worden seien: „Wir sind einigermaßen irritiert, dass die Verordnung nun bereits beschlossen wurde, obwohl zahlreiche Fragen nach wie vor nicht beantwortet sind“, erklärt Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold. Die Dachdecker befürchten, dass schon bei reinen Umdeckungen der Ziegel die PV-Pflicht greifen könnte. Dadurch „drohten PV-Anlagen auf schlecht gedämmten Dächern, die womöglich in einigen Jahren bereits wieder demontiert werden müssten“, so Reichhold – „ein Bärendienst für den Klimaschutz, wenn weiterhin quasi zum Dach hinaus geheizt wird.“

Auch Marc Wurster vom Verband Haus & Grund sieht hier ein Problem – und befürchtet, dass teure Veränderungen am Dachstuhl durch die Pflicht zur PV-Anlage „durch die Hintertür“ kommen. „Eine PV-Anlage hat zusätzliches Gewicht. Das bedeutet, dass bei einer simplen Dachrenovierung künftig statisch geprüft werden muss, ob die bisherige Dachkonstruktion auch für das zusätzliche Gewicht ausreichend tragfähig ist.“

Das Land verweist darauf, dass anfängliche Mehrausgaben kompensiert werden: „Anfänglich anfallende Investitionskosten werden im Laufe eines regulären Anlagenbetriebs durch Einnahmen im Wege der Stromeinspeisung oder Direktvermarktung beziehungsweise durch Stromkosteneinsparungen bei Eigenverbrauch amortisiert“, heißt es in der neuen Verordnung. Beim Eigenverbrauch wird in der Verordnung bei einer Sieben-Kilowatt-Anlage mit 2.100 Euro Einsparungen im Jahr gerechnet, bei einer Einspeisung ins Stromnetz mit 350 Euro Gewinn pro Jahr.