„Unsere Besten“ mit Diskuswerferin Braunagel

Baden-Baden (BT) – Die BT-Sportredaktion würdigt die Athleten aus der Region mit der Serie „Unsere Besten“ – diesmal mit der Baden-Badener Diskuswerferin Leia Braunagel.

„Der größte Erfolg ist für mich, dass ich wieder gut an meine alte Leistung anknüpfen konnte“: Leia Braunagel. Foto: SCL Heel

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„Der größte Erfolg ist für mich, dass ich wieder gut an meine alte Leistung anknüpfen konnte“: Leia Braunagel. Foto: SCL Heel

Leia Braunagel gehört zu den besten Diskuswerferinnen Deutschlands. Die Pandemie wirbelte nicht nur das Sportlerleben der Athletin des SCL Heel Baden-Baden gehörig durcheinander, sondern auch ihr Studium an der Uni in Mannheim. Aber die 20-Jährige hat sich durchgebissen und ist auch sportlich nach einer schweren Schulterverletzung wieder auf der Höhe.

BT: Frau Braunagel, mit welchen Gefühlen blicken Sie auf das Jahr 2020 zurück?
Leia Braunagel: Mit gemischten Gefühlen. Man hat sich alles natürlich ganz anders vorgestellt und auch geplant und musste zunächst einmal lernen, mit der Situation umzugehen. Ich denke aber, dass ich es geschafft, habe das Beste aus dieser Zeit zu machen und im Endeffekt auch gestärkt daraus hervorgehen konnte.

BT: Was wird wohl am ehesten in Erinnerung bleiben?
Braunagel: Was keiner wohl vergessen wird, ist die erste Zeit, als Corona in den Medien aufgetaucht ist. Da schien alles noch sehr weit weg. Als es dann doch auch sehr ernst für uns in Deutschland wurde, kam auch etwas Angst auf. Der Moment, als ich dann für den Lockdown aus Mannheim zu meinen Eltern nach Baden-Baden gefahren bin, kam mir dann doch ziemlich surreal vor. Die erste Zeit haben wir dann als Familie viele Ausflüge in den Schwarzwald gemacht, das war schon eine tolle Zeit und die werde ich sicher auch nicht so schnell vergessen. Das Beenden des Präsenzunterrichts an der Universität in Mannheim hat mich dann aber doch sehr arg getroffen. Man wurde komplett aus seinem Alltag gerissen. Der Kontakt zu Kommilitonen fehlt seit März total, und damit verliert man auch seine Motivation.
Sportlich sind mir die deutschen Meisterschaften – meine ersten bei den Aktiven – als Geisterspiele in Erinnerung. Irgendwie hat man sich das immer als etwas ganz Besonderes vorgestellt, aber die Realität sah da leider anders aus. Die Atmosphäre war ziemlich angespannt. Und im Endeffekt gab es nicht einmal eine Liveübertragung. Das war dann für meine Eltern ziemlich frustrierend, die nur vor dem Stadion auf mich warten konnten, bis ich dann nach dem Wettkampf Bericht erstattet habe.

„Mache mir Gedanken um meine Karriere“

BT: Wie hat Corona Ihr Leben als Sportlerin beeinflusst?
Braunagel: Um meine sportliche Karriere mache ich mir schon Gedanken. Wenn ich nicht die Möglichkeit habe zu trainieren und Wettkämpfe zu bestreiten, damit ich meine Normen werfen kann, wird es immer schwieriger, den nächsten Schritt zu gehen, also wirklich professionell Sport zu machen. Als Nachwuchskader-Athlet hat man nicht so viele Möglichkeiten, Sponsoren anzuwerben. Wenn die Firmen Probleme durch die Pandemie bekommen, werden sie kein Geld mehr für den Sport übrig haben. Ich lebe für den Wettkampf, vom Gefühl etwas geschafft zu haben, von der Aussicht auf Erfolge, vom täglichen Training, vom Adrenalin. Das alles fällt erst einmal weg. Insgesamt habe ich gelernt, mehr meinen eigenen Weg zu gehen und auf mich selbst zu hören. Das hat dann auch meinen sportlichen Ehrgeiz beeinflusst.

BT: Wie sehr mussten Sie Ihr Training einschränken?
Braunagel: Direkt zu Beginn der Pandemie im März war normales Training gar nicht möglich. Ich bin direkt zurück zu meinen Eltern nach Baden-Baden und habe acht Wochen lang nur im Garten trainiert. Provisorisch habe ich mich dafür auf unserer Terrasse eingerichtet. Eine Bierbank war die Hantelbank, Lautsprecherstative dienten als Langhantelständer und auf der Straße habe ich mit Tape einen Wurfkreis aufgeklebt, um wenigstens mit Handtüchern zu werfen. Danach lief das Training langsam wieder etwas normaler ab und wir konnten endlich zum Olympiastützpunkt zurückkehren. Dort kann ich seitdem unter Hygieneauflagen trainieren.

Pandemie hat mich wachgerüttelt

BT: Und wie sah es mit Wettkämpfen aus?
Braunagel: Sehr viele sind vor allem am Anfang des Jahres natürlich ausgefallen. Ich konnte mich jedoch glücklich schätzen, dass es uns als Leichtathleten doch möglich gemacht wurde, einige Wettkämpfe zu bestreiten. Die meisten waren dann Kaderwettkämpfe, damit man noch irgendwie die Norm für die DM erreichen konnte. Ich musste dafür immer in den Osten fahren, etwa nach Magdeburg, Halle oder Schönebeck. Das war schon ein riesiger Zeit- und Kostenaufwand.

BT: Wie schwer war es, sich davon nicht zermürben zu lassen? Oder so gefragt: Wie haben Sie die Motivation oben gehalten?
Braunagel: Ich hatte ehrlich gesagt vor dem ersten Lockdown ein kleines Tief. Die Pandemie hat mich dann aber irgendwie wachgerüttelt und ich habe während der acht Wochen im Garten versucht, mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: sich aus einer schweren Verletzung wieder zurück an die Spitze zu kämpfen. Ich wollte das Training durchziehen, um fit zu bleiben. Natürlich gab es da auch Momente, in denen ich mich gefragt habe, ob es überhaupt Sinn macht, an eine Saison 2020 zu denken. Aber ich habe nie ernsthaft daran gedacht, die Saison komplett abzubrechen. Im Nachhinein denke ich, dass der Sport das einzige war, was mich durch die schwere Zeit am Anfang der Pandemie gebracht hat. Ich konnte mich an etwas festhalten und sogar einen etwas regelmäßigeren Tagesablauf einhalten.

BT: Welche Erfolge haben Sie trotz alledem erzielt?
Braunagel: Der größte Erfolg ist für mich, dass ich wieder gut an meine alte Leistung anknüpfen konnte – trotz einer schweren Verletzung (Labrumläsion im Wurfarm) aus dem Jahr 2019 und dem eingeschränkten Training durch Corona. Anfang 2020 konnte ich mich sogar als Zweitbeste meiner Altersklasse als Nachrückerin für den Europa-Cup in Portugal qualifizieren, der dann aber wegen Corona abgesagt wurde. Weiterhin habe ich mich das erste Mal für die DM der Aktiven qualifizieren können und wurde Achte. Bei einem Ersatzwettkampf für die abgesagte U-23-DM wurde ich als jüngerer Jahrgang Zweite. Bei den baden-württembergischen Meisterschaften in Walldorf wurde ich zudem bei den Aktiven Erste und bei der U 23 Zweite. Für mich ist es tatsächlich auch ein großer Erfolg, dass ich aus dieser verrückten Situation einiges für mich persönlich mitnehmen konnte. Nämlich wie wichtig der Sport für mich ist.

BT: Was wünschen und erhoffen Sie sich vom Jahr 2021?
Braunagel: An erster Stelle steht für mich ganz deutlich, dass alle gesund bleiben. Klar wäre es natürlich schön, wenn Wettkämpfe stattfinden und man wieder etwas Normalität in seinen Alltag zurückbekommen könnte. Aber das steht natürlich hinter der Corona-Situation an.

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Erstellt:
11. März 2021, 21:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 14sec

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