„Unsere Besten“ mit Geher Carl Dohmann

Baden-Baden (BT) – Die BT-Sportredaktion würdigt die Athleten aus der Region mit der Serie „Unsere Besten“ – diesmal mit dem Baden-Badener Geher Carl Dohmann.

„Ich würde mir wünschen, dass wir alle etwas klüger und umsichtiger aus der Pandemie herausgehen, als wir es derzeit vielleicht sind“: Carl Dohmann. Foto: Ralf Wohlmannstetter

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„Ich würde mir wünschen, dass wir alle etwas klüger und umsichtiger aus der Pandemie herausgehen, als wir es derzeit vielleicht sind“: Carl Dohmann. Foto: Ralf Wohlmannstetter

Carl Dohmann ist ein Weltklasse-Geher. Das hat der Athlet des SCL Heel Baden-Baden mehrfach unter Beweis gestellt: Der 30-Jährige ist mehrfacher deutscher Meister über 50 Kilometer, wurde 2018 EM-Fünfter, ein Jahr später Siebter bei der WM. Auch für einen absoluten Spitzensportler war 2020 ein ganz schwieriges Jahr.

BT: Herr Dohmann, mit welchen Gefühlen blicken Sie auf das Jahr 2020 zurück?
Carl Dohmann: Sicherlich mit eher negativen Gefühlen. Es war ein Jahr, in dem ich viel gegrübelt habe. Manchmal war es wie ein Tunnel, an dessen Ende man kein Licht sieht, aber man trotzdem irgendwie versucht, rauszukommen. Gleichzeitig habe ich mir immer wieder bewusst gemacht, welche Privilegien ich hatte. Als Geher konnte ich immerhin jederzeit trainieren, weil ich dabei kaum mit anderen in Kontakt komme, und muss nicht etwa wie andere um meine berufliche Existenz fürchten. Aber ich gebe zu, dass ich diese Privilegien nicht wirklich genießen konnte, sondern mir eher bewusst machen musste.

BT: Was wird wohl am ehesten in Erinnerung bleiben?
Dohmann: Das ist schwer zu sagen. Die Zeit, als ich im März in Südafrika war und alles seinen Lauf nahm, werde ich sicher nie vergessen. Dort hat man damals von dem Virus noch kaum was mitbekommen, in Europa wurden aber Wettkämpfe abgesagt und um Toilettenpapier gestritten. Das war schon komisch. Alles, was danach kam, kann ich immer noch nicht richtig sortieren, es war wie ein Rausch, ein ständiges Auf und Ab. Ich denke, dass ich im Nachhinein vieles positiver sehen werde, als ich es in einzelnen Momenten gesehen habe.

„Corona hat mein Sportlerleben schon extrem beeinflusst“

BT: Wie hat Corona Ihr Leben als Sportler beeinflusst?
Dohmann: Es hat mein Sportlerleben schon extrem beeinflusst, weil ja alle nationalen und internationalen Meisterschaften ausgefallen waren und bis zum Herbst auch sonst keine Wettkämpfe stattgefunden haben. Auch Höhentrainingslager, von denen wir normalerweise drei im Jahr machen, gab es seit Beginn der Pandemie nicht. Immerhin konnte ich im Dezember und Januar für jeweils drei Wochen in Gran Canaria in der Wärme trainieren. Das ist im Ausdauersport schon wichtig und war bei allen Auflagen auch wieder ein Stück „Trainingslager-Normalität“, was mir sehr gutgetan hat.

BT: Wie sehr mussten Sie Ihr Training einschränken?
Dohmann: Mein Training musste ich zum Glück nie einschränken, wenn man von den fehlenden Höhentrainingslagern absieht. Ich habe aber nach der Olympia-Verschiebung zunächst zwei Monate reduziert trainiert, um neue Motivation zu tanken.

BT: Und wie sah es mit Wettkämpfen aus? Wie viele konnten Sie absolvieren?
Dohmann: Wettkämpfe fielen zunächst alle aus, da hingen wir komplett in der Luft. Für den Oktober wurden dann aber Wettkämpfe neu angesetzt, die ursprünglich im Frühjahr stattfinden sollten. So konnte ich am Ende an einem Meeting in Tschechien über 20 Kilometer, der badischen Meisterschaft und einem Meeting in der Slowakei über 50 Kilometer teilnehmen. Nach zuvor über einem Jahr ohne Wettkämpfe, gab es auf einmal drei innerhalb von zwei Wochen.

„Viel Frust, teilweise auch Wut und Hass“

BT: Wie schwer war es, sich nicht zermürben zu lassen?
Dohmann: Das war tatsächlich nicht einfach. Immer, wenn es gerade so aussah, als könnte man zumindest kurzfristig etwas planen, wurde alles wieder über den Haufen geworfen. Nach der Olympia-Verschiebung habe ich zunächst die deutsche Meisterschaft über 50 Kilometer im Oktober in Angriff nehmen wollen. Kaum war ich dafür in die Vorbereitung eingestiegen, wurde sie schon abgesagt. Weil der Weltverband den Qualifikationszeitraum für Olympia bis Dezember aussetzte, nahm ich mir den Wettkampf in Tschechien über 20 Kilometer zum Ziel, um mich mal auf der kürzeren Strecke auszuprobieren. Im Sommer entschied der Weltverband dann, dass Qualifikationswettkämpfe doch schon ab September wieder ausgetragen werden können. Damit standen die 50 Kilometer wieder im Raum, doch ich entschied mich, nicht schon wieder alles zu ändern. Das war ein Fehler, denn vier Wochen vor dem Wettkampf in Tschechien hieß es auf einmal, dass er doch noch abgesagt werden könnte. Als er dann doch relativ sicher stattfand, bekam ich eine Woche vor dem Start eine Mail vom Deutschen Leichtathletik-Verband, der mir einen Start dort ausreden wollte. Weil ich mit meinem Trainer bereits einen guten Plan erarbeitet hatte, mit dem wir alle Kontakte im Risikogebiet außerhalb des Wettkampfs vermeiden konnten, sah ich das nicht ein und startete trotzdem. Die ganzen Richtungswechsel waren zermürbend, aber meiner Motivation tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil, je mehr Steine im Weg lagen, desto entschlossener war ich, unbedingt einen Wettkampf zu machen, sofern es das Pandemiegeschehen zulässt. Ich hatte das Gefühl, dass mir diese Einstellung im nächsten Jahr helfen wird. Im Nachhinein betrachtet wäre an der ein oder anderen Stelle ein bisschen mehr Lockerheit sicher besser gewesen, zumal sich bei mir auf dem Weg durch die Pandemie viel Frust und teilweise auch Wut und Hass gegen andere aufgebaut hat. Den richtigen Grat zu finden, ist sicher ein Lernprozess, den ich durchgemacht habe und auch noch durchmache.

BT: Welche Erfolge haben Sie trotz alledem erzielt?
Dohmann: Die Wettkämpfe im Oktober liefen für mich enttäuschend, trotzdem kann ich über 20 Kilometer immerhin meine persönlich beste Zeit seit 2016 verbuchen. Weil ich mich sehr akribisch darauf vorbereitet hatte, wollte ich unbedingt eine persönliche Bestzeit und war enttäuscht, dass es nicht geklappt hat. Trotzdem muss man ja auch die positive Seite sehen.

BT: Was wünschen und erhoffen Sie sich vom Jahr 2021?
Dohmann: Ich hoffe, dass die Olympischen Spiele stattfinden. Gerne hätte ich auch wieder etwas mehr Normalität oder zumindest, dass die Gesellschaft mit der Situation besser umgehen kann als im letzten Jahr. Aber da habe ich derzeit keine Hoffnung. Wem will ich das vorwerfen, es ist eben für alle eine herausfordernde Zeit. Ich würde mir wünschen, dass wir alle etwas klüger und umsichtiger aus der Pandemie herausgehen, als wir es derzeit vielleicht sind.

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Erstellt:
1. März 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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