Erik Ernst: „Unsere Dorfgemeinschaft funktioniert“

Sinzheim (nie) – Sinzheims Bürgermeister Erik Ernst spricht im Interview mit Redakteurin Nina Ernst über Theorie und Praxis in Corona-Zeiten, Zusammenhalt und abgeschlossene und anstehende Projekte.

„Gute Freizeitangebote vor Ort sind gerade in dieser Krisenzeit sehr gefragt“, ist Bürgermeister Erik Ernst überzeugt. Foto: Nina Ernst

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„Gute Freizeitangebote vor Ort sind gerade in dieser Krisenzeit sehr gefragt“, ist Bürgermeister Erik Ernst überzeugt. Foto: Nina Ernst

Die Liste der Projekte, die 2020 in der Stabsgemeinde Sinzheim abgeschlossen oder angegangen werden konnten, ist lang. Und das trotz Corona. Im Interview mit BT-Redakteurin Nina Ernst blickt Bürgermeister Erik Ernst auf Geschafftes zurück und auf Anstehendes voraus. Das Thema Corona kann dabei natürlich nicht ausgeklammert werden.

BT: Herr Ernst, Corona hat vieles verändert. Mal ganz ehrlich, was haben sie vermisst – und was gar nicht?
Erik Ernst: Der direkte Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern hat mir sehr gefehlt. Seit März sind Jubilarstermine ausgefallen, was ich sehr bedauere. Weil gerade dadurch bin ich auch immer wieder ins Gespräch gekommen und konnte die Kommunalpolitik auch mal direkt reflektieren. Und das ist jetzt nur noch bedingt möglich. Nicht vermisst habe ich den ständigen Termindruck.

BT: Ihr Tagesgeschäft als Bürgermeister hat sich also verändert?
Ernst: Bei mir persönlich verlagerte sich die Arbeit hin zur Krisenbewältigung. Ich musste weniger repräsentativen Aufgaben, stattdessen mehr Verwaltungsaufgaben nachkommen.

Seit Mai Usus: Der Gemeinderat trifft sich zu seinen Sitzungen in der Fremersberghalle. Auch die Stühle der Zuhörer sind im hinteren Hallenteil mit Abstand aufgestellt. Foto: Nina Ernst

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Seit Mai Usus: Der Gemeinderat trifft sich zu seinen Sitzungen in der Fremersberghalle. Auch die Stühle der Zuhörer sind im hinteren Hallenteil mit Abstand aufgestellt. Foto: Nina Ernst

BT: Apropos Krise: Im März ging ja alles ganz schnell. Sie kamen zur Gemeinderatssitzung direkt aus der ersten Corona-Krisen-Telefonkonferenz unter anderem mit dem Landratsamt und anderen Bürgermeistern. Und sofort wurden auch Maßnahmen getroffen.
Ernst: Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine konkreten Vorgaben vom Land. Da mussten wir die ersten tiefgreifenden Ermessensentscheidungen treffen, in einem Feld, das wir vorher so nicht abgesteckt hatten – gerade auch hinsichtlich der anstehenden Ehrengala mit Hunderten von Besuchern. Da kamen wir ganz schnell aus der theoretischen in die praktische Krisenbewältigung.

BT: Was genau meinen Sie mit theoretischer Krisenbewältigung?
Ernst: Ende letzten Jahres haben wir begonnen, uns mit externer Hilfe in drei Ganztagesseminaren auf mögliche Krisenszenarien vorzubereiten, was beispielsweise Meldeketten, die Organisation oder die Pressearbeit angeht. Wir hatten zwei der Einheiten vor Beginn der Corona-Pandemie theoretisch durch und wollten dann vor dem Sommer die praktische Fallübung als dritten Teil durchführen – dann hat uns die Krise eingeholt und wir waren plötzlich von der Theorie in der Praxis.

BT: Wie beurteilen Sie im Rückblick den Umgang Sinzheims mit diesen Herausforderungen?
Ernst: In der Anfangsphase mussten wir natürlich vieles improvisieren, bis wir klare Strukturen wie Hygienevorschriften, Schichtbetrieb, Bedingungen für Schulen und Kindergärten für uns definiert hatten. Nach der ersten Phase konnten wir aber auch viele Betroffene bei der Umsetzung der Corona-Vorschriften beraten. Unsere Mitarbeiter haben immer eine hohe Einsatzbereitschaft gezeigt, und die Krise hat uns ein Stück weit zusammengeschweißt. Was die Finanzen angeht: Ein kleines Veilchen für 2020 haben wir definitiv, aber durch die vorsichtigen Planungen und Corona-Hilfen konnten wir einiges abfedern. Künftig sieht das aber anders aus.

„Ich bin stolz“

BT: Und außerhalb der Verwaltung?
Ernst: Dass unsere Dorfgemeinschaft funktioniert, das kann ich an zahlreichen Beispielen festmachen. Bringdienste haben sich entwickelt, das Seniorenzentrum wird in verschiedenster Weise unterstützt, Mutmach-Aktionen wurden ins Leben gerufen. Zu spüren war, man will solidarisch unterwegs sein und sich Hoffnung geben. Ich bin stolz darauf, dass wir hier als Gemeinschaft so zusammengehalten haben.

BT: Die Rahmenbedingungen waren nicht einfach, trotzdem sind Projekte umgesetzt worden. Was möchten Sie hier hervorheben?
Ernst: Das „Wiesenhaus“ in Kartung wurde bezogen. Zwar erst im September und nicht im Mai, da eine Firma aus Italien aufgrund des totalen Lockdowns dort nicht liefern konnte, doch die Freude war auch im Spätsommer groß. Bei der Realschule konnten wir das tolle Außengelände fertigstellen. Die Duttenhurster Straße ist saniert, auf dem Vinzenz-Areal wird mittlerweile fleißig gebaut, der Neubau des Seniorenzentrums konnte bezogen werden. Halberstunger Feld, Sportzentrum und Badestelle Leiberstung sind auf dem Weg.

BT: Und auch die Einweihung der Minigolfanlage ist zur richtigen Zeit gekommen.
Ernst: Genau. Gute Freizeitangebote vor Ort sind gerade in dieser Krisenzeit sehr gefragt. Die tolle Natur bietet uns rund um die Ortsteile natürlich schon zahlreiche Möglichkeiten. Dennoch hat ein Angebot wie unser Adventure-Minigolf gerade in diesem Jahr großen Zuspruch erfahren.

Klimaschutz auf der Strecke geblieben

BT: Gibt es dagegen etwas, was 2020 auf der Strecke blieb?
Ernst: Beim Thema Klimaschutz sind wir ein Stück weit ausgebremst worden, was ich persönlich bedauere. Die Umstellung auf LED-Straßenbeleuchtung konnten wir nicht wie geplant vorantreiben, Fotovoltaikanlagen auf Rathaus und „Wiesenhaus“ nicht installieren, geplante Klima-Bürgerdialoge nicht stattfinden.

BT: Aber diese Vorhaben stehen weiter auf der Agenda?
Ernst: Ja, diese sollen 2021 umgesetzt werden. Den Klimaschutz haben wir auch besonders mit einer Fokusberatung zum kommunalen Klimaschutz mit einem Fachexperten im Blick. Dazu gehört auch die Gestaltung einer grünen Ortsmitte für Sinzheim. Außerdem steht natürlich weiterhin die Digitalisierung unserer Bildungseinrichtungen im Fokus.

BT: Was sind weitere große Themen für 2021?
Ernst: Ich glaube viele Sinzheimer brennen darauf, wenn man wieder ohne Auflagen sportliche und kulturelle Angebote vor Ort nutzen kann. Ich freue mich da jetzt schon drauf. Ich denke, hier muss man den Vereinen auch helfen, dass der Übergang in den Normalzustand wieder gut funktioniert.

BT: Konkret soll es 2021 mit dem B3-neu-Lückenschluss weitergehen. Glauben Sie weiterhin, dass das so kommt?
Ernst: Ich bin davon überzeugt, dass der gemeinsam erstellte Bauzeitenplan eingehalten wird. Es ist für die gesamte mittelbadische Region wichtig, dass dieser Lückenschluss endlich kommt. Und wenn er kommt, dann ist auch die Entlastung der Ortsdurchfahrt gewährleistet.

BT: Ein Dauerthema sind auch die Gewerbeflächen in der Gemeinde. Ruga, Nomos und Fuhr haben geschlossen beziehungsweise werden schließen. Gibt es hier Ansätze, dem entgegenzuwirken?
Ernst: Fast 15 Prozent an Flächen sind in Sinzheim für gewerbliche Nutzung ausgewiesen. Große Aufgabe ist es, die bestehenden Gewerbeflächen zu erhalten. Aber in der Planung ist ja die Entwicklung des Gebietes „Breite Weg“. Was die drei genannten Firmen angeht: Ich bin überzeugt, dass die möglichen Leerstände, die sich abzeichnen, bald wieder genutzt werden.

Sport gibt Energie für Sitzungen

BT: Gibt es da schon etwas Spruchreifes?
Ernst: Es gab schon viele Anwärter, die vorgesprochen haben. Unterschiedlichste Ideen gibt es. Wenn sich Grundstückseigentümer und Interessent gefunden haben, wird man sehen.

BT: Zum Schluss noch ein Blick hinter ihre Kulissen: Die nächste Gemeinderatssitzung steht Ende Januar an. Erfahrungsgemäß dauern die Sitzungen in Sinzheim immer relativ lange. Sie müssen von Anfang bis Ende voll aufnahmefähig sein. Haben Sie hierfür ein bestimmtes Durchhalteritual?
Ernst: Ich versuche immer, mir bewusst Zeit zum Runterkommen zu nehmen. Idealerweise halte ich mir etwas Zeit für Sport – joggen oder Crosstrainer – frei. Das gibt mir Energie für die langen Sitzungen.

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Erstellt:
28. Dezember 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 16sec

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