Ur-Bayer Michael Fitz im Interview

Der Schauspieler und Liedermacher widmet sich in seinem neuen Programm „Da Mo“ den seelischen Tiefen seiner Gattung. Am 20. Januar tritt er in der Rastatter Reithalle auf.

Schummriges Licht, einen Barhocker und seine Gitarre: Mehr braucht Michael Fitz nicht auf der Bühne. Foto:Susie Knoll

© Susie Knoll

Schummriges Licht, einen Barhocker und seine Gitarre: Mehr braucht Michael Fitz nicht auf der Bühne. Foto:Susie Knoll

Er gilt als Ur-Bayer mit Grantelgarantie und ist vielen treuen „Tatort“-Zuschauern bis heute bestens bekannt: Bis 2007 spielte Michael Fitz die Rolle des Carlo Menzinger im Münchner Ermittlungsteam. Seit einigen Jahren fühlt er sich als Liedermacher bei schummrigem Licht eher auf kleinen Bühnen zu Hause. Mit seinem kritisch-launigen Programm „Da Mo“, das zu tiefen Erkenntnissen über die männliche Seele einlädt, ist Fitz am 20. Januar in der Reithalle Rastatt live zu erleben. BT-Redakteurin Kathrin Maurer hat sich mit dem Künstler über das veraltete Rollenbild des Mannes, Konditionierungen und die Entwicklungen der deutschen Fernsehlandschaft unterhalten.

Interview

BT: Herr Fitz, Sie sind vielen eher aus dem Fernsehen bekannt als musikalisch auf der Bühne. Gerade durch Ihre jahrelange Rolle des Carlo Menzinger im Münchner „Tatort“ hat sich Ihr Gesicht bei den Zuschauern eingeprägt. In den vergangenen Jahren stehen Sie nun vermehrt als Musiker auf der Bühne. Ist das jetzt Ihre Hauptberufung oder bleiben Sie weiterhin auch der Leinwand treu?
Michael Fitz: Das hat sich einfach so durch die letzten Jahre ergeben, durch die Angebote, die für mich als Schauspieler ins Haus geflattert sind. Wenn man es ganz klar sagen will: Das Fernsehen wird nicht besser und in der Regel gibt es nur noch sehr wenige interessante Stoffe beim öffentlich rechtlichen Fernsehen. Ich bin jemand, der hauptsächlich für ZDF und ARD arbeitet und dadurch hat sich bei mir eben der Schwerpunkt verschoben. Das heißt, ich habe zumindest bis Corona hauptsächlich von der Musik gelebt, und alles, was an Drehs dazukam, war so ein bisschen das Zuckerl. Da schaue ich mir die Angebote schon genau an. Aber ich will mich gar nicht beklagen, ich stehe auf zwei Beinen ganz gut, da geht es mir besser als anderen Kollegen, die nur einen Beruf haben.

BT: Durch die Streaming-Produktion eröffnen sich ganz neue, durchaus interessante Möglichkeiten. Ist es schwierig, da einen Platz zu ergattern als Darsteller?
Fitz: Das ist sehr schwierig, denn wenn man sich mal anschaut, wer da aus der kleinen namhaften Riege deutscher Schauspieler für solche Produktionen ausgesucht wird, dann merkt man schnell, dass es sich entweder um die ganz großen Namen oder bisher ganz unbekannte Namen handelt. Deshalb findet man so Fernsehgesichter wie mich da eher nicht. Wenn man sich Produktionen ansieht, zum Beispiel aus den USA, dann sind für den Haupt-Cast oft sogar namhafte Hollywood-Kollegen besetzt, für die kleinen Rollen aber eher unbekannte Leute.

BT: Das stimmt, man begegnet häufig serienübergreifend den gleichen Gesichtern. Woran liegt das?
Fitz: Bei mir sind es eben die immer wieder stattfindenden bayrischen oder österreichischen Filme oder Serien. Dadurch habe ich für die Caster, die in Berlin oder im Norden sitzen, immer das Geschmäckle vom Bayern, dem Süddeutschen, den man eigentlich nicht besetzen kann, weil er kein Hochdeutsch kann. Das ist natürlich nicht wahr, aber das hängt im Kopf, da kann man wenig machen. Ich mache auch keinen Social-Media-Zirkus mit und bin auch nicht auf großen Veranstaltungen zu sehen, deshalb falle ich da einfach durchs Raster.

BT: Wenn man Ihren Nachnamen liest, hat man gleich viele Gesichter vor Augen, die auf Bühnen und der Leinwand vertreten sind. Wo nahm das in Ihrer Familie den Ursprung?
Fitz: Schuld ist eigentlich der Großvater, Hans Fitz, der eine Art Multitaskingkünstler war und unglaublich viele Dinge konnte: Romane und Drehbücher schreiben, Regie führen, Laute spielen. Dem haben wir es zu verdanken, dass seine Kinder und Enkel teilweise diese Begabung mit in die Wiege gelegt bekommen haben.

„Man steigt selten wie Phönix aus der Asche“

BT: Als TV-Schauspieler kriegen Sie nicht direkt Feedback, schlüpfen in eine andere Rolle, es hat wenig mit Authentizität zu tun. Ganz anders, wenn Sie als Musiker und Liedermacher auf der Bühne stehen. Mögen Sie es, so reduziert und direkt beim Publikum zu sein?
Fitz: Ja, sehr! Ich hab meinen eigenen Barhocker dabei, der schon viel erlebt hat, und erzähle und moderiere zwischen den Songs. Ich bin mein eigener Roadie, Tourmanager, mache mein Booking, verlege selbst und habe mein eigenes Label. Das ist Authentizität pur.

BT: Wenn man so den Titel Ihres aktuellen Live-Programms „Da Mo“ („Der Mann“) liest, fragt man sich erst mal, wie ein Mann nun musikalisch über Männer sinniert. Wie kamen Sie auf dieses Thema?
Fitz: Ich bin schon lange an dem Thema dran, am Thema Authentizität und dem Thema, wie zeigt man als Mann Gefühle, und was macht das mit einem. Das interessiert mich schon lange. Der Auslöser für das Programm waren die Erfahrungen, die ich in der Corona-Zeit gemacht habe. Dieses auf sich selbst zurückgeworfen sein, ausgebremst sein in seinem ganzen Schaffen, dem typisch männlichen Vorwärtsstreben, diesem zielgerichtet irgendwas anzupeilen. Ich bin ja selbst ein typisches Exemplar dieser Gattung und habe an mir selbst viele Dinge entdeckt, die sich eben zeigen, wenn man angehalten wird, ohne das man es selbst gewollt hätte. Eine Möglichkeit ist, stillzustehen und erst mal wahrzunehmen, was so in einem hochkommt.

BT: Sie sagen, mit einer Zunahme der Bereitschaft zur Selbstwahrnehmung beim Mann tritt oft ein Zustand des Selbstmitleids oder Zynismus ein. Was meinen Sie damit?
Fitz: Die Falle ist bei uns allen, dass man sagt: Hey! Ich habe alles verstanden, ich habe meine Konfrontation mit der Gesellschaft und mir selbst geschafft, und steige nun auf wie Phönix aus der Asche. Das ist aber nun mal selten so. Selbsterkenntnis ist kein Prozess, der irgendwann abgeschlossen und fertig ist. Das Leben konfrontiert einen immer wieder mit den gleichen Dingen, denen man sich immer wieder stellen muss. Sonst wäre man ja nicht mehr berührbar. Als hätte man einen Glaskasten um sich herum. Menschen laufen rum wie Telefonzellen, lassen nichts an sich rankommen, und aus ihnen kommt nichts raus. Da eine Nähe herzustellen, ist ganz schwierig.

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BT: Sie sagen, man sollte sich immer wieder aufs Neue mit seinem Inneren auseinandersetzten. Aber wie beginnt man damit?
Fitz: Ja, das ist der erste und schwerste Schritt. Ich begegne ja vielen Männern bei meinen Auftritten, und es ist manchmal tatsächlich so, dass Männer in der Pause oder nach der Show zu mir kommen, und sich bedanken für die Eindrücke und Denkanstöße. Aber es gibt auch Leute, da merkt man, die sind die ganze Zeit im Widerstand – irgendwo im Raum spürt man Beton.

BT: Lohnt es sich, zu versuchen, diesen Beton zu bohren?
Fitz: Das dachte ich anfangs, ich dachte, ich müsste da noch mehr Energie reinstecken. Inzwischen weiß ich, dass das keinen Sinn macht. Die sitzen ganz oft mit einer Miene da, die nichts verrät, ohne Lächeln, ohne Regung im Konzert, und gehen danach scheinbar unberührt nach Hause. Zwei, drei Tage später merken sie dann, dass etwas hängen geblieben ist und innerlich arbeitet. Ich kann niemand überreden, ich kann nur zeigen, wie es bei mir ist – wenn das eine Schleuse öffnen kann, finde ich das schön.

„Wir sind bis auf die Knochen konditioniert“

BT: Gendern ist in aller Munde – eigentlich nimmt man ja gerade Abstand von Geschlechterrollen und möchte niemand mehr in Schubladen stecken. Sollte man dann wirklich noch über die Rolle des Mannes sprechen?
Fitz: Das Problem ist ja, dass wir über Jahrzehnte, bevor diese ganze Gender-Thematik hochgekommen ist, eigentlich immer fixiert waren auf Rollenbilder – was Frau und Mann angeht. Frauen haben durch die Frauenbewegung schon viel für sich erreicht und den ersten Schritt getan. Wenn man daraus eine Bewegung macht, die etwas erreichen will, dann hat das immer einen Haken, denn eine Entwicklung in diesem Bereich, eine Öffnung hat ja mit Wollen nichts zu tun, sondern mit Einsicht. Einsicht darin, dass wir alle bis auf die Knochen konditioniert sind. Ich muss also erst mal erforschen, wer bin ich eigentlich und was bin ich eigentlich, und erst dann ist es vielleicht notwendig, dass ich mich eine Schublade einordne. Heute ordnet man sich eher vorher ein und sucht dann Bestätigung dafür, wo man sich eingeordnet hat. Das ist falsch herum, finde ich. Ich finde, dass es gut ist, wenn man sich mit sich selbst beschäftigt – das ist aber keine Einbahnstraße. Wir sind Herdentiere, wir benötigen Reflexion im Anderen. Im Gegenüber finde ich mich selbst, und das Gegenüber findet sich in mir. Da spielt es keine Rolle, ob ich ein Mann bin, der sich als Frau fühlt, ob ich eine Frau bin, die sich als Mann fühlt. Das muss ich ja auch erst mal rausfinden.

BT: Ist das für Sie die Emanzipation des Mannes – das Reflektieren eigener Konditionierungen?
Fitz: Ja, bei meinem Programm geht es auch um das Verhältnis Mann/Frau, dass sich ja manchmal über eingespielte Muster zeigt, Abläufe, die immer wieder wiederholt werden. Da macht es Sinn, die Menschen quasi in den Spiegel scheuen zu lassen.

BT: Ich könnte mir vorstellen, dass Frauen, die mit ihren Männern Ihre Show besuchen, wahrscheinlich sehr glücklich sind, dass ein Mann mal solche Dinge anspricht, oder?
Fitz: Sie können sich vorstellen, wenn Paare in meiner Show sitzen, und der Mann wollte gar nicht mit, da mache ich mich oft bei den Männern nicht sehr beliebt. Aber es gibt auch Frauen, die das gar nicht ertragen können. Das Ganze hat viel mit Humor zu tun, ob man wieder aus Denkfallen herauskommt. Ich versuche, die Menschen kurz tief rein ins ernste Thema zu tauchen, und hole sie mit einem Lachen wieder raus. So ist das Leben.


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