Ursprung der „Judengasse“ in Gernsbach weiter ein Rätsel

Gernsbach (kos) – Wieso eine Gernsbacher Straße „Judengasse“ heißt, ist bis heute ungeklärt. „Ein Ghetto in Gernsbach“ war sie nicht. Ein Viertel für Menschen jüdischen Glaubens aber auch nicht.

Klein und unauffällig: Die „Judengasse“ befindet sich mitten in der Gernsbacher Altstadt. In ihrer Namensgeschichte spielen auch die Nationalsozialisten eine Rolle. Foto: Konstantin Stoll

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Klein und unauffällig: Die „Judengasse“ befindet sich mitten in der Gernsbacher Altstadt. In ihrer Namensgeschichte spielen auch die Nationalsozialisten eine Rolle. Foto: Konstantin Stoll

Ob Mohrenstraße, Koloniestraße oder Judengasse: Bei Wegenamen mit vermeintlich kritischem Ursprung scheiden sich oft die Geister. Allerdings befinden sich hinter so manchen dieser Straßennamen nicht zwangsläufig Abgründe der Geschichte, die moralische Altlasten im Stadtbild zementieren. Ein Beispiel dafür ist die „Judengasse“ in der Gernsbacher Altstadt.

Es mutet wie eine Hypothek der deutschen Geschichte an, bei Straßennamen wie der Gernsbacher „Judengasse“ primär an den tief verwurzelten Antisemitismus im einstigen Deutschen Reich und an die Verbrechen des Nationalsozialismus denken zu müssen. In der öffentlichen Debatte über umstrittene Straßennamen in Deutschland wurde regelmäßig darüber diskutiert, Straßennamen wie „Judengasse“ umzubenennen. Doch bei näherer Beschäftigung mit der Geschichte jüdischen Lebens der Murgtal-Stadt stellt sich heraus: Die Herkunft von so manchen Straßennamen sind nicht immer so leicht zu erklären.

Lange Tradition jüdischen Lebens in Gernsbach

Seit wann die kleine Verbindungsgasse zwischen dem Marktplatz und der Amtsstraße so genannt wird, lässt sich laut Cornelia Renger-Zorn, die sich intensiv mit der Gernsbacher Geschichte und der hiesigen jüdischen Bevölkerung beschäftigt hat, nicht genau sagen. Die erste Erwähnung der heutigen „Judengasse“ habe sie in Unterlagen für die Feuerversicherung aus dem Jahr 1889 gefunden, berichtet Renger-Zorn. Die Wurzeln der jüdischen Bevölkerung in Gernsbach lassen sich aber schon im späten 17. Jahrhundert finden. Ein gewisser Israel war bereits 1683 als sogenannter „Schutzjude“ verzeichnet. Rund 100 Später lebten schon vier jüdische Familien auf Gernsbacher Beritt. Begriffe wie „Schutzjude“ oder „Schirmsjude“ tauchen in der Geschichte bereits in der frühen Neuzeit auf. Das rührte daher, dass sich laut Renger-Zorn auch im damaligen Großherzogtum Baden Menschen jüdischen Glaubens bis 1817 nur an bestimmten Orten niederlassen und Handel treiben durften.

Dass sich deshalb in der Gernsbacher Gasse im Laufe der Jahre ein spezifisch jüdisches Wohnviertel herausgebildet haben soll, auf das der Name zurückgeführt werden kann, kann aber weder Renger-Zorn noch Stadtarchivar Wolfgang Froese bestätigen. Ein von Juden bewohntes Haus in der Judengasse lasse sich zudem nur in einem einzigen Fall konkret nachweisen: 1798 brannte das Haus von Isaac Kaufmann an der Ecke zwischen Amtsgasse und heutiger Judengasse ab, wie Renger-Zorn aus Dokumenten des Generallandesarchivs Karlsruhe erfuhr.

Straßenname 1938 durch die Nazis entfernt

Stadtarchivar Froese stellt auf Nachfrage klar: „Eine Art Ghetto bildete die Judengasse sicher nicht.“ Übereinstimmend räumt Renger-Zorn mögliche Verbindungen zwischen dem Straßennamen und den Repressionen der Nazi-Zeit aus. Dass es sich hierbei namentlich eine relativ enge „Gasse“ und nicht um eine „Straße“ handelt, sieht sie nicht pauschal kritisch. Denn: Auch die heutige Amtsstraße sei früher „Amtsgasse“ genannt worden, betont sie. Wieso und weshalb der Gernsbacher Verbindungsweg letztlich „Judengasse“ getauft wurde, ist und bleibt vorerst ein Geheimnis der Geschichte, das weder Froese noch Renger-Zorn bislang lösen konnten. Die Straße umzubenennen steht für die Stadt nicht zur Debatte.

Der Grund: Laut Froese wurde die Judengasse 1938 von den Nationalsozialisten aus dem öffentlichen Straßenverzeichnis entfernt und dort ansässige Bewohner fortan der Amtsstraße zugeordnet – ein Ausdruck des NS-Rassenwahns gegen jüdische Bürger. Das spreche laut Froese dafür, „den Namen Judengasse beizubehalten und die Ausgrenzung der ehemaligen jüdischen Mitbürger nicht nachträglich fortzusetzen“. Außerdem sei die Existenz der Straße für den Stadtarchivar „ein guter Anknüpfungspunkt“ für Veranstaltungen und Führungen, die auf „ein blühendes jüdisches Lebens“ aufmerksam machen und an die Gräueltaten der Nazis erinnern wollen, die auch in Gernsbach stattgefunden haben.

Ihr Autor

BT-Volontär Konstantin Stoll

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Erstellt:
28. April 2022, 10:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 44sec

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