Urteil im Baden-Badener „Pfadfinderprozess“

Baden-Baden (nie/red) – Der Angeklagte im „Pfadfinderprozess“ muss hinter Gitter. Am Dienstag sprach das Gericht eine dreijährige Freiheitsstrafe wegen Anstiftung zur Vergewaltigung aus.

Das Urteil ist gefallen: Der angeklagte 65-jährige stadtbekannte Baden-Badener muss drei Jahre in Haft.  Symbolbild: Uli Deck/Symbolbild

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Das Urteil ist gefallen: Der angeklagte 65-jährige stadtbekannte Baden-Badener muss drei Jahre in Haft. Symbolbild: Uli Deck/Symbolbild

Ein Fall, der in „Abgründe blicken“ ließ, wie der Vorsitzende Richter Wolfgang Fischer sagte, ist am Dienstag zu Ende gegangen. Im „Pfadfinderprozess“ vor dem Landgericht Baden-Baden ist der Angeklagte zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt worden – wegen eines laut Fischer „abscheulichen Verbrechens“: Anstiftung zur Vergewaltigung.

Eine „Vielzahl von Facetten“ hätte sich innerhalb der neuntägigen Verhandlung aufgetan, machte der Vorsitzende am Dienstag am frühen Abend in seinem Urteilsspruch deutlich, dass es sich um einen „ungewöhnlichen Fall“ gehandelt hatte. Vor allem auch, weil die Tat mehr als 30 Jahre zurückliegt. Damals in den 1980er Jahren soll der jetzt Verurteilte, ein heute 64-jähriger Rentner, als Teamleiter einige männliche Mitglieder seiner Pfadfindergruppe dazu angestiftet haben, ein zur Tatzeit zwischen sieben und elf Jahre altes Mädchen zu vergewaltigen. Die Jungen sollen das kleine Mädchen in den Räumlichkeiten der Pfadfinder in der Baden-Badener Scheibenstraße an einen Tisch gebunden haben und nacheinander in sie eingedrungen sein. Das Gericht kam nun am Dienstag zu dem Schluss, dass das Erlebnis der heute 44-jährigen Frau, die als Nebenklägerin auftrat, real war. Nach der Einschätzung der Zweiten Großen Strafkammer hat der Verurteilte in einem „Klima sexueller Übergriffigkeit“ gehandelt.

Mehr als 25 Zeugen geladen

Zur Anzeige wurde die Tat erst im Jahr 2018 gebracht. Dann erst konnte sich das Opfer durch eine Traumatherapie an die Geschehnisse erinnern. „Der Anstifter ist gleich einem Täter zu bestrafen“, führte Fischer aus. Keiner der damals kindlich bis jugendlichen Täter konnte im Laufe des Verfahrens ermittelt werden. Aber: Als „Glücksfall“ betitelte der Richter den einen Zeugen, der berichtete, wie das Mädchen einmal verstört und verängstigt aus den Kellerräumen im Haus in der Scheibenstraße gekommen war. Außerdem habe der Verurteilte das Opfer immer wieder aufs Niederträchtigste beschimpft.

Auch wenn keiner der über 25 geladenen Zeugen zur angeklagten Tat direkt etwas sagen konnte, so zeichneten sie doch überwiegend ein eindeutiges Bild des stadtbekannten Baden-Badeners auf der Anklagebank. Erwachsenen Männern war es im Zeugenstand sichtlich schwergefallen, ihr langes Schweigen zu brechen und sich an Details erinnern zu müssen. Denn es traten, wie Fischer ausführte, viele weitere Taten und Dutzende Namen von missbrauchten Kindern zutage. Dass der Angeklagte hinsichtlich derer aber nicht belangt werden kann, liege daran, dass sie bereits verjährt seien. Erst am Dienstag bestätigte ein weiterer Zeuge: „Ich wurde selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs durch den Angeklagten.“

Kein Zweifel an Glaubwürdigkeit

Es gebe genug Indizien, dass der Angeklagte zur Anstiftung der Vergewaltigung fähig sei. Fischer führte hierbei unter anderem die Bewährungsstrafe aus dem Jahr 2000 ins Feld, die der Rentner wegen „acht Handlungen an Kindern“ erhalten hatte; Fischer sprach von „ekelerregenden Ritualen“ bei den Pfadfindern, von sadistischem Machtmissbrauch und perversen Handlungen, die der Angeklagte über ein Jahrzehnt als „normal“ habe darstellen können. Mit Sicherheit sei der Angeklagte durch seine dominante und zugleich kumpelhafte Art in der Lage gewesen, „entsprechende Jungen zu manipulieren“ – und wie im Fall der Vergewaltigung im Keller mit einem „Pfadfinderschwur“ zum Schweigen zu bringen.

Viel drehte sich am Dienstag auch wieder um das Gutachten, das die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin einschätzen sollte. Dieses war von Verteidiger Andreas Kniep gefordert und von ihm am Dienstag infrage gestellt worden. Doch das Gericht zweifelte „in keiner Weise“ an den Ausführungen des psychiatrischen Sachverständigen, der keinerlei Einschränkungen der Gedächtnis- und Erinnerungsfunktionen des Opfers attestierte.

Die Plädoyers waren an Dienstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehalten worden – die Verteidigung hatte Freispruch, Nebenklage und Staatsanwältin vier Jahre und sechs Monate Haft gefordert. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Innerhalb einer Woche kann Revision eingelegt werden.

Was wir bisher zu dem Prozess berichtet haben, können Sie hier nachlesen.

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Erstellt:
29. Dezember 2020, 18:03 Uhr
Aktualisiert:
29. Dezember 2020, 19:51 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 55sec

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