VALIE EXPORT: Baden-Baden feiert die Provokative

Baden-Baden (cl) – Provokative Formen der Berührung: Die Kunsthalle Baden-Baden ehrt VALIE EXPORT (80). Die Schau der Pionierin der Performancekunst aus Österreich ist bis Sonntag zu sehen.

Wegen der Corona-Pandemie konnte VALIE EXPORT nicht zur Eröffnung ihrer Ausstellung nach Baden-Baden kommen: Mitte Mai wurde die Vorreiterin des feministischen Aktionismus und Pionierin der Medienkunst aus Österreich 80.  Foto: Ennio Leanza/Keystone/dpa

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Wegen der Corona-Pandemie konnte VALIE EXPORT nicht zur Eröffnung ihrer Ausstellung nach Baden-Baden kommen: Mitte Mai wurde die Vorreiterin des feministischen Aktionismus und Pionierin der Medienkunst aus Österreich 80. Foto: Ennio Leanza/Keystone/dpa

Die österreichische Künstlerin VALIE EXPORT ist eine Ikone der feministischen Kunst und Pionierin der Performancekunst. 1967 hat sie sich ihren Künstlernamen als Zeichen weiblicher Selbstbestimmtheit gegeben: VALIE als Koseform von Waltraud, den Nachnamen, ebenfalls in Versalien, als künstlerisches Konzept. Ihr provokatives Export-Gut gehört heute zu den Klassikern der weiblichen Kunst.
Schon früh hat die junge Wilde in Wien die damals Neuen Medien der Bewegtbilder (8-Millimeter-Film und Video) für ihre kreative Arbeit genutzt. Ihre radikalen Aktionen, bei denen sie ihren Körper öffentlich im Stadtraum inszenierte, brachten ihr Anfeindungen in der patriarchalisch geprägten Nachkriegsgesellschaft ein. Aber ihre Körpererkundungen sollten nicht nur aufregen, sondern wollten auch einen Dialog mit dem Publikum anregen.

Im positiven Sinne steht die „Berührung“ über dem Werk von VALIE EXPORT, die am 17. Mai, mitten im Corona-Lockdown, ihren 80. Geburtstag gefeiert hat. Die großen musealen Würdigungen mussten verschoben werden. Nun eröffnet die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden – kurz vor dem zweiten Lockdown – die EXPORT-Überblicksschau unter dem Titel „Fragmente einer Berührung“. Übers Wochenende ist die Schau noch zu sehen mit Filmen, Fotos und Rauminszenierungen, ab den 1968er Jahren bis 2002. So sollen nicht nur die bekannten früheren Werke durchdekliniert werden – wie das „Tapp- und Tastkino“ und die „Körperkonfigurationen“, bei denen sich die Biennale-Künstlerin (1980) an Architektur und in die Landschaft schmiegte –, sondern auch ihr filmisches Werk: die Spielfilme über Paar-Beziehungen, die sie fürs ORF und fürs Deutsche Fernsehen produzierte. Die Kunsthalle zeigt sie in voller Länge in einem extra Raum mit Kinosesseln.

Berühmt mit dem „Tapp- und Tastkino“

Sexualität, Erotik, Genderfragen berühren die Kunst der Österreicherin. In der raumfüllenden, titelgebenden Installation im großen Oberlichtsaal „Fragmente der Bilder einer Berührung“ wird das Eindringen eines Körpers in einen anderen auf schon poetische Weise durchgeführt. 18 von der Decke baumelnde Glühbirnen tauchen in langsamem Rhythmus in befüllte Reagenzgläser ein: Wasser, Milch und Altöl befinden sich in den Behältern, eine Arbeit von 1994, die auch den Geruchssinn berührt.

Die junge VALIE EXPORT wollte mit ihren öffentlichen Aktionen eher schockieren: Mit dem „Tapp- und Tastkino“ oder der „Aktionshose Genitalpanik“ hat sie Ende der 60er Jahre Bilder geschaffen, die ins visuelle Gedächtnis übergegangen sind. Die damals vom ZDF festgehaltene Arbeit, bei der EXPORT Passanten auf dem Stachus in München eingeladen hatte, für ein paar Sekunden mit den Händen ihre Brüste unter einem am Körper umgeschnallten tragbaren Kinosaal aus Styropor zu berühren, ist in der Kunsthalle zu sehen. Einige dieser Aktionen hat VALIE EXPORT zusammen mit dem Medienkünstler Peter Weibel, dem heutigen Chef des ZKM Karlsruhe, auf die Straße gebracht.

Auf den Fotoarbeiten zu „Body Sign Action“ (um 1970) zeigt die Künstlerin ihren Unterleib samt einem auf ihren Oberschenkel tätowierten Strumpfhalter – und greift damit eines ihrer wichtigsten Anliegen auf, den Kampf gegen die Reduzierung des Weiblichen auf das rein Sexuelle. Ihr Körper wird dauerhaft zum Zeichenträger, um die Befreiung der Frau von der Last der Geschlechterrolle plakativ voranzutreiben. Diese Fotografien betonen den persönlich gelebten Widerstand EXPORTs gegen Sexismus und gesellschaftlich auferlegte Unterdrückungsmechanismen.

Rauminstallation mit hohlen Alu- und Bronze-Köpfen

Für die Medienkunstprofessorin aus Linz ist die „Berührung“ aber nicht nur gesellschaftspolitisch zu verstehen, sondern auch medienreflexiv: mediale Entwicklungen berühren sich in ihrem Werk. Bild- und Realitätsebenen verwischen in fließenden Übergängen, wie in der Fotoarbeit „Ontologischer Sprung“. Hier sind Bilder von Körperfragmenten (Arme und sich berührende Hände) in Schwarz-Weiß und Farbe, in einem Druck übereinandergelegt: eine konzeptionelle Arbeit, in der sich Zeit und Raum überlagern.
In „Heads – Aphärese“ (2002) geht es um Geist und Körper: Die Aluminium- und Bronzeköpfe mit ausgestanzten Gesichtsfeldern sind Hohlräume, aus denen der Geist entwichen zu sein scheint: zusammengefasst zu einer Rauminstallation von berührender Symbolik. Sie erinnert ein wenig auch an die Corona-Maskenträger, deren Gesichter hinter dem Schutz verschwinden und leicht auch die Individualität. Hinterfragung der Wirklichkeit kennzeichnet VALIE EXPORTS künstlerisches Œuvre. Zu sehen noch bis Sonntag – und danach erneut von 1. bis 31. Dezember, so der Plan.

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Erstellt:
29. Oktober 2020, 23:00 Uhr
Lesedauer:
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