Van Bommels Missgeschick hat Vorbilder

Baden-Baden (ket) – Ein Wechselfehler im Pokalspiel bei Preußen Münster hat Wolfsburgs Trainer Mark van Bommel in die Bredouille gebracht. Der erste Coach, der sich verzählt hat, ist er nicht.

 Ein Wechselfehler hat Mark van Bommel in die Bredouille gebracht. Foto: Guido Kirchner/dpa

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Ein Wechselfehler hat Mark van Bommel in die Bredouille gebracht. Foto: Guido Kirchner/dpa

Zumindest im Rückblick kommt es einem manchmal so vor, als hätte man es irgendwie vorab schon ahnen können. Es war schließlich der elfte Tag im elften Monat des Jahres 1995, also Karnevalsbeginn. Und es war der 13. Spieltag in jener Fußball-Bundesligasaison. Das konnte nicht gut gehen. Da musste irgendetwas Verrücktes passieren. Gleich nach der Pause war es dann soweit. Bayer Leverkusen führte im Karlsruher Wildpark nach Toren von Rudi Völler und Ulf Kirsten bereits mit 2:0. Unten am Spielfeldrand stand KSC-Dribbler Sergej Kiriakov zur Einwechslung bereit. Ganz oben auf der Tribüne bekam der Stadionsprecher der Karlsruher genau deswegen Schnappatmung. Zum Ruf ins Mikrofon reichte es dennoch gerade so. Gleich drei Mal blies er sein in KSC-Kreisen längst legendäres „Winnie, zähl deine Ausländer!“ ins Mikrofon, bei jedem Mal klang seine Stimme ein klein wenig verzweifelter.

Indes: Die Aufforderung blieb vom Trainer ungehört. Winnie zählte nicht, sondern wechselte „Kiki“ für Gunter Metz ein, auch Präsident Roland Schmider, der von seinem Tribünenplatz wie von der Tarantel gestochen an den Spielfeldrand gerannt kam, konnte die Einwechslung nicht mehr verhindern und mit ihr die Niederlage. Kiriakov war nach dem Schweizer Adrian Knup, dem Kroaten Slaven Bilic sowie dem Südafrikaner Sean Dundee, damals noch ohne deutsche Staatsbürgerschaft, schließlich der vierte Ausländer im KSC-Dress auf dem Platz, nur drei waren zu jener Zeit erlaubt. Als auch Schäfer dies bemerkte – und durch die Auswechslung Knups durch Edgar Schmitt drei Minuten später zu kaschieren versuchte, war es freilich längst zu spät. Nur der Umstand, dass Leverkusen das Spiel am Ende ohnehin mit 4:1 gewonnen hatte, verhinderte dessen Annullierung.

Der wilde Winnie, zu jener Zeit in dieser Zeitung bisweilen auch als erdbeerblonder Fußballlehrer firmierend, war freilich nicht der erste, dem ein solcher oder zumindest ein ähnlicher Einwechsel-Fauxpas unterlaufen ist. Ganz im Gegenteil: Auch durchaus namhafte Trainer wie etwa Udo Lattek waren davor nicht gefeit. Dem Bayern-Coach wurde sogar die Ehre zu Teil, als erster Verzähler in die Bundesligageschichte einzugehen. Am letzten Spieltag der Saison 1971 wechselte Lattek einen dritten Spieler ein, obwohl zu jener Zeit lediglich zwei Auswechslungen erlaubt waren.

Wechsel erst seit 1967 erlaubt

Dass nicht noch früher Wechselfehler aktenkundig geworden sind, könnte durchaus der Tatsache geschuldet sein, dass Ein- und Auswechslungen im Bundesligareglement zunächst gar nicht vorgesehen waren. Erst 1967 war es überhaupt gestattet, einen Spieler gegen einen anderen zu tauschen, allerdings nur dann, wenn eine Verletzung vorlag. Schon ein Jahr später waren bereits zwei verletzungsbedingte Auswechslungen erlaubt. Erst seit 1995 können drei Spieler, egal ob verletzungsbedingt oder aus taktischen Gründen, ausgewechselt werden. Noch in der Saison davor war das Kontingent auf zwei Feldspieler und den Torwart beschränkt.

Dass das Zählen auf drei selbst für Fußballer und ihre Trainer durchaus machbar ist, steht selbstredend außer Frage. Nicht ausgeschlossen ist somit, dass die Regelerfinder aus reiner Boshaftigkeit immer mal wieder neue und zusätzliche Fallstricke ins Reglement eingebaut haben. So durften in den Anfangsjahren der Bundesliga lediglich zwei Spieler ohne deutschen Pass eingesetzt werden, 1992 wurden daraus drei.

Just dies wurde nicht nur wie erwähnt dem Karlsruher Schäfer zum Verhängnis, sondern rund 20 Jahre zuvor, 1977, bereits Hennes Weisweiler, der für den 1. FC Köln in dem Belgier Roger van Gool einen dritten Spieler ohne deutsche Staatsbürgerschaft eingesetzt hatte, obwohl lediglich zwei statthaft waren. 1992 ereilte Christoph Daum dieses Schicksal als Trainer des VfB Stuttgart sogar in der Champions League. Mit der Einwechslung des jugoslawischen Verteidigers Jovica Simanic hatte Daum den vierten Ausländer aufs Feld befohlen – und damit einen zu viel. Die UEFA wertete die Partie mit 0:3, womit ein Entscheidungsspiel notwendig wurde, das der VfB mit 1:2 verlor. Aus Christoph Daum war damit in Windeseile Christoph Dumm geworden, wie in den Tagen und Wochen darauf deutschlandweit zu lesen war.

Sechs Wechsel sind einer zu viel

Über eine andere Regelklausel stolperte zwei Jahre später Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni. Er brachte in einem Spiel gegen die Frankfurter Eintracht im späteren Nationalspieler Didi Hamann zwar einen waschechten Bayer aufs Feld, aber auch den vierten Vertragsamateur – und damit einen zu viel. Nur drei waren erlaubt. Die Folge: Die Münchner gewannen zwar die Partie (5:2), die Frankfurter freilich die Punkte.

Immerhin: Zu viele Ausländer auf dem Platz können einen Trainer heute nicht mehr in die Bredouille bringen. Bereits seit der Saison 2006/07 ist völlig egal, wieviele Spieler ohne deutsche Staatsangehörigkeit sich dort tummeln. Bereits seit 1995 gilt dies für sogenannte EU-Ausländer.

Das Missgeschick von Mark van Bommel vergangenes Wochenende, um endlich im Hier und Jetzt anzukommen, hatte ohnehin eine andere Ursache. Ein bisschen war es wie vor 50 Jahren bei Udo Lattek. Der neue Coach des VfL Wolfsburg tauschte schlicht und einfach einmal zu viel aus. Drei Mal hatte er in Halbzeit eins gewechselt, drei weitere Mal in der Verlängerung. Erlaubt wären alles in allem lediglich fünf Veränderungen im Team gewesen.

Neue Regelung seit Corona

Das ist selbstredend peinlich für van Bommel, der jetzt einen schweren Stand hat bei den Wolfsburgern. Und doch ist irgendwie auch erklärbar und menschlich, wie es zu dem Malheur kommen konnte. Ein wahres Regelwirrwarr liegt diesem schließlich zu Grunde, nämlich dieses: Bereits seit 2016/17 darf im DFB-Pokal im Falle einer Verlängerung ein viertes Mal gewechselt werden, also einmal mehr als in der Bundesliga. Seit dem Jahr 2020 wiederum sind im Zuge der Corona-Pandemie in der Liga sogar fünf statt bisher drei Wechsel erlaubt. Der zusätzliche Spielertausch in der Verlängerung im Pokal fiel damit freilich weg. Um die Sache noch verwirrender und abstruser zu machen: Bei der EM waren tatsächlich noch bis zu sechs Wechsel erlaubt, wenn eine Partie in die Verlängerung ging.

Irgendwie haben sie all das wohl durcheinander gebracht beim VfL. Alle zusammen, nicht nur van Bommel allein. Und selbst der vierte Offizielle scheint an dem Fauxpas zumindest nicht ganz unbeteiligt gewesen zu sein. Angeblich soll sich die Wolfsburger Bank mehrmals bei ihm erkundigt haben, ob die geplanten Wechsel auch erlaubt seien – und das „Go“ dafür bekommen haben. Die Arbeit des DFB-Sportgerichts, das sich mittlerweile mit dem Fall beschäftigt, macht das nicht einfacher.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
11. August 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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