Vater und Tochter im Erfolg vereint

Baden-Baden (mi) – Ihr Vater Bruce Springsteen ist ein Superstar im Rockbusiness. Tochter Victoria hat sich einen Namen im Springreiten gemacht. Seit Olympia-Silber ist sie auch in den USA populär.

Jessica Springsteen hat mit Olympia-Silber ihren bislang größten Erfolg gefeiert. Foto: Jessica Gow/AP)

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Jessica Springsteen hat mit Olympia-Silber ihren bislang größten Erfolg gefeiert. Foto: Jessica Gow/AP)

Als Songtitel käme „Lady Starlight“ oder „Silver Queen“ in Frage. Am naheliegendsten wäre natürlich „Born to ride“: Mit „Born to run“ ist Bruce Springsteen zu einem Superstar der Rockmusik aufgestiegen. Der Amerikaner ist eine Legende, für seine Riesenfangemeinde seit 50 Jahren schlicht der „Boss“. Mittlerweile gibt es in der berühmten Familie einen zweiten Boss: den im Pferdestall, das weibliche Pendant. Tochter Jessica hat mit dem Gewinn der olympischen Silbermedaille im US-Team der Springreiter ebenso Kultstatus erlangt.
Berühmte Künstler huldigen ihren Sprösslingen gerne in ihren Songs. Eric Clapton, Steven Tyler von Aerosmith und andere haben es getan. Auch Bruce wird passende Textzeilen im klugen Kopf parat haben, denn er wird vor Stolz platzen wie nach dem ersten Grammy für seine zig Platinalben. „Davon habe ich ewig geträumt. Ich empfinde unendliche Dankbarkeit, dass dieses möglich wurde“, ließ die glückliche Tochter die Welt in den sozialen Medien wissen. Noch vom Reitplatz in Tokio rief sie die Eltern zu Hause an: „Sie haben alle geschrien. Ich glaube nicht, dass irgendwer etwas verstanden hat.“

Party-Time ohne Musik im Hause Springsteen. Der berühmte Vater besingt am liebsten die Durchschnittstypen, die trotz all ihrer Sorgen und Alltagsprobleme irgendwie durchhalten im täglichen Trott. Und vielleicht ihr privates Glück finden. Jessica hat trotz ihrer erst 29 Jahre schon zwei Enttäuschungen in ihrem Sport erleben müssen. 2012 war sie in London nur Ersatzreiterin, vier Jahre später fiel sie für die Rio-Spiele dem Cut knapp zum Opfer. „Es ist leicht und passiert schnell, besiegt zu werden, aber man muss es abwischen und weitermachen“, sagte sie damals im Rückblick. Der Satz könnte auch in den Texten ihres Vaters vorkommen.

Mit vier Jahren auf einem Pony

So wie er seine Bestimmung in den frühen 70ern mit dem Songwriting fand, ging es seiner Tochter später ähnlich, als die Eltern Anfang der 90er Jahre von der Musikmetropole Los Angeles ins ländliche New Jersey umzogen, um vor allem den vielen Paparazzi zu entfliehen, und eine eineinhalb Quadratkilometer große Farm in Colts Neck erwarben. Jessica war umgeben von Hühnern, Ziegen, Schweinen – und bald saß sie mit vier Jahren erstmals auf einem Pony, das zwei Jahre später gegen ein ausgewachsenes Pferd eingetauscht wurde.

Hier kommt dann ihre Mutter Patti Scialfa ins Spiel, die seit Jahrzehnten selbst Mitglied der legendären E-Street-Band ist, und ihr Faible fürs Reiten entdeckte. „Da ging es auch für mich direkt los“, erinnert sich die Tochter. „Einige Menschen gehen durch das Leben, ohne etwas zu finden, das sie wirklich lieben. Insofern haben mich meine Eltern sehr gepusht. Sie wussten immer, dass man seinem Weg folgen muss, und das haben sie tief in mir verankert“, verriet sie einst dem Robb Report Magazine.

Pferde statt Gitarren: Die Leidenschaft war entfacht, erste kleine Turniere folgten, ehe sie 2010 mit Grand-Prix-Springen begann. Natürlich wurde sie gerade bei den ersten Events von der Konkurrenz mitunter argwöhnisch beo-
bachtet. Nach dem Motto: Hier kommt die Kleine von dem reichen Rock-Daddy, der sich alles leisten kann. Und tatsächlich hat ihr der Promi-Bonus die Grundlage geschaffen, nicht nur ihrer Leidenschaft zu frönen, sondern aufzusteigen, letztlich bis ins Nationalteam.

Der stolze Vater hat mit dem Kauf von Klassepferden nachgeholfen, dass sie ihren Traum, im Springsport eine Größe zu werden wie er im Musikbusiness, eines Tages verwirklichen kann. Auch die Töchter der reichsten Menschen dieser Welt, Bill Gates oder Steve Jobs, sitzen im Sattel, doch sie kennt keiner.

Einnahmen für US-Reitverband

Bei Konzerten zweigte Bruce Springsteen seine Einnahmen bisweilen auch an den US-Springreiterverband ab. „Meine Familie ist durch mich richtig in den Sport eingetaucht. Sie sind meine größten Fans“, sagt Jessica. Als Bruce bei seinem letzten Auftritt in München das ausverkaufte Olympiastadion zum Beben brachte, nutzte er die Gelegenheit, um 24 Stunden später unangemeldet die Tochter beim Turnier in Donaueschingen zu besuchen. Mit getönter Sonnenbrille, sicherheitshalber, er wollte Jessica nicht die Show stehlen.

„Sie hat schon früh gesagt, dass sie nicht allein als Bruce Springsteens Tochter bekannt sein will. Sie wollte ihren eigenen Weg gehen. Das tut sie wirklich“, sagte Olympiasiegerin Melanie Smith Taylor der New York Post. Neben ihren Eltern war es vor allem die Silber-Teamkollegin Laura Kraut, die als Mentorin und fleißige Trainerin ihr das nötige Rüstzeug mit auf den Weg gab. Jessica lag noch in den Windeln, als ihr Idol 1992 in Barcelona ihr olympisches Debüt gab. Kraut gab der introvertiert Heranwachsenden unzählige Tipps und förderte sie mit großer Hingabe.

Dass die ehrgeizige Jung-Amazone 2014 ihren Abschluss in Psychologie an der Uni von Duke machte, war gewiss auch hilfreich für die spätere Karriere im Sattel, denn Pferde zu besitzen ist eine Sache, sie aber zu verstehen, auf ihre Eigenarten einzugehen, die andere. Es ist schließlich Harmonie wie in der Musik vonnöten, damit das Pferd Wassersprünge und Dreifachbarren möglichst schnell und fehlerlos überspringt.

2019 fand sie ihren Schatz, wohlgemerkt auf vier Beinen, dem sie nach Olympia-Silber so huldigte: „Danke Don. Es gibt kein anderes Pferd auf dieser Welt, mit dem ich diese Reise verbringen wollte. Du bist das Pferd meines Lebens.“ Der Angebetete ist ihr zwölfjähriger Hengst Don Juan van de Donkhoeve. Er macht den Unterschied, mit ihm hat sie sich in den vergangenen beiden Jahren auf Topturnieren behauptet, Podestplätze belegt und ist zur Nummer 33 in der Weltrangliste aufgestiegen.

Im September siegte sie mit dem US-Team beim traditionsreichen CHIO in Aachen. Mittlerweile hat Jessica Springsteen, die mit dem italienischen Springreiter Lorenzo de Luca liiert ist und mit ihm in Belgien lebt, mehr als zwei Millionen Dollar an Preisgeldern eingesackt.

Sie könnte also das nächste Album ihres Vaters finanzieren. Als Teenie ist sie schon einmal 2002 mit ihm als Backup-Sängerin im Studio gestanden, gemeinsam mit ihren Brüdern Evan, der als Songwriter in die Fußstapfen des Vaters getreten ist, und Feuerwehrmann Samuel. „Down in the hole“, hieß die Nummer. Unten im Loch. Kein Titel, der zum Triumph der Tochter passt. „On cloud nine“ klingt da besser. Denn wie auf Wolke sieben schwebt Jessica Spring-
steen seit den Olympiatagen von Tokio.

Ihr Autor

Von BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
9. Dezember 2021, 05:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 12sec

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