Verändert sich das Baden-Badener Stadtbild?

Baden-Baden (BNN) – In Baden-Baden sind die stadtbildprägenden Kastanien stark gefährdet. Denn gegen die durch ein eingeschlepptes Bakterium verursachte Krankheit gibt es noch kein wirksames Mittel.

Prächtige Blüten: Die Kastanien rund um das Kurhaus entfalten derzeit ihre ganze Pracht. Die Schönheit täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Bäume im gesamten Stadtgebiet durch eine vor einigen Jahren neu aufgetretene Krankheit gefährdet sind. Foto: Michael Rudolphi

© mr

Prächtige Blüten: Die Kastanien rund um das Kurhaus entfalten derzeit ihre ganze Pracht. Die Schönheit täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Bäume im gesamten Stadtgebiet durch eine vor einigen Jahren neu aufgetretene Krankheit gefährdet sind. Foto: Michael Rudolphi

Die Kastanien, die an vielen Orten wie etwa in der Kaiserallee, den Kurhaus-Kolonnaden, der Sophienstraße oder der Maximilianstraße das Stadtbild in Baden-Baden prägen, sind stark gefährdet. Zu diesem Ergebnis kommt Traugott Bräuninger, der die Bäume regelmäßig kontrolliert.

Der Leiter der Abteilung Pflege im städtischen Fachgebiet Park und Garten klopft dabei mit einem Hämmerchen auf den Stamm einer Rosskastanie. Er lauscht genau, wie sich das anhört. Die unterschiedlichen Klopfgeräusche geben dem Experten Hinweise zum Gesundheitszustand eines Baums. Er stellt immer häufiger fest, dass viele Kastanien krank sind. Das belegen nicht nur die Klopfgeräusche. An manchen Stellen platzt die Rinde ab und löst sich vom Stamm. Bräuninger weiß dann: Dieser Baum ist von einem Bakterium befallen, das den sperrigen Namen Pseudomonas syringae pv. aesculi trägt.

Vor Jahren waren es noch Einzelfälle, inzwischen grassiert die durch das Bakterium verursachte Krankheit. Nach Auskunft von Markus Brunsing ist in Baden-Baden mittlerweile etwa die Hälfte der Rosskastanien betroffen. „Vor allem die rot blühenden Bäume sind befallen“, erläutert der Leiter des städtischen Fachgebiets Park und Garten.

Wie steht es um den Baum? Traugott Bräuninger kontrolliert mit einem Hammer eine Kastanie. Foto: Michael Rudolphi

© red

Wie steht es um den Baum? Traugott Bräuninger kontrolliert mit einem Hammer eine Kastanie. Foto: Michael Rudolphi

Die stärker verbreiteten Kastanien mit weißen Blüten schaffen es nach seiner Beobachtung etwas besser, sich gegen den Eindringling abzuschotten. Bei der Miniermotte, die den Kastanien ebenfalls stark zusetze, sei es genau umgekehrt. Die Experten des Gartenamts machen sich ernsthafte Sorgen um den Bestand der Kastanien, die seit gut 200 Jahren das Erscheinungsbild der Bäder- und Kurstadt mitprägen. Brunsing zufolge verdanken diese Bäume ihren Siegeszug den Gartenarchitekten zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Kastanien seien damals wegen ihres dichten Blattwerks geschätzt gewesen, um Bürgern und Gästen an besonders beliebten Konversationsplätzen Schatten zu spenden.

Zudem spielen Kastanien als Allee-Bäume entlang von Straßen bis heute eine wichtige Rolle. „Für uns ist die Kastanie ein prägender Baum“, sagt Brunsing. Etwa 850 Exemplare, darunter rund 60 rot blühende, stünden aktuell im Stadtgebiet.

Wie lange das noch so sein wird, ist fraglich. Brunsing möchte zwar kein Horror-Szenario entwerfen, aber er hat Bedenken. „Es gibt kein Mittel, um das Bakterium zu bekämpfen“, räumt Bräuninger ein. Das Bakterium allein ist demnach nicht so sehr das Problem. Es schwächt die Bäume, die ohnehin schon unter den Larven der Miniermotte leiden. Häufig platzt die Rinde auf. Durch Risse dringen dann Pilze ein, die das Holz schädigen und im Lauf der Zeit zersetzen.

Typische Symptome: Der Befall des Bakteriums verursacht schwarze Stellen an der Rinde. Foto: Michael Rudolphi

© red

Typische Symptome: Der Befall des Bakteriums verursacht schwarze Stellen an der Rinde. Foto: Michael Rudolphi

Bräuninger verdeutlicht das an einer Kastanie: Die Rinde weist schwarze Flecken und Löcher auf, aus denen zum Teil ein dunkler Ausfluss austritt. Die Verbreitung durch Regen oder über den Boden sei kaum zu verhindern. Die Folge: „Äste oder ganze Baumkronen sterben ab.“ Um das Bakterium möglichst nicht zu übertragen, ist das Gartenamt beim Rückschnitt sehr restriktiv und macht das nur wenn unbedingt nötig. „Danach müssen wir die Scheren und Sägen desinfizieren“, sagt Bräuninger.

Das regenreiche Vorjahr könnte Brunsing zufolge dazu beigetragen haben, die Situation etwas zu entspannen. Es sei aber noch zu früh, das abschließend zu beurteilen. Das Gartenamt möchte jedenfalls auf Nummer sicher gehen und pflanzt vorerst keine weiteren Kastanien, sondern andere Arten. Nachpflanzungen gibt es nur dort, wo das aus denkmalpflegerischer Sicht erforderlich ist – beispielsweise im geschützten Ensemble der Kurhaus-Kolonnaden. Die Baden-Badener Experten haben die vage Hoffnung, dass es eventuell irgendwann durch Mutationen Kastanien geben könnte, die gegen das Bakterium resistent sind und das langsame Artensterben endet.

Katastrophe für die Stadt

BNN-Redakteur Michael-Rudolphi kommentiert: Kommt nach dem Ulmen- und Eschen-Sterben jetzt das Kastanien-Sterben? Vieles deutet darauf hin. Ein bis vor wenigen Jahren unbekanntes Bakterium breitet sich mittlerweile rasant aus. Es hat in Baden-Baden bereits gut die Hälfte der Rosskastanien befallen. Die städtischen Gärtner müssen geradezu hilflos zusehen, wie die dadurch verursachte Krankheit die Bäume massiv schwächt. Das kann in letzter Konsequenz bis zum Absterben führen, weil es bislang kein wirksames Mittel gibt, um das Bakterium zu bekämpfen.

Wenn die Krankheit im schlimmsten Fall dazu führt, dass die Kastanien aus dem Stadtgebiet komplett verschwinden, wäre das eine Katastrophe für Baden-Baden. Diese Bäume prägen seit etwa 200 Jahren das Bild der Bäder- und Kurstadt. Zum Teil stehen ganze historische Ensembles wie etwa die Kurhaus-Kolonnaden mit ihrer Kastanien-Allee unter Denkmalschutz. Aus diesem Grund pflanzt das Gartenamt nur noch dort Kastanien nach. An den übrigen Plätzen ersetzen andere Baumarten bereits abgestorbene Kastanien.

Da das Bakterium sich voraussichtlich weiter vehement ausbreitet und sich nicht eindämmen lässt, bleibt bislang nur die vage Hoffnung, dass die Natur dieses Problem irgendwann selbst in den Griff bekommt und eine Kastanien-Mutation hervorbringt, die gegen die Krankheit resistent ist. Passiert das nicht und findet die Wissenschaft kein Gegenmittel, werden zentrale Teile der Innenstadt auf lange Sicht wohl anders aussehen. Die Kurhaus-Kolonnaden sind ohne die prächtigen Schattenspender ebenso kaum vorstellbar wie etwa die Sophienstraße, die den Charakter der Innenstadt als zentrale Baumallee entscheidend prägt.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

BNN-Redakteur Michael Rudolphi

Zum Artikel

Erstellt:
11. Mai 2022, 15:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 42sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.