BT-Sportkolumne: Verbale Taktik-Turbos

Baden-Baden (ket) – Abgekippte Dreierketten und ballferne Zehner – der moderne Fußball hat längst seine eigene Sprache entwickelt. Nicht jeder versteht diese allerdings.

Nicht nur sprachlich verwirrend: So sieht Taktik an der Tafel aus. Foto: Thomas Eisenhuth/dpa

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Nicht nur sprachlich verwirrend: So sieht Taktik an der Tafel aus. Foto: Thomas Eisenhuth/dpa

Die Chose musste einfach schiefgehen, schon die Frage des Reporters war viel zu provokant gestellt, als dass die Angelegenheit noch ein gutes Ende hätte finden können. Die Frage lautete schließlich: „Herr Klauß, weshalb war Ihr Matchplan lange Zeit nicht erkennbar gewesen?“

Dazu muss man wissen, dass besagter Herr Klauß, Vorname Robert, von Berufs wegen Fußballtrainer ist und er und seine Berufsgenossen es so gar nicht mögen, nach Niederlagen wie jener, die der von ihm trainierte 1. FC Nürnberg sie gerade gegen St. Pauli erlitten hatte, von Reportern auch noch unbequeme und somit also dumme Fragen gestellt zu bekommen, in denen ihnen mehr oder weniger unterschwellig auch noch die Schuld für die Pleite in die Schuhe geschoben wird, beispielsweise durch das in der Frage implizierte Nichtvorhandenseins eines Matchplans.

Herr Klauß hat also erstmal ziemlich entgeistert aus der Wäsche geguckt, kurz überlegt – und dann zurückgeschlagen. „Fällt mir jetzt schwer, die Frage zu beantworten, weil ich den Matchplan erkannt habe“, sagte er zunächst noch zurückhaltend, um den verbalen Taktik-Turbo sogleich so richtig zu zünden. „Wir sind in einem 4-2-2-2 auf Pressinglinie eins angelaufen, wir wollten nach Ballgewinn über den ballfernen Zehner umschalten. Wir sind im Ballbesitz in eine Dreierkette abgekippt mit dem asymmetrischen Linksverteidiger und dem breitziehenden linken Zehner, so dass wir in ein 3-4-3 respektive 3-1-5-1, je nach dem wo sich Dove (Nikola Dovedan) aufgehalten hat, abgekippt sind“, lautete jedenfalls die Antwort, die gleichsam eine Warnung an den Fragesteller war, frei nach dem Motto: Freundchen, komm du mir nicht mit Dingen, mit denen du dich nicht auskennst, also mit Matchplan und Taktik!

Nachweis fachlicher Kompetenz

Trainer, oft jene, denen es gerade an Erfolg mangelt, reagieren derart bisweilen ganz gerne. Es dient ihnen einerseits als Abwehrmechanismus gegen unbequeme (Reporter-)Fragen, andererseits als Nachweis ihrer fachlichen Kompetenz oder gar Überlegenheit. Fußball, so suggerieren sie damit, ist keineswegs das einfache Spiel, dass weltweit Millionen Menschen unterhält, sondern eine Wissenschaft – und sie somit nicht einfach nur Trainer, sondern Wissenschaftler. Nicht zuletzt sprachlich hat sich das – siehe Beispiel – niedergeschlagen.

Der Fußball hat sich, wenn man so will, akademisiert. Und damit auch in diesem Bereich weiter von der Basis entfernt – und vielleicht sogar ein Stück von sich selbst. Ein Großteil der Fans kann mit all den kippenden Ketten und ballfernen Zehnern schließlich reichlich wenig anfangen. Taktikpäpste wie Ralf Rangnick sind ihm bis heute eher suspekt, vor allem dann, wenn sie ihr Taktikpapst-Sein auch noch offen vor her sich hertragen. Und ob das Gros der Spieler Ausführungen wie jene von Klauß wirklich versteht und nachvollziehen kann, erscheint zumindest fraglich.

Mit Spielern anders reden als mit Trainerkollegen

Muss es auch nicht. Behauptet zumindest der Autor und Journalist Tobias Escher, Mitbegründer des Taktikblogs „spielverlagerung.de“. Klauß habe auf der Pressekonferenz schließlich zu einem speziellen Publikum gesprochen. Mit Spielern wiederum rede er anders als mit Trainerkollegen oder Journalisten. Klauß selbst bestätigt das. „Ich hatte in dem Moment keine Spieler vor mir sitzen, sondern Journalisten und interessierte Zuhörer. Da darf man sich als Trainer auch mit Fachsprache ausdrücken“, stellte er rückblickend fest.

Überhaupt, so Escher, sei es „die große Kunst, schwere Zusammenhänge so herunterzubrechen, dass sie jeder versteht“. Oder umgekehrt: Als Fan müsse man mit solchen Begriffen nicht unbedingt vertraut sein. „Man kann Fußball auch genießen, wenn man nicht weiß, was ein asymmetrischer Außenverteidiger ist.“

Prinzipiell hält Escher Fachbegriffe für notwendig, „um komplexe Sachverhalte herunterzubrechen. Für den Laien klingt es zunächst nicht einfacher, aber wenn ich von einem abkippenden Sechser spreche, dann erspare ich mir viel Arbeit und Zeit, weil ich nicht erklären muss, dass der Spieler im zentralen Mittelfeld sich nach hinten in den Raum der letzten Aufbaulinie fallen lässt“, stellt er fest. Und ergänzt: „Wenn man über Dinge tiefer gehend nachdenkt, braucht man irgendwann neue Wörter, um das zu beschreiben, was man sieht.“ Dass Trainer, die es damit übertreiben, bisweilen als Nerds wahrgenommen werden, liegt in der Natur der Sache.

Nicht für alle ist Fußball eine so einfache Sache wie sie es für Franz Beckenbauer war. Der Kaiser führte die deutsche Nationalmannschaft, so zumindest will es die Legende, einst mit einfachster Vorgabe zum WM-Titel. „Gehts raus und spielt’s Fußball“, soll Beckenbauer nur gesagt haben.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
8. April 2021, 07:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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