Verbotene Musik in Lutherkirche Baden-Baden

Baden-Baden (cer) – Verfemte Musik und Texte waren am Wochenende bei der „Unter Sternen“-Reihe in der Lutherkirche zu hören. Die Schwermut des Thema fingen die Künstler mit viel Empathie auf.

Irina Wagner, Antje Keil und Dominik Wagner (von links) erinnern an die Kunst von Menschen, die in der NS-Zeit verfemt war.  Foto: Christiane Renye

Irina Wagner, Antje Keil und Dominik Wagner (von links) erinnern an die Kunst von Menschen, die in der NS-Zeit verfemt war. Foto: Christiane Renye

„Ich wandre durch Theresienstadt, das Herz so schwer wie Blei… wann wohl das Leid ein Ende hat? Wann sind wir wieder frei?“ Das schrieb die Autorin Ilse Weber, die 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert wurde. Zwei Jahre später wurde sie in Auschwitz ermordet.
Musik und Gedichte, die in der NS-Zeit verboten, also verfemt waren – diesem Thema haben sich das Musiker-Ehepaar Irina und Dominik Wagner sowie die Schauspielerin und Sprecherin Antje Keil gewidmet. Ihre Konzertlesung vor der Sternenkuppel in der evangelischen Lutherkirche in Lichtental erinnerte vor allem an die erschütternden Schicksale von Ilse Weber und Selma Meerbaum-Eisinger (eine Cousine von Paul Celan), die in bewegender Weise ihre unglückliche große Liebe und die Stimmung mitten im Krieg beschrieb: „6. November 1941. Die Tage lasten schwül und schwer, voll wildem bangem Weh. Es ist in mir so kalt und leer, dass ich vor Angst vergeh.“ Selma Meerbaum-Eisinger starb mit nur 18 Jahren in einem Arbeitslager in der heutigen Ukraine.

Ergreifendes Geigensolo

Umrahmt wurden die von Antje Keil eindringlich gelesenen Texte von Irina Wagner (Klavier) und Dominik Wagner (Klarinette) sowie deren Tochter Gloria-Gina (Geige) – mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy, George Gershwin, Darius Milhaud, Viktor Ullmann, Béla Kovács und Issay Dobrowen. Ein wenig aus dem Rahmen gefallen schien dabei der US-Filmkomponist John Williams – aber nur scheinbar, denn er hat den Soundtrack zum Film „Schindlers Liste“ geschrieben. Gloria-Gina Wagner legte dabei viel Gefühl in das ergreifende Geigensolo.

Die Musikstücke wurden mit großem Geschick ausgewählt: Die Schwermut des Themas erdrückte nicht, sondern wurde aufgelockert durch Titel wie „I got Rhyhm“ von Gershwin oder „Sholem Alekhem, Rov Feidman!“ von Kovács – dieses mit einem beeindruckenden Klarinetten-Solo im Klezmer-Stil von Dominik Wagner.

Sowohl dem Ehepaar Wagner als auch der Sprecherin Antje Keil gelang es während der ganzen Veranstaltung, den richtigen Ton und die richtige Haltung zu treffen. Keil rezitierte, sang und sprach mit Empathie und spürbarer Herzenswärme, das Ehepaar Wagner überzeugte mit kraft- und gefühlvollem Spiel. Es war bewegend, zu sehen und zu hören, wie heutige Künstler mit Stimme und Musik ihre verfemten Kollegen aus einer finsteren Zeit aufleben ließen. Zumal, so hieß es eingangs, die Veranstaltung schon letztes Jahr hätte stattfinden sollen – in Zusammenhang mit „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

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Erstellt:
16. November 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 12sec

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