„Verbrechen und Strafe“ im Theater Baden-Baden

Baden-Baden (sga) – Zum 200. Geburtstag kommt Fjodor Dostojewskijs Roman „Verbrechen und Strafe“ auf die Bühne des Theaters. Regisseur Gernot Plass will dabei die Moralfrage dem Zuschauer überlassen.

Freuen sich auf einen „Hörrausch“ im Publikum: Regisseur Gernot Plass, Chefdramaturgin Kekke Schmidt und Hauptdarsteller Jonathan Bruckmeier. Foto: Sarah Gallenberger

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Freuen sich auf einen „Hörrausch“ im Publikum: Regisseur Gernot Plass, Chefdramaturgin Kekke Schmidt und Hauptdarsteller Jonathan Bruckmeier. Foto: Sarah Gallenberger

Wenn man einen kaltherzigen Menschen umbringt, ist das dann wirklich unverzeihlich? Oder wird die Last der Tat geschmälert, weil der Tote selbst keiner von den Guten war? In „Verbrechen und Strafe“ lassen eben diese Fragen den hochmütigen Jura-Student Raskolnikow nicht mehr los, nachdem er einer alten Frau den Schädel eingeschlagen hat.

Denn die Würde des Menschen ist doch unantastbar – oder nicht? „Wir geben der Bühne keinen Raum für die Moral, sondern überlassen das dem Zuschauer“, erklärt Gernot Plass im Vorgespräch des Theaterstücks. Mit seiner Inszenierung von „Verbrechen und Strafe“ wird der Regisseur aus Wien bereits zum dritten Mal in Baden-Baden tätig – diesmal mit einer besonderen Herausforderung, denn „ich muss mit Schmerz eingestehen“, dass der 700 Seiten lange Roman von Fjodor Dostojewskij auf ein knapp zweistündiges Theaterstück reduziert und die Haupthandlung „heruntergebrochen“ ist.

„Ich liebe die rythmische Sprache“

Dostojewskijs Fans dürfen sich trotzdem auf ein Drama freuen und beobachten, wie Jonathan Bruckmeier in die Rolle des Raskolnikow schlüpft, der in der kaltherzigen Wucherin Aljona Iwanowna nicht mehr sieht als eine überflüssige Laus – die allerdings das hat, was ihm so sehr fehlt: Geld. Ein schlechter Mensch weniger auf der Welt, so denkt er, würde diese zu einem besseren Ort machen. Er schlägt ihr mit einem Beil den Schädel ein, und durch einen unglücklichen Zufall auch ihrer Schwester – ein Kollateralschaden. Oder doch nicht? Denn obwohl Raskolnikow so gern kalt, berechnend und überlegen wäre, verfolgt ihn sein Gewissen, dessen sich die Zuschauer während des Stücks annehmen können.

Um die „psychologischen Handlungen aus der Innenwelt der Hauptfigur“ auf die Bühne zu bringen, tut Regisseur Plass das, was er besonders gerne macht. Er spielt mit Versen und lässt Bruckmeier und Co. kein Wort zufällig betonen oder gar sagen: „Ich liebe die rhythmische Sprache“, den jambischen Fünfheber sogar besonders, er verleiht dem Gesprochenen den „wichtigen Sound“ und dem Publikum einen „Hörrausch“. Doch Plass weiß auch: Die Verse „dürfen nicht rattern“, müssen vielmehr rhythmisch klingen, „ich bin mir der Hölle des Verses bewusst“. Bruckmeier im Übrigen auch, spricht von „Fluch und Segen“, ist am Ende aber doch dankbar für das geliebte Stilmittel des Regisseurs: „Es hat etwas Rauschhaftes.“

Raskolnikow begibt sich in einen „Tunnel“

Doch nicht nur die Worte selbst, auch der Wandel der Hauptfigur ist für Bruckmeier einer Herausforderung. Denn während sich Raskolnikow zu Beginn des Stücks körperlich in einem Ausnahmezustand befindet, könnte er im Geiste nicht klarer sein und begibt sich so laut Bruckmeier in einen „Tunnel“, in dem er die „wahnsinnige Idee“ des Mordes fokussiert und schließlich wahr werden lässt. Doch er hält seine Tat nicht aus, fällt im Geiste immer mehr zusammen, bis am Ende schließlich sein „Weltbild zerbröckelt“.

Für Plass war Dostojewskij (seinerzeit berühmter Gast in Baden-Baden) mit „Verbrechen und Strafe“ einigem voraus, sah eine schreckliche Welt aufkommen, in der alles erlaubt ist. Zu seinem 200. Geburtstag wird sein Roman auf der Bühne des Theaters spielen, die Premieren finden am Freitag und Samstag, 10. und 11. August, statt. Es sind noch Resttickets verfügbar.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Gallenberger

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Erstellt:
3. September 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 37sec

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