Verbruggens „Feuervogel“ bezaubert in cooler Varieté-Welt

Karlsruhe (cl) – Coole Dämonenaustreibung in der Varieté-Welt: Das Badisches Staatsballett zeigt die neue „Feuervogel“-Version von Jeroen Verbruggen als Online-Premiere im Karlsruher Opernhaus.

Sinnig gespiegelt durch eine Scheinwelt der Verführungskunst, in der man die Puppen tanzen lässt, aber keiner den anderen nah an sich ran lässt. Kurioserweise: Trotz Verzicht auf Pas de deux bringt Verbruggen einen ergreifenden Paartanz auf die Staatstheaterbühne.  Foto: Costin Radu/Badisches Staatstheater

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Sinnig gespiegelt durch eine Scheinwelt der Verführungskunst, in der man die Puppen tanzen lässt, aber keiner den anderen nah an sich ran lässt. Kurioserweise: Trotz Verzicht auf Pas de deux bringt Verbruggen einen ergreifenden Paartanz auf die Staatstheaterbühne. Foto: Costin Radu/Badisches Staatstheater

Igor Strawinskys schillernder „Feuervogel“ ist beim Badischen Staatsballett im Varieté der 1920er Jahre gelandet, nicht in einer strahlenden Glitzerwelt, sondern im düster-verschleierten Nachtleben, das ans Gangstermilieu erinnert. Der Blockbuster von 1910, geschaffen als ein Auftragsballett der legendären Pariser Ballets Russes, mit den sirrenden, flirrenden Klängen, dem effektvollen, aparten Farbreichtum der Musik des damals 27-jährigen Komponisten hat viele Choreografen der Gegenwart, von George Balanchine bis John Neumeier, inspiriert.

Der belgische Choreograf Jeroen Verbruggen versetzt das Dämonisch-Böse des russischen Zaubermärchens rund um Kaschtscheis magischen Garten aus dem alten Avantgarde-Tanzstück Michail Fokines, mit den damals barfußtanzenden Ballerinen, der Exotik russischer Folklore und den stampfenden Rhythmen, nun in seiner leichtgängigen „Feuervogel“-Version für die Karlsruher Compagnie hinter die Kulissen einer Showwelt, deren Backstagebereich zum Schattenreich einer undurchsichtigen Macht wird.

Die Modernisierung führt zurück in die Entstehungszeit des Balletts, eine Umbruchzeit wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, als sich die Moderne bahnbrechend zu Wort meldete, als Gewissheiten zusammenbrachen, der „Tanz auf dem Vulkan“ exzessiv beschworen wurde. „Die Recherche über den legendären Stoff hat mich immer weiter weggebracht von der ursprünglichen märchenhaften Anlage“, erklärt Jeroen Verbruggen im Livestream vor der Online-Premiere seines „Feuervogel“-Balletts am Samstagabend im leeren Foyer des Badischen Staatstheaters.

Breiners Märchenprolog als Spiel um Schneewitchens Gift-Apfel

Die Premiere via Live-Übertragung aus dem Großen Haus mit Livemusik gelang alles in allem als exzellenter Vorgeschmack auf normale Premierenzeiten und die Leistungsfähigkeit des Staatsballetts. Technisch vom Videoteam des Mehrspartenhauses in Szene gesetzt mit gelungenen Kamerafahrten, Verdichtungen und sinnigen Schnitten, allein das düstere Bühnenlicht im „Feuervogel“, für den Zuschauer vor Ort normalerweise kein Problem, führte die Übertragung bisweilen auf dem Bildschirm zu sehr ins Dunkel.

Die Herausforderungen für Ballettschaffende sind derzeit enorm. Mit Teststrategie können sich die Karlsruher Tänzerinnen und Tänzer immerhin ohne Masken annähern. Großes Handlungsballett mit vielen Mitwirkenden auf der Bühne ist derzeit aber kaum möglich. Deswegen benötigte Verbruggens 45-minütiger „Feuervogel“ einen neuen Prolog – der vorgesehene, dritte Akt von „Dornröschen“ als märchenhafte Einleitung mit „Auroras Hochzeit“ ist nicht coronakonform.

Karlsruhes Ballettchefin hat deswegen ihren Einakter „Verzaubert“ im Märchenmilieu zur live gespielten Klaviermusik Ravels und zu Jazzklängen angesiedelt. Statt der lieblichen Prinzessin, die bekanntlich in 100-jährigen Schlaf fällt, also nun ein somnambules Schneewitchen (Francesca Berruto), das immer wieder nach dem Apfelbiss graziös niedersinkt. Für die Rolle der bösen Stiefmutter hat Verbruggen seinen undurchsichtigen Magier (dominant getanzt von Paul Calderone) als Bindeglied quasi ans Märchenballett ausgeliehen. Auch die goldenen Früchte aus Kaschtscheis Zaubergarten bringt Breiner in ihrem leicht träumerischen Ballett-Stückchen. Eine Reihe von Märchenfiguren wirbelt hindurch, der Apfel wird für die auftretenden Teenies nebenbei zum Apfel der Erkenntnis auf ihrem launigen Weg des Erwachsenwerdens, bis sich zum Schluss ein Junge als Froschkönig (Pablo Octavio) häutet.

Das alte russische „Feuervogel“-Märchen schält sich dagegen vollkommen aus dem Märchenstoff. Für die coole Halbwelt gibt es eine kongeniale musikalische Interpretation, allerdings statt Orchester im engen Graben ein Strawinsky-Arrangement für drei Klaviere, Pauke, Harfe und Schlagzeug – von den Strawinsky-Erben abgesegnet, und für Verbruggens Dämonenaustreibung in der Varieté-Welt mit viel modernem Drive durchaus würdig, nicht nur in Corona-Zeit gespielt zu werden.

Spitzentanz trifft Charleston

Der neue Feuervogel ist ein Starlet (Lucia Solari), die magische Feder ihr verschleierter Hut. Das Staatsballett-Ensemble schreitet lasziv auf der wenig glamourösen Hinterbühnentreppe von Verbruggens Ausstatter-Team (Jürgen Kirner und Ines Alda) auf und ab. Actionreicher Spitzentanz sorgt für dämonische Reminiszenzen, und gespreizter Ballerina-Fuß zum Charleston charakterisiert die halbseidene Showwelt. Prinz Iwan ist hier ein Varieté-Gast in Anzug mit Melone (Joshua Swain), verliebt ins Chorus-Girl (Carolin Steitz). Bubikopf, knappe Kostüme, Straps und wirbelnde Frackschöße unterstreichen stilistisch den Varieté-Charakter. Symbolisch eingesetzt sind kleine Schminkspiegel an den Bühnenwänden, die von den Tänzern mitunter auch als Masken getragen werden. Hier wird buchstäblich dem anderen ein Spiegel vorgehalten, während man selbst dahinter flirrend entschwindet.

Da wird die coronagerechte Distanz beim Tanz von Verbruggen sinnig gespiegelt durch eine Scheinwelt der Verführungskunst, in der man die Puppen tanzen lässt, aber keiner den anderen nah an sich ran lässt. Kurioserweise: Trotz Verzicht auf Pas de deux bringt Verbruggen einen ergreifenden Paartanz – immer mit Distanz, flott an der Wand entlang – zwischen Iwan und dem angebeteten Chorus-Girl hervor.

Das Ballett zur Zeit ist doch auch mehr. Der ursprünglich geplante Tanzabend mit „Dornröschen“-Akt und „Feuervogel“ soll noch auf den regulären Spielplan des Staatsballetts kommen, wie Direktorin Bridget Breiner vor der Premiere im BT-Gespräch erklärte.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
18. April 2021, 23:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 19sec

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