„Verein Deutsch Sprache“: Stadt Rastatt muss Mitglied bleiben

Rastatt (dm) – Die Stadt Rastatt hätte die Mitgliedschaft im „Verein Deutsche Sprache“ gerne beendet. Man ist nicht mit allen Inhalten einverstanden, die der Verein verbreitet, der unter anderem auch einen Aufruf gegen „Gender-Unfug“ gestartet hat. Die Ratsmehrheit folgte dem Ansinnen nicht.

Seit Grimms deutschem Wörterbuch, im 19. Jahrhundert erschienen, hat sich die deutsche Sprache verändert. Foto: dpa

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Seit Grimms deutschem Wörterbuch, im 19. Jahrhundert erschienen, hat sich die deutsche Sprache verändert. Foto: dpa

Die Stadt bleibt, so hat es der Gemeinderat mehrheitlich beschlossen, entgegen dem Vorschlag der Verwaltung Mitglied im „Verein Deutsche Sprache“ (VDS), der sich zum Ziel gesetzt hat, Deutsch als eigenständige Kultursprache zu erhalten und zu fördern.

Ob die deutsche Sprache tatsächlich in ihrer Existenz bedroht ist, sei einmal dahingestellt – sie lebt und verändert sich seit Jahrhunderten, nimmt mal aus dieser, mal aus jener Sprache Worte mit auf, seit Jahren zunehmend aus dem Englischen. Die Art, Weise und Menge ist manchen indes ein Dorn im Auge, auch der VDS widersetzt sich insbesondere der Anglisierung des Deutschen. Ob die seit 2007 bestehende Mitgliedschaft Rastatts in dieser Mission tatsächlich Wirkung zeigt, kann man hinterfragen, sie ist aber, und das war der Ratsmehrheit offensichtlich wichtig, ein Statement (Verzeihung: eine Aussage, Erklärung). Tatsächlich: Anglizismen, zumal falsche, treiben immer wieder ihre Blüten – Public Viewing ist im englischsprachigen Raum eigentlich die Aufbahrung eines Leichnams, und das Wort Handy bedeutet „praktisch“ oder „nützlich“, es steht im Englischen nicht etwa für ein Mobiltelefon. Gleichwohl: Der Verein ist politisch und auch unter Sprachwissenschaftlern nicht unumstritten. Die „Sprachnachrichten“, das vierteljährliche Vereinsblatt, das im Zuge der Mitgliedschaft auch an die Rastatter Stadträte ausgegeben wird, hat mitunter Inhalte, die zumindest Jonas Weber (SPD) nicht mehr lesen möchte, weshalb er anregte, die Mitgliedschaft der Stadt zu überdenken.

Über die Inhalte wurde im Rat indes nicht diskutiert. VDS-Vorsitzender Walter Krämer hat beispielsweise mal vom „aktuellen Meinungsterror unserer weitgehend linksgestrickten Lügenmedien“ geschrieben. Pegida-Sprache nennen das Kritiker. Und als das deutsche Publikum (mal wieder) einen englischsprachigen Beitrag zum Eurovision Song Contest schickte, schrieben die „Sprachnachrichten“ von „Amigedudel“ und nannten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten „Erfüllungsgehilfen des angelsächsischen Kulturimperialismus“. Etwas weniger verbissen geht es vermutlich auch...

Die Stadt habe keinerlei Nutzen von der VDS-Mitgliedschaft, sagt die Verwaltung. Schon zu Beginn seiner Amtszeit habe er die Kündigung angehen wollen, so OB Hans Jürgen Pütsch, doch keine Unterstützung gefunden. Nun wollte man unter anderem nicht mehr mittragen, dass der Verein zum Widerstand aufruft gegen die „zunehmenden, durch das Bestreben nach mehr Geschlechtergerechtigkeit motivierten zerstörerischen Eingriffe in die deutsche Sprache, kurz Gender-Unfug“. Mit diesem Aufruf wolle sich die Stadt „in keiner Weise identifizieren“, hieß es im Vorfeld der Sitzung. 15 Räte stimmten zu, doch 27 sahen dies offensichtlich anders (und zweien war’s egal).

Schutz, Erhalt und Förderung der deutschen Sprache: Das wollen auch die Freien Wähler, betonte deren Vorsitzender Herbert Köllner. Dass derweil viel von Home-Office, Home-Schooling und Lockdown die Rede ist, zeige, dass Bedarf gegeben sei; bei übertriebenen, auch falschen Formen des Genderns („Mitgliederinnen und Mitglieder“) stellten sich ihm die Nackenhaare. Den Anglizismen Einhalt zu gebieten, sei ein wertvoller Beitrag des Vereins, so Mathias Köppel für die CDU, der beispielhaft den Begriff „social distancing“ kritisierte, womit die räumliche und nicht etwa soziale Distanzierung gemeint sei. Roland Walter (Grüne) sieht indes wenig Sinn in einer VDS-Mitgliedschaft, es zwinge schließlich niemand die Leute, zum „Shoppen“ statt zum Einkaufen zu gehen. Michael Ams (FuR) betonte, dass seine Wählervereinigung gerne die 35 Euro Mitgliedsbeitrag pro Jahr übernehmen könne, wenn es hier etwa ums Geld gehe.... Ansonsten müsse man es aushalten können, wenn ein Verein Sprach-Auswüchse „satirisch aufs Korn nimmt“.

Dass im Anglizismus-Index des Vereins, in dem deutsche Worte als Ersatz für englische vorgeschlagen werden, auch Begriffe wie Halloween („Gespensternacht“), Fairness („Anständigkeit“) und E-Mail („Netzpost“) aufgeführt sind, ist allerdings eher ernst gemeint.

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Erstellt:
23. Juni 2020, 17:18 Uhr
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