Verfremdete Landschaft

Zürich (hdf) – Das Kunsthaus Zürich zeigt Gerhard Richter als Landschaftsmaler. Diese Gattung hat sein Werk stets begleitet.

Gerhard Richter „Eis“ (1981), aus der Sammlung Ruth McLoughlin, ist in der Ausstellung im Kunsthaus Zürich zu sehen. Foto: Kunsthaus Zürich

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Gerhard Richter „Eis“ (1981), aus der Sammlung Ruth McLoughlin, ist in der Ausstellung im Kunsthaus Zürich zu sehen. Foto: Kunsthaus Zürich

Das eine Zeit lang in schöner Regelmäßigkeit wiederholte Verdikt über die Malerei als überholter Kunstform konnte sich speziell auf die Landschaft berufen. Denn gab es etwas Altmodischeres, als eine Landschaft zu malen? In der frühen Neuzeit, seit der Renaissance war das Genre den Gattungen Historiengemälde und Porträt klar nachgeordnet. Erst im Barock erlebte es eine frühe Blüte, um in der Romantik zur bedeutendsten Gattung der Malerei zu avancieren. In der Gegenwartskunst schien die Landschaft aus der Mode gekommen zu sein. Gab es sie als Bildgattung überhaupt noch?

Doch der prophezeite Tod der Malerei trat sowenig ein wie das Verschwinden der Landschaft. Zumal in den letzten, zehn, fünfzehn Jahren erlebte das Genre sogar eine bemerkenswerte Wiederkehr. In der unmittelbaren Gegenwart – der Zeit der Pandemie mit ihren Lockdown-Phasen – kam ihr bereits in lebensweltlicher Hinsicht eine unerwartete Aktualität zu. Wie trostreich war es nicht, die Wohnung wenigstens zu Spaziergängen in der Natur verlassen zu können. Man darf gespannt sein auf die Folgen für die Kunst.

Für Gerhard Richter war die Landschaft seit seinen künstlerischen Anfängen Ende der 1950er Jahre ein Thema gewesen. Sie ist es bis heute geblieben. Neben dem Porträt stellt die Landschaft eine Konstante in seinem umfangreichen malerischen und grafischen Werk dar. Dieser wichtigen Facette seines Schaffens widmet in seinem großen Ausstellungssaal das Kunsthaus Zürich eine umfangreiche Ausstellung.

Unterschiedliche Herangehensweisen

Die Exponate von „Gerhard Richter – Landschaft“, nämlich Gemälde und Zeichnungen, Fotocollagen und übermalte Fotografien, Druckgrafiken und Künstlerbücher von 1963 bis 2018, stammen aus Museums- wie Privatbesitz. Zu sehen sind Meeresküsten, Berge und Täler, Wiesen und Wälder, Eisberge, Wolkenformationen oder der Sternenhimmel; nicht zuletzt Stadtlandschaften. Eine beachtliche Zahl der rund 140 ausgestellten Werke steuerte der Künstler aus eigenem Besitz bei.

Die in Zusammenarbeit mit dem Kunstforum Wien (dort war sie zuerst zu sehen) realisierte und von Hubertus Butin sowie Cathérine Hug kuratierte Ausstellung ist thematisch angelegt. In vier großen Bereichen lassen sich unterschiedliche Herangehensweisen Richters an das Landschaftsthema studieren. Den „Landschaften aus zweiter Hand“ am Beginn etwa liegen Fotografien zugrunde: Reproduktionen aus Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern; ab 1968 auch eigene Fotografien Richters oder Familienfotos. Indem die gemalten Bilder die Ästhetik der Fotografie akzentuieren, sind es weniger originäre Landschaften als gemalte Fotografien.

Dass Richter sich fremde Motive aneignet, bedeutet den bewussten Verzicht auf subjektiven Ausdruck. In gespieltem Frohsinn posiert die „Familie im Schnee“ von 1966 vor der Kamera. „St. Moritz“ zeigt den Gebirgsort im engen Ausschnitt eines bis zur Beliebigkeit banalen Motivs. Das „Waldhaus“ des gleichnamigen Bildes wiederum ist scharf an den Rand gerückt; die Komposition ist untypisch für ein Gemälde und lässt an ein ohne Ambition geschossenes schnelles Foto denken. Der klassischen Vorstellung eines Landschaftsbilds entsprächen am ehesten Gemälde wie „Wiesental“, „Wasserfall“ oder „Seestück“ – wären die Motive dabei nicht so verschwommen. Bei Richter scheinen noch im Verfremdungseffekt verlorene Möglichkeiten der Malerei selbst auf.

„Einen Traum zurückzuholen“

Einmal bezeichnete sich der Landschaftsmaler Richter als „Erbe einer ungeheuren, großen, reichen Kultur der Malerei, der Kunst überhaupt, die wir verloren haben, die uns aber verpflichtet“. Es gehe ihm „ein bisschen“ auch darum, „einen Traum zurückzuholen“. Gemälde wie Abendstimmung oder „Landschaft bei Hubbelrath“ (beide 1969) lassen sich ein Stück selbst mit Landschaftsmalerei à la Caspar David Friedrich in Verbindung bringen, auf den sich Richter berief.

Auch „Ruhrtalbrücke“ zeigt diese Elemente. Doch wenn die riesige Autobahnbrücke die Bildfläche quert, wird jede romantische Assoziation durchkreuzt und darin der Friedrich-Bezug relativiert. „Was mir fehlt, ist die geistige Grundlage, auf der die romantische Malerei beruhte. Wir empfinden nicht mehr die ‚Allgegenwart Gottes in der Natur‘. Für uns ist alles leer“, sagte Richter einmal. Seine Landschaftsbilder nennt er „Kuckuckseier“. Und doch zeigen sie seine „Sehnsucht“, er nannte sie einen „Traum nach klassischer Ordnung und heiler Welt“. Darüber hinaus existieren von Richters Hand durch Aufspachteln von Farbe oder Überrakeln übermalte fotografische Landschaften – hochinteressante Hybride aus Lichtbild und Malerei. Zu sehen bis 25. Juli.

Ihr Autor

Hans-Dieter Fronz

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Erstellt:
6. Juli 2021, 23:00 Uhr
Lesedauer:
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